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Deutlich weniger Wachstum, höhere Inflation: Die Folgen des Iran-Kriegs dürften sich auch hierzulande widerspiegeln. Führende Wirtschaftsforschungsinstitute korrigieren daher ihre Konjunkturprognosen.
Die Folgen des Iran-Krieges haben Europa längst erreicht: Die Konjunkturprognosen werden offenbar nach unten korrigiert. In ihrer Gemeinschaftsdiagnose für die Bundesregierung, dem sogenannten Frühjahrsgutachten, das am Mittwoch offiziell in Berlin vorgestellt werden soll, erwarten führende Wirtschaftsforschungsinstitute für das laufende Jahr nur noch ein Wachstum des Bruttoinlandsproduktes von 0,6 Prozent.
Das sagten mit den Zahlen vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters. In der Herbstprognose wurde noch ein mehr als doppelt so starkes Plus von 1,3 Prozent erwartet. Für 2027 kappten die Ökonomen ihre Vorhersage ebenfalls deutlich, und zwar von 1,4 auf 0,9 Prozent.
Deutlich weniger Wachstum – dafür mehr Inflation: Die Institute – das Essener RWI, das Münchner ifo-Institut, das IfW in Kiel, das IWH in Halle und das Berliner DIW – rechnen dadurch auch für das gesamte Jahr mit einer deutlich höheren Inflation. Sowohl in diesem als auch im kommenden Jahr dürften die Verbraucherpreise um 2,8 Prozent steigen, wie Insider gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters berichten. Bislang waren die Ökonomen nur von 2,0 und 2,3 Prozent ausgegangen.
Inflation deutlich gestiegen
Die Inflation ist in der Eurozone bereits jetzt deutlich gestiegen: Waren und Dienstleistungen verteuerten sich im März um durchschnittlich 2,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat, wie das EU-Statistikamt Eurostat heute mitteilte.
Ähnlich sieht es in Deutschland aus: Demnach stiegen die Verbraucherpreise im Vergleich zum Vorjahresmonat um 2,7 Prozent, wie das Statistische Bundesamt in einer ersten Schätzung mitteilte. Das ist der höchste Wert seit Anfang 2024. Im Februar hatte sich die Teuerung noch abgeschwächt und 1,9 Prozent betragen.
Wenig überraschend waren daran vor allem die gestiegenen Energiepreise schuld: Sie legten in Deutschland im März erstmals seit Dezember 2023 zu – um voraussichtlich 7,2 Prozent. Grund sind die Folgen des Iran-Krieges, der die Energiekosten nach oben treibt und Benzin- und Dieselpreise von zwei Euro und mehr pro Liter längst Normalität werden lässt.
Verbraucher werden vorsichtiger
Einzelne Wirtschaftsdaten, die in den vergangenen Tagen veröffentlicht wurden, deuteten bereits an, dass der erhoffte Wirtschaftsaufschwung auch in diesem Jahr schwierig wird. So ist etwa die Stimmung unter deutschen Verbraucherinnen und Verbrauchern deutlich gesunken: Der Iran-Krieg, damit verbundene Konjunktursorgen und in der Folge schwache Einkommenserwartungen trüben die Stimmung. Das Konsumklima der GfK-Marktforscher und des Nürnberger Instituts für Marktentscheidungen (NIM) ist für April deutlich gefallen, auf minus 28,0 Punkte.
“Wird das Geld an der Tankstelle ausgegeben, steht es für Konsum nicht mehr zur Verfügung”, sagte Chefvolkswirt Alexander Krüger von der Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank. Für den Dienstleistungssektor und Handel seien das trübe Aussichten.
Denn durch den Kaufkraftentzug dürfte der private Konsum als Konjunkturmotor ausfallen. Dafür spricht auch, dass der Einzelhandel schon vor Beginn des Nahost-Kriegs am 28. Februar mit sinkenden Umsätzen zu kämpfen hatte. Inflationsbereinigt fielen die Einnahmen im Februar um 0,6 Prozent zum Vormonat, nachdem es im Januar sogar ein Minus von 1,1 Prozent gegeben hatte.
Nicht nur hohe Energiepreise belasten
Nicht nur den Verbrauchern, sondern auch den Unternehmen machen die Kriegsfolgen zu schaffen. Neun von zehn Industriebetrieben in Deutschland sehen ihre Geschäfte durch den Iran-Krieg beeinträchtigt. Nur neun Prozent fühlen sich derzeit nicht betroffen, wie eine Umfrage des Münchner ifo-Instituts zeigt. “Der Konflikt trifft die Industrie unmittelbar, sorgt aber vor allem für große Unsicherheit”, sagte der Leiter der ifo-Umfragen, Klaus Wohlrabe. “Viele Firmen stellen sich auf zusätzliche Belastungen in den kommenden Monaten ein.”
Zur Begründung nennen mit 78 Prozent die meisten Industrieunternehmen die gestiegenen Energiepreise. Aber auch Einschränkungen bei Schifffahrtswegen und Lieferschwierigkeiten bei Vorprodukten und Rohstoffen werden zur Belastung. Rund ein Viertel der befragten Unternehmen geht zudem von einer abnehmenden Nachfrage auf wichtigen Exportmärkten aus.
“Die Ergebnisse verdeutlichen, dass sich die wirtschaftlichen Folgen des Iran-Kriegs bereits jetzt abzeichnen und sich über verschiedene Kanäle noch verstärken könnten”, sagte Wohlrabe. Schon jetzt weisen viele Firmen auf finanzielle Risiken hin, etwa durch unsichere Fracht- und Logistikkosten, steigende Versicherungsprämien oder erhöhte Zahlungsrisiken. “Je länger die Unsicherheit anhält, desto größer werden die wirtschaftlichen Probleme für die Unternehmen”, so Wohlrabe.
Unternehmen wollen Preise erhöhen
Und die Unternehmen wollen diese Belastung nicht allein tragen: Derzeit planen wesentlich mehr Unternehmen als zuvor mit höheren Preisen. Ein entsprechender Indikator des ifo-Instituts stieg im März auf 25,3 Punkte und damit auf den höchsten Wert seit März 2023, wie das Institut gestern mitteilte. Im Februar hatte der Indikator 20,3 Zähler betragen. Das dürfte ein erster Indikator dafür sein, dass die Steigerung bei den Verbraucherpreisen im März nicht die letzte diese Art gewesen sein dürfte. “Der Preisdruck in Deutschland nimmt wieder spürbar zu”, erklärte ifo-Umfragenleiter Klaus Wohlrabe.
Aktuell diskutiert die schwarz-rote Koalition, welche Entlastungen am besten gegen hohe Energiepreise wirken könnten. Entscheidungen werden nach Ostern erwartet. Ein erstes Paket, das unter anderem Preiserhöhungen an Tankstellen auf ein Mal pro Tag begrenzt, gilt auch in der Regierung als nicht ausreichend.
Staatsschulden wachsen weiter
Für den seit knapp einem Jahr amtierenden Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) dürfte die morgige Vorstellung des Frühjahrsgutachtens deshalb ein unangenehmer Termin werden. Denn die Frühjahrsprognose dient der Bundesregierung als Basis für ihre neuen Projektionen, die wiederum die Grundlage für die Steuerschätzung bilden. Und tendenziell führt weniger Wachstum eher zu weniger Steuereinnahmen für den Staat.
Obwohl diese dringend nötig wären, denn die aktuelle Bundesregierung will dauerhaft mehr Investitionen ermöglichen – ohne dass die Staatsschulden aus dem Ruder laufen. Die sind im vergangenen Jahr bereits deutlich gestiegen. Nach Berechnungen der Bundesbank legten die Gesamtschulden um 144 Milliarden Euro auf 2,84 Billionen Euro zu. Dabei wuchsen die Schulden des Bundes einschließlich der Extra-Haushalte mit zusätzlich 107 Milliarden Euro am stärksten. Dieser Betrag hat sich gegenüber dem Vorjahr (36 Milliarden Euro) nahezu verdreifacht. Die Schuldenquote – also das Verhältnis der Schulden zur Wirtschaftsleistung – stieg um 1,3 Prozentpunkte auf 63,5 Prozent.
Und nun haben sich die Rahmenbedingungen verschlechtert – neben dem Nahost-Krieg auch mit höheren Zöllen der USA. Die erhofften Wachstumsraten von deutlich über einem Prozent dürften damit für die Regierung immer schwerer zu erreichen sein.
DAX mit freundlicher Tendenz
Der deutsche Aktienmarkt zeigt sich davon heute unbeeindruckt: Der DAX notierte zuletzt 0,7 Prozent im Plus bei 22.728 Punkten. Dennoch deutet sich für den deutschen Leitindex im März wegen des Iran-Krieges ein Verlust von rund zehn Prozent an.

