Deutschlands führende Wirtschaftsforscher treten massiv auf die Bremse. Sie halbieren die Konjunkturprognose für das laufende Jahr. Die Folgen des Iran-Kriegs gefährden den Aufschwung massiv.
Deutschland muss sich in diesem Jahr auf deutlich weniger Wachstum einstellen, gleichzeitig dürfte die Inflation wieder anziehen. Hauptgrund für die düstere Prognose sind die Folgen des Iran-Krieges, vor allem die stärkste Energiekrise aller Zeiten, wie jüngst die Internationale Energieagentur (IEA) erklärte. Denn noch immer ist der Seeweg durch die Straße von Hormus gesperrt, die Ölpreise sind seitdem um rund 60 Prozent gestiegen. Immerhin ein Fünftel der Weltöltransporte geht durch den engen Seeweg am Persischen Golf.
Konkret erwarten die Forscher der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute nur noch ein BIP-Wachstum von 0,6 Prozent, bisher lag die Prognose bei 1,3 Prozent. Auch für 2027 revidierten die Forscher ihre Wachstumsprognose erheblich von bisher 1,4 Prozent auf 0,9 Prozent. Die Zahlen waren bereits im Vorfeld durchgedrungen.
Jahresinflation höher prognostiziert
“Der Energiepreisschock im Zuge des Iran-Krieges trifft die Erholung hart, gleichzeitig stützt aber die expansive Fiskalpolitik die Binnenwirtschaft und verhindert ein stärkeres Abrutschen”, sagt ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser.
Die Institute erwarten außerdem ein spürbares Anziehen der Verbraucherpreise. Nach ihrer Einschätzung wird die Inflationsrate in diesem Jahr auf durchschnittlich 2,8 Prozent steigen und 2027 auf 2,9 Prozent.
Reiche fordert Strukturreformen
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche hat angesichts der schwachen Konjunkturprognose der führenden Forschungsinstitute mutige Strukturreformen gefordert. Die Botschaft der Frühjahrsdiagnose sei eindeutig, erklärte die CDU-Politikerin. “Der Konflikt im Nahen Osten erhöht den Druck auf die deutsche Politik, Strukturreformen konsequent anzugehen.” Es sei jetzt die Zeit, entschlossen zu handeln und die Grundlage für künftiges Wachstum zu stärken. Strukturelle Defizite dürften nicht länger aufgeschoben werden.
Deutschland weiter von fossilen Brennstoffen abhängig
Gerade die aktuelle Energiekrise macht deutlich, wie verwundbar Deutschland auch weiter unmittelbar ist – und dies, obwohl der Anteil der Erneuerbaren Energien bei der Stromerzeugung nach Daten der Bundesnetzagentur im letzten Jahr bei 58,8 Prozent lag.
Aber ohne fossile Brennstoffe geht es für eine große Exportnation wie Deutschland nicht – gerade die Funktionsfähigkeit internationaler Lieferwege ist stark davon abhängig. Sind diese gestört, ist gerade für die deutsche Exportindustrie der Schaden immens. Auch das macht die verheerende Wirtschaftsprognose der Institute deutlich.
Bleibt der Aufschwung stecken?
Klar wird, dass der Iran-Krieg und die damit verbunden dramatische Verteuerung der Energiepreise der Bundesregierung zunächst einen großen Strich durch ihre Aufschwungshoffnungen macht. Diese hatten seit Anfang des Jahres die Börsen beflügelt, gestützt vor allem von den hohen Sondervermögen des Bundes für Infrastruktur und Klimaneutralität (SVIK), aber auch die Verteidigung.
Ein geringeres Wirtschaftswachstum führt zudem in aller Regel auch zu geringeren Steuereinnahmen und engt somit den Spielraum des Staates weiter ein. Das Frühjahrsgutachten bildet eine entscheidende Grundlage für die Steuerschätzung der Regierung.
Inflation dürfte anziehen – Stagflation droht
Ein weiterer wichtiger Nebeneffekt des Iran-Krieges: Die Inflation zieht wegen der hohen Energiepreise derzeit deutlich an, zuletzt im März. Besonders stark verteuerte sich im März Energie.
Steigende Preise dämpfen bekanntlich die Konsumlust der Verbraucher, zudem werden die Notenbanken auf den Plan gerufen. Die Inflationsprognose von 2,8 Prozent für 2026 und 2,9 Prozent für 2027 liegt deutlich über der Zielzone der europäischen Zentralbank (EZB) von 2,0 Prozent. In der Eurozone waren die Verbraucherpreise zuletzt um 2,5 Prozent gestiegen.
Um die Inflation zu bekämpfen, verschärfen diese die Geldpolitik, meist durch Erhöhung der Zinsen. Aber der Spielraum der Notenbanken ist in einem Szenario steigender Preise bei gleichzeitig fallendem Wachstum, einer sogenannten Stagflation, begrenzt. Denn höhere Zinsen würgen im Gegenzug die Konjunktur ab, was ebenfalls nicht gewünscht wird.
Die Probleme liegen tiefer
Die aktuelle Krise hält Deutschland den Spiegel vor. Der Konkurrenzdruck für das deutsche Industriemodell der Nachkriegszeit wird nicht zuletzt aufgrund der ungleich höheren Kosten immer höher. Bestes Beispiel ist die Autoindustrie, jahrzehntelang eine deutsche Vorzeige- und Schlüsselindustrie, die sich derzeit nur noch mit Mühe der billigeren chinesischen Konkurrenz erwehren kann. Auch die Chemieindustrie oder der Maschinenbau; alle Kernbereiche sind ähnlich betroffen.
Für die Regierenden eine Quadratur des Kreises. Einerseits ist der soziale Friede im Hochlohn- und Hochpreisland Deutschland ein hohes Gut; andererseits muss die Wirtschaft konkurrenzfähig bleiben.
Nur ein kräftiges Wirtschaftswachstum kann so manch lieb gewonnen Zopf davor bewahren, abgeschnitten zu werden. Eine Stagflation wäre sicherlich das ungünstigste aller Szenarien und würde den Druck auf die Industriearbeitsplätze weiter erhöhen – zumal dann, wenn die Krise länger anhalten sollte. Auch das steckt hinter der heutigen Botschaft der Wirtschaftsforschungsinstitute – und wohl auch hinter dem, was die Bundeswirtschaftsministerin anmahnt.


