Sie traten auf für einen Systemwechsel: Dutzende Bands haben in Ungarns Hauptstadt Budapest ein Protestkonzert gegen Ministerpräsident Orban gespielt. Mehr als 100.000 Menschen kamen.
Eine der mehr als 50 Bands, die bei dem Protestkonzert in der ungarischen Hauptstadt spielen, ist die Alternative-Rockband Felsö Tizezer mit ihrem Frontmann László Sallai. Am Freitagmittag macht er einen Soundcheck auf der Bühne am noch ziemlich leeren Budapester Heldenplatz.
“Die Organisatoren meinten, wenn der Platz hier voll ist, dann sind es mehr als 100.000 Leute”, sagt Sallai. “Darauf hoffe ich sehr.” Bislang haben er und seine Bandmitglieder vor höchstens 2.000 Menschen gespielt. Zwei Tage vor der ungarischen Parlamentswahl treten sie nun bei dem Großkonzert hier in Budapest auf, das – übersetzt ins Deutsche – “Systemwechsel” als Titel hat.
Jede der mehr als 50 Musikgruppen spielt einen regierungskritischen Song gegen Ministerpräsident Viktor Orban und seine Fidesz-Partei. Organisator Róbert Puzsér erklärt: “Das Ziel ist es, dass diejenigen, die wegen einer bestimmten Band hierhergekommen sind, politisiert werden. Und natürlich, dass sie wählen gehen und jeden, den sie kennen, zum Wählen mitnehmen.”
Opposition liegt in Umfragen vorne
Seit Jahren hat es in Ungarn kein Konzert in diesem Ausmaß gegeben – die erhofften mehr als 100.000 Besucherinnen und Besucher werden im Laufe des Abends erreicht. Die Hoffnung von Organisator Puzsér und den Künstlerinnen und Künstlern liegt darin, dass sich viele Menschen im Land hinter Orbans stärksten Gegenkandidaten Peter Magyar von der Tisza-Partei stellen – auch wenn er nicht ihre Meinung vertritt.
Orban könnte sein Amt tatsächlich nach 16 Jahren in Folge verlieren. Unabhängige Umfragen variieren zwar stark in den genauen Prozentpunkten. Häufig haben Magyar und seine Tisza-Partei aber mehr als zehn Prozentpunkte Vorsprung gegenüber Orbans Partei Fidesz.
Sichtbarkeit der Opposition
Bei dem Konzert am Heldenplatz geht es aber nicht um Prozentzahlen, sondern um Bilder. Die Veranstalter wollen sichtbar machen, wie viele Menschen sich gegen Orban richten. Denn Gründe dafür hört man rund um den Platz reichlich.
Zum Beispiel bei Musiker László Sallai, der bis vor zwei Jahren noch Lehrer war, aber nicht mehr zurück ins Bildungssystem will. Er beschwert sich über die Lernbedingungen für die Kinder und Jugendlichen an den öffentlichen Schulen. “Das sind alte Gebäude, die dringend renoviert werden müssen”, sagt Sallai.
Doch auch an den gesetzlichen Vorgaben für die Lehrpläne stört sich Sallai. Diese hätten in den vergangenen Jahren stark zugenommen, sagt der Musiker. Und: “Bei der Unterrichtslektüre drücken sie uns immer mehr rechte Autoren in den Lehrplan – die auch nicht wirklich gut schreiben.”
“Meine Freunde haben schon ihre Koffer gepackt”
Um 16 Uhr beginnt das Konzert, der Heldenplatz ist mittlerweile gut zur Hälfte gefüllt. Sallai und seine Band müssen aber noch etwas warten, ihr Auftritt ist erst am frühen Abend. Noch sind ein paar andere Künstlerinnen und Künstler dran.
Das Publikum ist im Durchschnitt jung – im Schnitt zwischen 20 und 30 Jahre alt. Angesprochen darauf, warum sie hier sind, spricht eine Frau darüber, dass sich Ungarn von der EU entfremde und sie Angst habe, dass stattdessen Russland immer wichtiger werde.
Ein Mann mit Familie sagt: “Meine Freunde haben alle gesagt, dass sie schon ihre Koffer gepackt haben. Wenn die Fidesz gewinnt, werden alle nach Deutschland oder Österreich gehen.” Und eine Jugendliche erzählt: “Ich finde es sehr wichtig, dass daraus ein richtiges Gemeinschaftserlebnis wird. Dass die Menschen Lust bekommen, wählen zu gehen und dass sie mit ihrer Meinung nicht allein sind.”
Zahlreiche Menschen haben sich zu dem Protestkonzert auf dem Budapester Heldenplatz versammelt.
Erwartungen der Veranstalter übertroffen
Gegen 18 Uhr ist dann auch László Sallai mit seiner Band dran. Er hat seine Gitarre schon in der Hand, noch zwei Schritte sind es bis auf die Bühne. Da sagt er: “Ich bin wirklich aufgeregt. Ich habe noch nie vor so vielen Menschen gespielt.” Ein paar Sekunden später steht er vor dem komplett gefüllten Heldenplatz.
Auch wenn es keine offiziellen Zahlen gibt, übertreffen die Menschenmengen die Erwartungen der Veranstalter. Die Szene ist vergleichbar mit der Berliner Fanmeile auf der Straße des 17. Juni. Das Publikum staut sich sogar über den Heldenplatz hinaus – noch einige hunderte Meter entlang einer Budapester Prachtstraße.

