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Sanktionen und Einreisebeschränkungen haben das Reiseverhalten vieler Russen verändert. Neue Ziele sind hinzugekommen – auch Diktaturen wie Laos und Nordkorea. Doch viele Russen können sich Urlaub gar nicht mehr leisten.
Die bunte Parade schiebt sich durch die große Messehalle: Tänzerinnen aus Uganda, ein Mann mit chinesischem Drachen-Kostüm. Jemand mit einer großen Trommel gibt den Takt vor, russische Messebesucherinnen schunkeln vorsichtig mit. Ein paar Meter weiter führt eine Männergruppe aus Oman eine Art Säbeltanz auf.
Oman ist dieses Jahr Gastland auf der großen Moskauer Touristikmesse, obwohl auch aus Russland derzeit kaum jemand Urlaub am Golf machen will. Aber das trübt die Stimmung nicht. Die Welt präsentiert sich Russlands zahlungskräftigen Reisenden, und denen steht auch im fünften Kriegsjahr fast die ganze Welt offen.
Türkei und China sind die mit Abstand beliebtesten Urlaubsziele, auch Vietnam, Thailand oder die Emirate. Alle sind für Russinnen und Russen ohne vorher zu beantragendes Visum erreichbar, wie mehr als hundert weitere Staaten: der marxistische Einparteienstaat Laos zum Beispiel. Auch er hofft auf Ferienreisende.
Warum auch nicht, scheint man sich hier zu denken, am Laos-Stand ist das Interesse groß. Überhaupt scheint das Einparteiensystem als Urlaubsziel im Kommen: Gleich mehrere Reiseveranstalter bieten Nordkorea an. Einer hat an seinem Stand ein aufblasbares Modell einer nordkoreanischen ballistischen Rakete aufgestellt, eine große Nordkorea-Flagge und Fotos vom langen weißen Sandstrand.
Laos gehört zu den Ärmsten Ländern Südasiens. Die Tourismusbranche verzeichnet große Zuwachsraten – dazu tragen auch russische Touristen bei.
“Wunderbarer Service, 5-Sterne-Hotels, fantastisches Essen”
Es scheint zu funktionieren, vor dem Stand drängen sich die Menschen. “Die Kultur, die berühmte Architektur, das alles soll dort wunderbar sein”, schwärmt ein junger Mann. “Ich war da noch nicht, ich will da unbedingt hin.”
Auf die Frage, ob die Lebensbedingungen der Einheimischen, die Unfreiheit im Land die Urlaubslaune nicht störe, sagt Iwan Prochorow, der für die Agentur Wostok Intour Reisen verkauft, nur: “Nordkorea ist eine Republik.” Weitere Kommentare lägen außerhalb seiner Kompetenz.
Anastasija Tschigarewa vom Reisebüro Project Pyongyang Travel, das ein Stück weiter seinen Stand hat, hat schon selbst Reisegruppen nach Nordkorea begleitet. “Wunderbarer Service, 5-Sterne-Hotels, fantastisches Essen. Und sie können dort Russisch. Manchmal ist es richtig peinlich, wenn der nordkoreanische Guide die russische Hymne anstimmt, und unsere Touristen gar nicht richtig mitsingen können, weil sie nicht alle Strophen können.”
Mit der Frage nach den Lebensbedingungen der örtlichen Bevölkerung kann auch sie nicht viel anfangen: Das wolle man doch auch in der Türkei oder in Italien nicht wissen, oder?
In Nordkorea übrigens seien russische Reisende exklusive Gäste und ganz unter sich: Das Land lasse keine anderen Besucher ins Land, nicht mal Chinesen bekämen derzeit Touristenvisa, erzählt sie.
Fast zehntausend Nordkorea-Reisen wurden im vergangenen Jahr laut russischen Behörden verkauft, mehr als die Hälfte davon touristische. Die Nachfrage steigt ständig, zeigt die Entwicklung der letzten Jahre.
NATO-Land Türkei weiter sehr beliebt
Insgesamt gesehen hat die Reisefreudigkeit der Russinnen und Russen in manchen Bereichen fast das Vor-Corona-Niveau erreicht. Und trotz aller Anti-NATO-Propaganda in den staatlichen Medien: Ins NATO-Land Türkei, das auch nach Moskaus Angriff auf die Ukraine keine Sanktionen verhängt hat, fahren mittlerweile fast wieder soviele Menschen aus Russland wie vor Krieg und Pandemie.
Dennoch hat laut Umfragen und Statistiken im vergangenen Jahr nur jeder zehnte Russe, jede zehnte Russin überhaupt Urlaub im Ausland gemacht. Die wenigsten davon in Staaten der EU. Das liegt gleich dreifach an den Sanktionen: Visa werden sehr viel restriktiver vergeben, Direktflüge gibt es nicht mehr und: Man fühlt sich nicht willkommen.
“Wenn ein Land uns feindlich gegenübersteht, wenn es sich nicht gut gegenüber meinem Land verhält, dann fühle ich mich da nicht wohl”, sagt ein Mann auf Moskaus Einkaufsstraße Arbat. “Ich fahre lieber in befreundete Länder.”
Für ihn sind die Fronten klar. Eine Frau sieht es ähnlich: “Wir würden gerne nach Europa, aber erst, wenn die Situation vorbei ist. Wir haben Reisen dorthin erstmal aufgeschoben.” Die “Situation”, das ist eines der Codewörter, die man hier für den Krieg benutzt: Die Situation, die Umstände, die Ereignisse.
Hinter diesem Eingang warten die Krokodile von Kolomna auf Besucher – vor allem auf Fleisch an der Angel.
Krokodile in Kolomna
Der Krieg hat dazu geführt, dass Russlands Binnentourismus boomt. Oder, wie der Touristikunternehmer Sergej Balajew es ausdrückt: “Als die Sanktionen eingeführt wurden, wie soll ich das sagen – da war ich sogar froh.”
Er leitet eine Tierfarm mit Hotelbetrieb, bietet Kurzurlaub in Kolomna, zwei Autostunden von Moskau entfernt. Schon seit der Pandemie wächst das Geschäft, der Krieg hat es nochmal beschleunigt. An einem guten Wochenende wie neulich zum Internationalen Frauentag kämen 5000 Tagesgäste, sagt Balajew, dazu noch die, die übers Wochenende eines der Ferienhäuser mieten.
Seine Farm hat einen Streichelzoo, man kann Waschbären oder Ziegen füttern und – die Hauptattraktion: Krokodile. Mehrere Arten hält Balajew in kleinen Wasserbecken hinter hohen Gittern, Touristen können für umgerechnet acht Euro beim Füttern zusehen oder selbst ein gerupftes Huhn an der Angel ins Becken halten.
Auch eine große Schneckenzucht gibt es zu besichtigen. Balajew macht Kosmetik aus dem Schleim der Tiere, verkauft sie online und im Hofladen. Im hauseigenen Restaurant stehen Schneckengerichte in allen Varianten auf der Karte.
Auslandsurlaub zuhause: Wozu also nach Ägypten, wenn man Krokodile auch in Kolomna sehen kann? Und für eine Portion Schnecken muss auch niemand mehr nach Frankreich.
Urlaubsreisen – für viele nicht bezahlbar
Längst haben die meisten russischen Regionen den Tourismus entdeckt. Auch jenseits bekannter Ziele wie Bajkalsee, Sotschi oder Goldenem Ring gibt es jetzt Angebote.
Doch auch die sind oft nicht viel günstiger als der Urlaub im Ausland. Umfragen zufolge können sich selbst den Urlaub im eigenen Land nur wenige leisten. Zwei Drittel der Befragten haben im vergangenen Jahr ihre Ferien zuhause, auf der Datscha oder bei Verwandten verbracht.
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