Versehrtensport in Butscha: Zurück ins Leben

Versehrtensport in Butscha: Zurück ins Leben


Reportage

Stand: 03.04.2026 • 16:59 Uhr

Die Turnhalle von Butscha blieb während der russischen Besatzung unbeschadet. Heute spielen dort versehrte Kriegsveteranen Sitzvolleyball – auf der Suche nach Normalität.

Florian Kellermann

Die Spieler passen sich den Ball in schneller Abfolge zu, er fliegt übers Netz, Block, gescheitert, Ball abgefangen. Ein Volleyballspiel in einer Turnhalle in Butscha in der Ukraine. Kein gewöhnliches Spiel: Kriegsveteranen trainieren hier Sitzvolleyball. Sie sind verletzt, an Armen und Beinen. Ihre Prothesen haben sie am Spielfeldrand abgelegt.

Andrij Isajenko, 23 Jahre alt, ist so gut gelaunt, dass er seine Verletzung mit sarkastischem Humor kommentiert: “Ich würde mir am liebsten auch noch das rechte Bein abreißen. Es stört beim Spielen nur. Die Muskeln schmerzen. Und wenn ich mich im Sitzen zum Block strecke, dann ist das Bein nur im Weg. Es führt auch dazu, dass du immer ein bisschen auf der Seite sitzt und dir dann der Rücken wehtut.”

Die Regeln beim Sitzvolleyball sind nicht viel anders als beim normalen Volleyball. Sechs Spieler auf beiden Seiten. Nur das Feld ist mit fünf mal sechs Metern kleiner – und das Netz hängt niedriger.

Die Mannschaft aus dem Regierungsbezirk Kiew hat schon viel erreicht. Sie hat vergangenes Jahr die ukrainische Meisterschaft der Veteranen im Sitzvolleyball gewonnen – und ein internationales Turnier in den USA.

Neues Zentrum für Breiten- und Behindertensport

Andrij wurde 2023 verletzt, beim ukrainischen Gegenangriff im Süden. “Wir versuchen hier alle, auch andere Veteranen zum Sport zu animieren. Aber viele verfallen in Depressionen und machen gar nichts. Letztens beim Turnier in Poltawa hat uns ein Veteran erzählt, dass er trinken würde, wenn er den Sport nicht hätte.”

Die Turnhalle in Butscha wirkt groß und modern. Sie war schon vor der russischen Großinvasion barrierefrei ausgebaut. Sie blieb unbeschädigt während der Besatzung der Stadt, bei der die russische Armee hier mehr als 400 Zivilisten brutal tötete und viele folterte.

Zu Beginn des Jahres hat der Regierungsbezirk Kiew ein Zentrum für Breiten- und Behindertensport gegründet – und werde das Angebot für Veteranen immer weiter ausbauen, sagt dessen Leiter Oleksandr Wasjuk. “Bisher müssen alle noch selbstständig hierher kommen. Aber ich habe die Information, dass wir sehr bald ein Fahrzeug bekommen sollen, mit dem wir die Teilnehmer abholen können.”

Etliche weitere Sportarten im Angebot

Nicht nur Sitzvolleyball gibt es schon für Veteranen mit Behinderung, auch Fußball, Tischtennis, Boxen und Bogenschießen. Andrij Isajenko braucht zwei Stunden, um zum Training zu kommen, aus einem östlichen Stadtteil von Kiew mit U-Bahn und Sammeltaxi. Wie reagieren die anderen Passagiere?

“Die Leute sind ganz verschieden. Die einen senken sofort den Blick, wenn sie dich sehen. Die anderen danken dir. Aber ein Sitzplatz in der U-Bahn wurde mir in zwei Jahren nicht mehr als dreimal angeboten. Auch gesunde Männer bleiben einfach sitzen. Aber egal, ihre Zeit kommt auch noch.”

Denn so schnell werde der Krieg leider nicht zu Ende gehen, meint der Veteran. Auch Roman Suchostaw wurde beim ukrainischen Gegenangriff 2023 verwundet und verlor ein Bein. Vor dem Krieg habe er nie Sport getrieben, außer in der Schule, sagt der 28-Jährige, heute hat er zum ersten Mal beim Volleyballtraining mitgemacht. “Müde? Nein, ich hab noch nicht genug. Aber fürs erste Mal war das jetzt wohl genug. Morgen werde ich das im Bein spüren.”

Vor der russischen Invasion hatte er eine Baufirma. Er gab sie auf, um sich freiwillig zum Krieg zu melden. Vor Kurzem ist er nach Butscha gezogen, gerade weil es von Russland besetzt war.

“Woanders schauen sie dich schief an”

“Butscha ist wieder aufgebaut worden. Und hier haben die Leute eine bessere Einstellung gegenüber den Veteranen. Sie haben den Krieg erlebt. Woanders schauen sie dich schief an, weil du mit einer Beinprothese herumläufst. Hier schauen sie normal, sagen etwas Nettes, Kinder umarmen dich und danken dir.”

Roman Suchostaw will jetzt regelmäßig zum Volleyball kommen, er sucht Anschluss in Butscha. Eine Arbeit hat er noch nicht gefunden, und seine Baufirma will er einstweilen nicht neu gründen. “Es gibt Probleme mit den Arbeitskräften. Es gibt zu wenige. Wenn ich jetzt einen Auftrag annehmen würde, könnte ich kaum einen Termin für die Fertigstellung garantieren. Schon deshalb, weil sie dir die Arbeitskräfte, die du hast, jederzeit wegnehmen können.” Um sie für den Krieg zu rekrutieren.

Immerhin kann Roman jetzt Dinge tun, für die er als Firmenbesitzer keine Zeit hatte. Vergangenes Jahr war er zum Wandern in den Karpaten, auch ein Programm für Veteranen. Wenn doch nur mehr seiner ehemaligen Kameraden solche Angebote annehmen würden, meint er – um ins Leben zurückzufinden.

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