Ein Jahr nach dem Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt trauert die Stadt noch immer. Auch die Kulturszene will sich einbringen beim Gedenken an die Opfer – mit einem Denkmal und einem Theaterstück.
Heute jährt sich der Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt zum ersten Mal. Vor einem Jahr fuhr Taleb A. mit einem SUV ungebremst über den abendlich gut besuchten Markt. Dabei starben sechs Menschen, weit mehr als 300 wurden verletzt.
Auf dem Weihnachtsmarkt selbst ist das Gedenken daran immer wieder präsent, zum Beispiel in Form von Gedenkstunden. Es sind diese Momente, wenn das typische Hintergrundgedudel des Marktes von läutenden Glocken abgelöst wird und Stille einkehrt. Dann spürt man, dass viele Magdeburger kurz innehalten und der Opfer des Anschlags gedenken.
Das Glockengeläut sei aber nur eine Form des Erinnerns, sagt Oberbürgermeisterin Simone Borris. Eine andere sind die Gedenksteine: Sechs von den Angehörigen gestaltete Platten erinnern an die Todesopfer, ein weiterer Stein wird zum Jahrestag eingesetzt und widmet sich den Hunderten Verletzten und Helfenden. Die Gedenksteine nennt Borris eine “Zwischenlösung”. Sie betont, die Steine seien noch nicht das abschließende Denkmal, das die Stadt seit Längerem plant.
Kunst kann Gedenken öffnen
Ursprünglich hatte die Stadt die Bürger aufgerufen, Vorschläge für einen respektvollen Gedenkort zu machen und wünschte sich dabei die Unterstützung des Kunstmuseums. Oberbürgermeisterin Borris sagt, dabei sei man aber schnell “auf den Boden der Realität zurückgeholt worden”. Denn die Realisierung eines künstlerisch gestalteten Denkmals sei komplizierter als erwartet: Einerseits müsse man die Wünsche der Angehörigen der Todesopfer berücksichtigen und die der Bürger. Doch ein künstlerisches Werk könne nicht immer mit dem übereinstimmen, was sich der Magdeburger oder die Magdeburgerin vorstelle – vielmehr beinhalte es auch die Gedanken der Künstlerin oder des Künstlers.
Grundsätzlich hat sich der Stadtrat unlängst für ein künstlerisches Denkmal entschieden. Doch bei der Suche nach einer Künstlerin oder einem Künstler ist man noch am Anfang. Auch wie es am Ende aussehen soll, ist noch offen.
Ein solcher Prozess brauche Zeit, sagt auch die Chefin des Magdeburger Kunstmuseums, Annegret Laabs. Denn “Kunst kann mehr”, findet sie. Anders als Gedenksteine, die sehr konkret den Opfern gewidmet sind, habe Kunst eine eher assoziative und offenere Herangehensweise an das Gedenken: “Kunst hinterfragt, macht Unsichtbares sichtbar und Unhörbares hörbar.”
Geplantes Theaterstück sorgt für Protest
Ähnlich beschreibt es Bastian Lomsché für das Theater in Magdeburg. Als städtischer Kulturort sei man in der Verantwortung gewesen, die Räume für erste Gedenkstunden mit Konzerten und auch für die journalistische Pressekonferenz zu öffnen. Gleichzeitig sehe sich gerade das Schauspiel in einer anderen Rolle. Theater könne abstrahieren, findet Lomsché, der zum Schauspieldirektoren-Trio des Theaters gehört. “Wir können uns ein Stück weg bewegen von der puren Faktenlage und können sagen: Wir versuchen Gedanken mal zu vergrößern, Perspektiven zu Ende zu denken.”
So hatte man schon in der Spielzeitvorstellung für das Jahr 2026 erklärt, man werde sich mit den Auswirkungen des Anschlags auf theatrale Weise beschäftigen. Eine Ankündigung, die jedoch Monate vor der Premiere des geplanten Stücks Ende Mai kommenden Jahres zu öffentlichen Protesten führte – mit der Forderung, das Stück zu unterbinden. Dem Theater war vorgeworfen worden, das Leid der Betroffenen nachzuspielen und mit dem Anschlag Profit zu machen.
Räume zum Austauschen schaffen
“Das war nie unser Ansinnen”, stellt Lomsché klar. “Wir wollen einen Raum schaffen, in dem Menschen zusammenkommen können und sich auseinandersetzen über diesen Anschlag, über die Folgen, über das, was das mit der Stadt Magdeburg gemacht hat und immer noch macht.”
Denn der Anschlag steht in einem fortwährenden Kontext. Da gibt es die Trauer und Wut der Betroffenen, aber auch etliche Begleitumstände. Dazu zählen Schuldzuweisungen und der Gerichtsprozess gegen den Täter, der die Stadtgesellschaft aufwühlt. Daher sind für Lomsché diese Räume zum Austauschen so wichtig. Er befürchtet, dass andernfalls “bestimmte Kräfte für sich eine Narration beanspruchen” über den Anschlag und seine Folgen: “Das geht in meiner Wahrnehmung auch in eine politische Richtung, gegen die man sich stemmen muss.” Denn auch das gehört zur Gedenkkultur.

