Milliarden im Minus und unpünktlich: Die Schreckensbilanz der Bahn

Milliarden im Minus und unpünktlich: Die Schreckensbilanz der Bahn


analyse

Stand: 27.03.2026 • 17:05 Uhr

Die Bahn steckt weiter tiefer in der Krise. Nur noch 60 Prozent Pünktlichkeit im Fernverkehr, aber 2,3 Milliarden Nettoverlust für 2025. Die Konzernchefin will den Abwärtstrend dieses Jahr stoppen

Auf den ersten Blick kann Evelyn Palla nur sehr wenig für das, was sie an diesem Freitagvormittag im Bahn Tower vorträgt: eine der schlechtesten Bahn-Bilanzen aller Zeiten. Die Konzernchefin ist erst seit 1. Oktober des vergangenen Jahres im Amt. Und auf der Tagesordnung steht die Bilanz des gesamten Jahres 2025.

Und die ist mehr als ernüchternd. Nur noch 60,1 Prozent der Fernzüge sind pünktlich gefahren. Ein neuer Tiefststand. Ergebnis nach Steuern: minus 2,3 Milliarden Euro. Und das, obwohl die Bahn 1,9 Milliarden Fahrgäste zählt. Mehr Kunden verbessern also nicht automatisch das Ergebnis.

“Licht und Schatten”, beschreibt Palla die Bilanz des Jahres 2025. Neben ihr im 15. Stock der Bahnzentrale in Berlin stehen die anderen Vorstandsmitglieder. Die allermeisten Journalistenfragen aber gehen an die Chefin.

Zeit für Klartext

“Zufrieden sind wir noch nicht”, sagt Palla mit Blick auf die Zahlen. Pünktlicher müsse die Bahn werden – und dabei wieder Gewinn machen. Eine Mammutaufgabe.

“Seit 2020 befinden wir uns bei der Pünktlichkeit in einem deutlichen Abwärtstrend”, benennt Palla klar den Niedergang der Bahn. Unter ihrem Vorgänger Richard Lutz wurde so etwas gern vorsichtiger umschrieben. Palla aber kann sich Klartext leisten, ist sie doch als Krisenmanagerin verpflichtet worden. Der Abwärtstrend soll gestoppt werden, sagt sie – und zwar in diesem Jahr.

70 Prozent der Züge sollen wieder pünktlich fahren, hat sich die Bahn vorgenommen – aber erst im Jahr 2029. So ist es mit dem Bundesverkehrsministerium vereinbart. Ein bescheidenes Ziel. Allein der Umstand, dass 30 Prozent der Züge auch am Ende des Jahrzehnts noch unpünktlich sein dürfen zeigt, wie kaputt das Unternehmen derzeit ist.

Eine Wunderheilung verspricht Palla nicht. Ihre Strategie ist die einer langwierigen Sanierung. “Schritt für Schritt. Tag für Tag”, soll es vorwärts gehen, sagt sie. Das klingt ernüchternd, sachlich und der Lage angemessen.

Anspruch gegen Wirklichkeit

Langfristig aber scheint auch Palla regelrechte Visionen zu haben. “Wir wollen die beste Eisenbahn in Europa werden”, sagt sie auf einmal. Ein Anspruch, der in Anbetracht der Wirklichkeit geradezu absurd anmutet. “Das braucht Zeit”, schiebt die Bahnchefin schnell hinterher. Jeden Tag wolle man ein bisschen besser werden. “Schritt für Schritt. Tag für Tag”, wiederholt sie ihr Mantra.

Ambitioniert geht es weiter. “Unser Ziel ist klar”, verkündet Palla. “Wir wollen, dass die Menschen in diesem Land wieder stolz auf ihre Bahn sind.” Höher kann sich eine Bahnchefin in der jetzigen Lage die Messlatte selbst nicht legen.

Dafür, dass zumindest das Betriebsergebnis in der Zukunft besser ausfällt, hat Palla selbst einiges getan. Durch einen Griff in das Instrumentarium des Rechnungswesens. Denn ein zweiter Blick auf die Bilanz verrät: In den 2,3 Milliarden Euro Verlust verbirgt sich nämlich eine besonders hohe Abschreibung aus der Fernverkehrssparte. 1,4 Milliarden Euro werden sofort abgeschrieben. Der Grund: die Bahn schätzt Umsatzerwartungen der Fernverkehrssparte plötzlich deutlich negativer ein.

Mit Abschreibungen werden “Ergebnisse automatisch besser”

Bilanzexperten können erklären, was die Bahn damit tut. Thomas Ehrmann ist Professor am Institut für Organisationsökonomik der Universität Münster. Mehr als zehn Jahre lang hat er als Wissenschaftler den Bahnkonzern beraten. Er gilt als ausgewiesener Fachmann in Sachen Bahn-Bilanz.

“Sie erleichtert sich selbst das Leben durch diese Sonderabschreibung”, erklärt Ehrmann. Jetzt einmalig eine große Summe abzuschreiben führe dazu, “dass die Ergebnisse automatisch besser werden – wegen geringerer Abschreibungen in der Zukunft.”

Sprich: Palla hat in die Bilanz 2025 jede Menge Verluste aufnehmen lassen. Für ein Jahr also, das sie offiziell nur zu einem kleinen Teil zu verantworten hat. Diese Verluste sind bereits abgeschrieben. Der Effekt verbessert die Bilanzen der Zukunft. Der Jahre also, für die Palla als Bahnchefin vollständig verantwortlich sein wird. Die roten Zahlen von heute wirken wie ein Wundermittel für die Bilanzen von morgen.

Irgendwann wieder stolz auf die Bahn?

Palla beendet ihren Vortrag mit einem Versprechen. “Ehrlich, konsequent und verlässlich” soll die Bahn ab sofort sein. Nun muss sie liefern, vor allem bei der Pünktlichkeit.

Denn die Verspätungen von morgen lassen sich nicht in Bilanzen auf andere Jahre umschreiben. 70 Prozent Pünktlichkeit sind weiterhin das Ziel für 2029. “Stolz” auf die Bahn dürfte sich bei diesem Wert auch dann noch nicht einstellen.

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