Kommentar: Und wieder verstolpert sich der Kanzler

Kommentar: Und wieder verstolpert sich der Kanzler


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Stand: 01.04.2026 • 20:03 Uhr

Mit seiner Aussage zur Rückkehr von Syrern, hat Kanzler Merz einmal mehr gezündelt, meint Georg Schwarte. Und das ohne Not. Eine vertane Chance – denn genauso gut hätte Merz einmal Mut machen können.

Georg Schwarte

Da war er dann wieder, der impulsgesteuerte Herr Merz. 80 Prozent der syrischen Flüchtlinge sollen in den kommenden drei Jahren gehen. Und es ist da fast schon egal, ob ihm der syrische Präsident Zahl und Datum beim gemeinsamen Mittagessen einflüsterte, oder der Kanzler wie früher schon öfter dachte: Klingt gut, Klartext. Raus damit.

Danach ein Kanzleramt im Krisenmodus und ein Regierungssprecher, der mit Blick auf den 80-Prozent-Wahnsinn und das konkrete Datum bis zur Bundestagswahl in drei Jahren sagt: Es tue nichts zur Sache, wer welche Zahl in diesem Kontext genannt habe. Doch, es tut was zur Sache. Es war der Kanzler, nicht der Hausmeister im Kanzleramt.

Es sind keine Zahlen, es sind Menschen

80 Prozent aller syrischen Flüchtlinge, das wären bis zu 800.000 Menschen, die in drei Jahren gehen sollen. “Zahlenspiele” nennt das der Merz-Erklärer und Regierungssprecher Stefan Kornelius jetzt. Aber es sind eben keine Zahlen, es sind Menschen, von denen der Kanzler da redete. 300.000 davon in Arbeit. Eine Viertelmillion zahlt Sozialbeiträge, ist integriert. Sie sind Pflegerinnen, Ärzte, Kassierer, Busfahrerinnen.

Warum in aller Welt fällt diesem Kanzler so etwas ausgerechnet jetzt ein? Das Ganze übrigens ohne Not. Nur, weil Friedrich Merz eben ist, wie er ist. Freundlich formuliert: impulsiv. Gefährlich unbeherrscht, würden seine Kritiker sagen. Die Menschen hier reden gerade über den Benzinschock, die Wirtschaftsinstitute halbieren die Wachstumsprognose, die Bundesregierung trommelt für Reformen auf allen Großbaustellen dieser Republik. Die eine Hälfte hat Angst vor der Zukunft, und die andere wünscht sich einen Agenda-Ruck fürs Land.

Satz fürs Poesiealbum der Merz-Versprecher

Und der Kanzler? Zündelt mit einem verstolperten Satz, der wie andere Sätze im Poesiealbum der Merz-Versprecher landen wird. Er hätte eine positive Geschichte erzählen können: Von einem Syrien, das mit deutscher Hilfe jetzt wieder aufgebaut wird, von Chancen für alle, von Hoffnung. Merz als Mutmacher statt Miesepeter.

Am Tag, als der Regierungssprecher sagt, dass eine signifikante Zahl von Syrern das Land verlassen müsse, attestieren Wirtschaftsforscher dieser Idee – 80 Prozent der Geflüchteten nach Syrien zu schicken – Realitätsferne. Weil sie das Demografieproblem verschärfe, das Potenzialwachstum abwürge.

Es sollte um die Wirtschaft gehen

Eine Vorgängerin von Merz, Angela Merkel, hatte einst in ihrem Büro eine Plastik mit dem Namen Kairos stehen. Der Begriff hat ihr stets gefallen – Kairos. Es ist der perfekte Moment, eine Gelegenheit zu nutzen, bevor sie verstreicht. Der Kanzler nutzt gern jede Gelegenheit, den falschen Moment zu wählen.

Deutschland steckt in der größten Wirtschaftskrise der Nachkriegsgeschichte. “It‘s the economy” stupid. Um die Wirtschaft sollte es jetzt eigentlich gehen. Und um die Menschen. Vielleicht ganz gut, dass jetzt erst einmal Ostern kommt und der Kanzler Urlaub macht.

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