marktbericht
Nach der Euphorie des Vortages ist schnell wieder Ernüchterung an der Börse eingekehrt. Denn die Lage um die wichtige Straße von Hormus bleibt unübersichtlich – und der Ölpreis damit weiter hoch.
Da hatte sich so mancher Anleger wohl mehr erhofft. Denn nach dem deutlichen Rückgang der Ölpreise vom Vortag ist der Trend heute schon wieder zum Halten gekommen. Denn Zweifel an der Dauerhaftigkeit eines Friedensabkommens zwischen dem Iran und den USA und Israel sorgen dafür, dass der Preis für das schwarze Gold weiter hoch bleibt.
An der Börse sorgt das für neue Unsicherheit, nachdem der gestrige Waffenstillstand gestern mit Euphorie aufgenommen worden war. Der DAX bleibt am frühen Nachmittag weiter unter der Marke von 24.000 Punkten, ein Minus von gut einem Prozent. Gestern hatte der deutsche Leitindex noch deutlich um fünf Prozent zugelegt.
Alles hängt am Öl
Zentraler Hebel ist und bleibt der Ölpreis, der die Rohstoffmärkte derzeit dominiert. Dieser hat sich zwar gestern von seinen Rekordständen entfernt, bleibt aber trotzdem auf hohem Niveau. Aktuell werden rund 98 Dollar für ein Fass der marktführenden Nordseesorte Brent bezahlt. Zum Vergleich: Anfang des Jahres kostete Brent gut 60 Dollar, kurz vor dem Angriff auf den Iran knapp 70 Dollar.
Ähnlich die US-Leichtölsorte WTI, die heute ebenfalls knapp 100 Dollar kostet und damit ihren traditionellen Abstand zu Brent aufgegeben hat. Dieser wurde damit begründet, dass WTI als Referenzsorte für die USA über Land transportierte wird, das Risiko der Seewege also entfällt. Händler begründen das Abschmelzen dieses Abschlags mit dem Handelsverhalten. Die Volatilität durch spekulativ ausgerichtete Händler sei beim WTI viel höher als beim Brent, wie das Magazin “Trading Treff” schreibt.
Die Kapriolen machen klar, dass ungeachtet der Zolldebatten die Verwundbarkeit der großen westlichen Volkswirtschaften gegenüber Störungen der internationalen Öl-Lieferwege weiterhin erheblich ist. Darin liegt das große ökonomische Risiko des derzeitigen Krieges. Einen wichtigeren geografischen Punkt als die Meerenge zwischen dem Iran und Oman, der Straße von Hormus, gibt es kaum. Japan und Südkorea sind dabei besonders betroffen.
Rezessionsängste als Folge
Wie immer, wenn eine Angebotsknappheit herrscht, steigt laut ökonomischem Lehrbuch der Preis für das betroffene Gut. Zu nennen ist bei Öl auch immer das Gas, das am Öl hängt – und ebenfalls in großen Mengen im Persischen Golf gefördert wird. Iran und Katar teilen sich immerhin das größte Gasfeld der Erde. Auch der Preis für Kohle war zuletzt deutlich gestiegen, wobei nun der Abschlag stärker war als beim Öl. In der Spitze waren es rund 30 Prozent, aktuell werden rund 106 Dollar je Tonne bezahlt.
Eine Energiekrise wegen (zu) hoher Öl- und Gaspreise hat aber über die eigentlichen Öl- und Gaspreise hinaus weitere Konsequenzen. Derzeit leiden unmittelbar die Autofahrer an den Zapfsäulen. Meist sind auch Fluglinien von größeren Energiekrisen unmittelbar betroffen, denn die Kerosinpreise sind traditionell deren größter Kostenblock. Zudem müssen sie damit rechnen, dass die Kunden im Krisenfall auf die Kostenbremse drücken, was zusätzliche Umsatz- und Gewinneinbußen mit sich bringt. Auch Touristik-Konzerne leiden.
Mit verschiedenen Zeitabständen sind fast alle Branchen betroffen, etwa energieintensive Produkte wie Stahl oder Glas oder chemische Produkte, Speditionen, der Einzelhandel oder natürlich die Automobilindustrie – um nur einige zu nennen. Damit steigen Rezessionsrisiken, was wiederum die Nachfrage nach Erzen als Grundlage für die Stahlproduktion in der Regel belastet. Erst jüngst haben die führenden Wirtschaftsweisen die Wachstumsprognose für Deutschland im laufenden Jahr von 1,3 auf 0,6 Prozent nach unten revidiert.
Edelmetalle nicht so stark betroffen
Gold und auch Silber sind von der Ölkrise am Persischen Golf hingegen nicht unmittelbar betroffen. Mittelbar nur über den Dollar, denn die meisten Rohstoffe werden in der US-Währung gehandelt. Der Greenback gilt wie Gold dabei gerade in Kriegszeiten ebenfalls als “sicherer Hafen”. Gold ist allerdings die Mutter aller “sicherer Häfen” und wird in Krisenzeiten gesucht. Silber gilt auch als Industriemetall und ist zuletzt sogar deutlicher gestiegen als Gold. Gebraucht wird es dabei vor allem in der Solarindustrie; die weltweite Silberproduktion kann derzeit die Nachfrage kaum bedienen.

