Thailand und Myanmar: Nach den seltenen Erden kommt das Gift

Thailand und Myanmar: Nach den seltenen Erden kommt das Gift


weltspiegel

Stand: 16.03.2026 • 12:37 Uhr

In Myanmar an der Grenze zu Thailand werden in Minen seltene Erden abgebaut. Dabei werden auch Gifte freigesetzt und unkontrolliert in Flüsse geleitet. Die Folgen für die Menschen sind dramatisch.

Christiane Justus

Erst blieben die Fische und damit seine Lebensgrundlage weg. Dann kamen Hautreizungen hinzu. Der Körper von Fischer Kob Kotkam aus Tha Ton in Nordthailand war plötzlich voller Pusteln und Pickel.

Seit Monaten kann er nicht mehr im Fluss Kok angeln: “Ich habe Angst vor den Chemikalien”, erzählt er, “und Angst, hier nie wieder fischen zu können”.

An der Universität von Chiang Mai hat der Toxikologe Wan Viriya mit seinen Mitarbeitern das Flusswasser analysiert. Das Ergebnis aller Wasserproben ist alarmierend: Im Kok-Fluss finden sich giftige Schwermetalle, ihre Konzentration ist um ein Vielfaches höher, als die Grenzwerte es vorsehen. An sieben unterschiedlichen Stellen hätten sie Proben genommen und festgestellt: Je näher sie zur Grenze nach Myanmar kommen, desto mehr Gift sei im Wasser.

“Die Werte in dieser Region sind wirklich hoch. Alle unsere Proben, und wir analysieren nicht nur das Flusswasser, sondern auch die Sedimente und den Boden, sind verseucht mit Arsen. Aber wir haben auch andere giftige Schwermetalle gefunden, Cadmium, Bromium und Quecksilber.”

Im Fluss Kok findet Fischer Kob Kotkam die Ursache für seine gesundheitlichen Probleme. Seinem Beruf kann er vorerst nicht mehr nachgehen.

Das Gift kommt aus den Minen

Wan Viriya ist gut vernetzt mit anderen Wissenschaftlern und Umweltschützern. Gemeinsam mit ihren Kollegen vom US-amerikanischen Forschungsinstitut Stimson Center analysieren sie Satellitenbilder. In Myanmar, gleich hinter der thailändischen Grenze bei Tha Ton, gibt es zwei Minen für seltene Erden und eine Goldmine.

Die Schwermetalle würden beim Abbau von seltenen Erden und in Goldminen freigesetzt, erklärt Wan Viriya: “Das ist ein Abfallprodukt, das nicht gebraucht wird. Es wird hier offenbar aber einfach in die Umwelt geleitet. Und das hat Auswirkungen auf uns. Es gibt einen gewissen Standard, wie man in Minen mit den Schwermetallen umgeht, aber in dieser Gegend in Myanmar nutzen sie offenbar eine Billig-Technologie und Billig-Methode und machen sich, wie es scheint, keine Gedanken um das Wasser.”

Karte der Grenzregion Myanmars und Thailands mit den Flüssen Kok und Mekong.

Niemand will die Verantwortung übernehmen

Myanmar ist einer der weltweit größten Produzenten von seltenen Erden und kritischen Mineralien, die zum Beispiel in Magneten für Windkraftanlagen und Elektrofahrzeuge verwendet werden. Von den Minen in Myanmar wird das Rohmaterial zur Weiterverarbeitung nach China transportiert, das ein Quasi-Monopol auf die Produktion dieser wichtigen Magneten besitzt. Deutschland ist bei der Versorgung mit seltenen Erden stark auf Importe aus China angewiesen.

Die thailändischen Behörden bestätigen, dass sie mit dem Regime in Myanmar über die grenzüberschreitende Verschmutzung im Gespräch seien. Doch es ist kompliziert: In Myanmar herrscht Bürgerkrieg. Das Militärregime hat nicht alle Gebiete unter Kontrolle, so auch nördlich der Grenze zu Thailand im Gebiet der Kachin und der Shan.

Für die unregulierten Minen übernimmt niemand Verantwortung. Aber viele verdienen mit am Abbau der seltenen Erden. Eine Untersuchungskommission beider Länder wurde eingerichtet, aber bislang ist nichts passiert.

Immer mehr Flüsse betroffen

Währenddessen kommen immer weitere erschreckende Ergebnisse bei Wasseruntersuchungen heraus: Auch in anderen Gewässern wie dem Salween-Fluss wurde das Gift nachgewiesen. In der Stadt Chiang Rai, durch die der Kok-Fluss fließt, sollen sogar im Trinkwasser bereits erhöhte Werte von Arsen gemessen worden sein.

In der Stadthalle von Tha Ton versammeln sich der Fischer Kob Kotkam und andere Betroffene. Sie fordern, dass endlich etwas passiert. Sie erzählen, dass sie Briefe an alle Beteiligten geschickt hätten, an den thailändischen Premierminister, an den chinesischen Staatschef Xi Jinping und auch an das Regime in Myanmar. Aber niemand fühle sich verantwortlich.

Ein Lokalpolitiker sitzt mit auf dem Podium, auch er sagt, er fühle sich machtlos und alleingelassen. Alle Seiten seien informiert, aber ein Ende der Verschmutzung konnte nicht erreicht werden.

Obwohl hier das Trinkwasser noch unbelastet sei, wurden alle aufgefordert, nur noch abgefülltes Wasser zu trinken. Einmal in der Woche kommt ein Wasserlieferant nach Tha Ton. Wenn sie mehr benötigen, müssen sie es kaufen.

Die Schadstoffe, die mit dem Kok aus Myanmar nach Thailand kommen, wandern weiter in den Mekong und verteilen sich so über eine große Region.

Die Flüsse tragen das Gift durch Südostasien

Der Kok-Fluss fließt von Myanmar nach Thailand, kurz vor Kob Kotkams Dorf ist die Grenze. Einige Kilometer weiter mündet er in den Mekong, den größten Strom Südostasiens. Brian Eylers vom Stimson Center sieht in den unregulierten Minen nicht nur ein lokales Problem in Myanmar und Thailand, sondern eine Bedrohung für die gesamte Region. Von Thailand fließt der Mekong nach Laos, Kambodscha bis nach Vietnam.

“Ich mache mir Sorgen um die Menschen im Mekong-Becken auf dem südostasiatischen Festland. Fast jeder konsumiert Produkte, die entlang dieser Flüsse angebaut werden, sei es für den eigenen Lebensunterhalt oder um sie auf den Markt zu bringen.”

Mehr als 60 Millionen Menschen, die im Einzugsgebiet des Unteren Mekong leben, hängen direkt vom Wasser des Flusses für ihren Lebensunterhalt ab. Denn der riesige Strom ist durch Fischerei und Landwirtschaft für sie eine entscheidende Lebensgrundlage. Vor allem Reis wird hier angebaut.

Nach und nach erstellen die Wissenschaftler nun eine Risiko-Karte, damit alle die gleichen Daten haben. Und einen Überblick über die vergifteten Flüsse.

Fischer Kob Kotkam und andere in Tha Ton beteiligen sich, als sogenannte Citizen Scientists. Sie nehmen regelmäßig Wasserproben und schicken sie zu Toxikologe Wan Viriya. Um irgendetwas etwas beitragen zu können in dieser hilflosen Situation.

Diese und weitere Reportagen sehen Sie im Weltspiegel – am Sonntag um 18.30 Uhr im Ersten.

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