Stichwahl in Chile: Rechter Favorit, enttäuschte Linke

Stichwahl in Chile: Rechter Favorit, enttäuschte Linke

Stand: 14.12.2025 10:52 Uhr

Bis zuletzt hat die linke Kandidatin versucht, enttäuschte Wähler zurückzugewinnen – doch ihr Konkurrent bleibt weiter der Favorit. Heute wählt Chile in einer Stichwahl eine neue Präsidentin oder einen neuen Präsidenten.

Von Daniel Stender, ARD Rio de Janeiro

Chile wählt am Sonntag zwischen ganz rechts und ganz links – zwischen der amtierenden Arbeitsministerin Jeannette Jara von der Kommunistischen Partei und dem rechtskonservativen Hardliner José Antonio Kast.

Zwar hatte Jara die erste Wahlrunde im November gewonnen. Dennoch ist Kast der klare Favorit der Wahl. Bei den Vorwahlen waren neben Jara und Kast drei weitere rechte Kandidaten angetreten. Nun könnte Kast daher auf insgesamt etwa 70 Prozent der Stimmen aus dem rechten Lager kommen.

Migration und Sicherheit dominierten Wahlkampf

Die großen Themen im Wahlkampf 2025 waren Migration und innere Sicherheit und damit ein Themenkomplex, der Kast in die Hände spielt. Weitere Themen seiner Kampagne waren Steuersenkungen und ein schlanker Staat.

Kast tritt mittlerweile zum dritten Mal an, um Präsident Chiles zu werden. In der Vergangenheit hat er mit polarisierenden Aussagen für Aufsehen gesorgt: 2021 zum Beispiel wollte Kast einen Graben an der nördlichen Grenze Chiles ausheben lassen, um Migranten abzuwehren.

Ebenso umstritten ist das Verhältnis, das Kast zum Umgang mit der Pinochet-Diktatur hat. 2017 besuchte er ehemalige Mitglieder der chilenischen Geheimpolizei im Gefängnis, unter anderem Miguel Krassnoff, der wegen Erschießungen, Folter und anderen Delikten unter Pinochet zu mehr als 1.000 Jahren Gefängnis verurteilt worden war.

Doch im Wahlkampf 2025 gab Kast sich moderat. Beim Abschluss der Wahlkampagne in Temuco im Süden Chiles warb er für Recht und Ordnung.

Irreguläre Migranten meist aus Venezuela

Die Migration aus ärmeren Ländern Südamerikas nach Chile hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Mittlerweile leben etwa 337.000 Menschen ohne Papiere und ohne reguläre Arbeit im Land, die meisten kommen aus Venezuela.

Auch das venezolanische Drogenkartell Tren de Aragua soll in Chile aktiv sein. Einer Umfrage der Regierung von 2024 zufolge nehmen mehr als 87 Prozent der Chilenen einen Anstieg der Kriminalität wahr.

Darauf verweist auch der rechte Influencer Cris Rojas: Bei den sicherheitspolitischen Themen sei “Kast von beiden Kandidaten einfach am glaubwürdigsten”, sagt er. Rojas lebt im Viertel Cierro Navias, einer relativ armen Gegend der Hauptstadt Santiagio. Die Unterstützung eines rechten Kandidaten ist hier noch recht neu.

“Es gibt zu viel Ungerechtigkeit”

Nur ein paar Straßen von Rojas entfernt erklärt die Architektin Tania Melin, dass sie als alleinerziehende Mutter in Cierro Navias für die linke Kandidatin Jeannette Jara stimmen wird. Immerhin habe sich Jara als Arbeitsministerin für eine gesetzliche Wochenarbeitszeit von 40 Stunden eingesetzt.

Ebenso habe sie für einen gesetzlichen Mindestlohn von etwa 500 Euro im Monat gekämpft, was angesichts der hohen Lebenshaltungskosten in Chile nicht viel ist. Für Melin ist die Ungleichheit in Chile nach wie vor das größte Problem. “In Chile gibt es zu viel Ungerechtigkeit. Die Gesundheitsversorgung ist schlecht, die Bildung ebenso. Und das Leben ist teuer”, sagt sie.

“Linke und Moderate sind erschöpft”

Der Aufschwung der Rechten unter Kast ist auch darauf zurückzuführen, dass die linke Regierung unter dem amtierenden Präsidenten Gabriel Boric zu Beginn zwar gegen die Ungleichheit im Land angehen wollte, aber nur wenige Vorhaben umsetzen konnte.

Nach den Protesten 2019 und dem Versuch, Chile eine neue Verfassung zu geben, sind die linken und moderaten Kräfte im Land erschöpft, erklärt der Kommunikationswissenschaftler Dino Pancani von der Universidad de Chile. Bei ihrem letzten Auftritt in Coquimbo im Norden Chiles versuchte Jeannette Jara entsprechend vor allem, enttäuschte Wählergruppen zurückzugewinnen.

Sollte Kast aber die Wahl gewinnen, werde es einen gesellschaftlichen Rückschritt geben, so Pancani. Chile werde dann eine ähnliche Entwicklung nehmen wie Brasilien unter Jair Bolsonaro oder Argentinien unter Javier Milei.

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