interview
Seit Tagen verfolgen die Menschen das Schicksal eines gestrandeten Buckelwals in der Lübecker Bucht. Neurowissenschaftlerin Maren Urner erklärt, warum gerade ein einzelnes Tier so viel Aufmerksamkeit bekommt.
tagesschau24: Viele Menschen haben während der Rettungsaktionen mitgefiebert. Die Medien waren auch dabei und die Aufmerksamkeit auf das Tier war groß. Wie erklären Sie sich das, dass es so viel Aufmerksamkeit gegeben hat?
Maren Urner:
Psychologisch ist das tatsächlich sehr einfach zu erklären, weil ein einziges Tier immer einfacher für unser Hirn zu begreifen ist als das Leid vieler Tiere. Wir wissen natürlich schon sehr viel länger als seit Montag, dass Wale sehr bedroht sind; genau wie viele andere Tierarten stark bedroht sind. Da scheren sich die wenigsten Menschen drum. Wenn wir das Ganze aber an einem Einzelschicksal festmachen können, wie jetzt an diesem Wal, ist es sehr viel einfacher für uns, Geschichten darüber zu erzählen.
Unser Gehirn braucht diese Geschichten, wir brauchen Gesichter. In dem Fall das Gesicht eines Wals. Das gleiche funktioniert übrigens auch bei Spendenaktionen oder anderen menschlichen Katastrophen. Betreffen diese ein, zwei oder drei Menschen, reagieren wir sehr viel aktiver und mit sehr viel mehr in Resonanz, als wenn es große Gruppen und Zahlen sind. Letztere kann unser Gehirn nicht besonders gut verarbeiten. Das ist die ganz nüchterne psychologische Erklärung für dieses Phänomen.
Zu viele Krisen auf der Welt
tagesschau24: Wenn Sie jetzt auf die Nachrichten rund um den gestrandeten Wal blicken: Suchen Menschen gerade solch eine Geschichte?
Urner: Auf jeden Fall. Gerade in der aktuellen Zeit, in der eine komplexe Krise mit der anderen um die Wette läuft. Unser Gehirn ist dabei in einem kontinuierlichen Dauerstress und schlichtweg überfordert. Wenn wir die Nachrichten anschalten, hilft uns diese Wal-Geschichte vielleicht auch, ein Stück weit einen Anker zu sehen. Ein anderes Phänomen, bei dem wir diesen Wunsch nach Einfachheit und Ordnung beobachten können, ist der Konsum von Serien.
Menschen sagen häufig ganz bewusst, dass sie mal ab- oder umschalten müssen, um einer einzigen Geschichte zu folgen. Dabei geht es auch um den Wunsch, den Überblick zu haben. Genau das liefert uns die Walgeschichte: Wir haben stündliche Updates. Wir können das Ganze verfolgen. Wir müssen keine unterschiedlichen Interessen abwägen, sondern es ist völlig klar: Alle wollen, dass dieser Wal gerettet wird. Es gibt also ein gemeinsames Ziel, und es müssen keine Kompromisse gefunden werden.
Schnelllebige Zeit
Tagesschau24: Ist die Welt außerhalb dieses Wals zu komplex für uns?
Urner: Jein. Ich würde als Professorin für Nachhaltige Transformation natürlich immer dafür plädieren, dass Komplexität etwas Wundervolles ist. Und als Neurowissenschaftlerin weiß ich auch, dass Komplexität etwas ist, was Spaß machen kann. Ich denke, wir haben uns ein Stück weit in unseren medialen und gesellschaftlichen Debatten abgewöhnt, Komplexität zuzulassen, weil es immer darum geht, sehr schnell zu entscheiden und sehr schnell zu jedem Thema eine Meinung und eine Position zu haben.
Das ist natürlich Gift für das Verstehen von Komplexität. Wir wissen aber eben auch, dass unser Gehirn – wenn wir es zulassen – Freude an Entdeckungsreisen hat. Dabei wird ein anderer Drang in uns stimuliert: Unsere Neugier. Letztendlich ist es das, was wir in anderen Bereichen als “Innovation” oder “Entdeckergeist” bezeichnen. Was wir für diesen Modus benötigen, ist das Gegenteil unserer schnelllebigen Zeit: Wir brauchen Zeit. Und dafür brauchen wir Ruhe. Uns mit Menschen hinzusetzen, zu verstehen, nachzuforschen, sacken zu lassen, auch mal eine Nacht drüber zu schlafen. All diese Dinge, die wir aus dem Sprichwörtlichen gut kennen, sind tatsächlich mittlerweile auch auf neurowissenschaftlicher und psychologischer Ebene gut untersucht. Unser Gehirn braucht eben diese Zutaten, um Komplexität zuzulassen, zu verstehen und sie dann tatsächlich auch feiern zu können.
Individuen, die als Projektionsfläche dienen
Tagesschau24: Das heißt, die Geschichte um den Wal im Moment ist für uns eine Art Atempause, weil die Welt so schnell ist?
Urner: Absolut. Sie ist ein niedrigschwelliger, schöner Zugang zu etwas, das wir einfach und leicht nachvollziehen können. Und ich würde sagen, wir können sie vielleicht sogar konstruktiv gedacht als Chance begreifen und uns fragen ‘Wie können wir Geschichten erzählen, damit Menschen sich auch mit komplexeren Dingen auseinandersetzen wollen? Und was für Zugänge braucht es dafür?’
Ich habe es eben schon angesprochen: Es braucht konkrete Gesichter. Oder ein bisschen allgemeiner gesprochen: Es braucht Individuen, die als Projektionsfläche dienen. Ich denke, es ist nicht verwerflich, sich das bewusst zu machen. Im Gegenteil. Diese Erkenntnisse konstruktiv zu nutzen, um auch eine Annäherung an komplexe Themen zu schaffen, halte ich für sehr clever.
Zur Person
Maren Urner ist Neurowissenschaftlerin und Professorin für Nachhaltige Transformation an der FH Münster.
Chance für individuell erzählte Themen
Tagesschau24: Es gibt Kritik, auch von Umweltschützern und Tierschützern, die sagen, alle schauen auf diesen Wal, während gleichzeitig Tierarten vom Aussterben bedroht sind. Wie ist diese Kritik zu verstehen?
Urner: Absolut berechtigt, denn wir haben eine Biodiversitätskrise. Das ist eine der neuen planetaren Grenzen und eine der sieben bereits überschrittenen Grenzen. Sprich: Ja, wir haben eine ganz deutliche Krise, die ein riesiges, komplexes Thema ist.
Es ist – wie beschrieben – sehr schwierig für Menschen, sich damit im Alltag auseinanderzusetzen, der sowieso aufgetürmte Krisen für uns bereithält. Darin zu sagen ‘Okay, jetzt nähere ich mich dem Thema der Biodiversität an’ und dann auch noch mit einer Motivation, mich damit wirklich tiefergehend auseinanderzusetzen und selbst aktiv zu werden, erscheint schier unmöglich.
Darum besteht aus meiner Sicht jetzt die Chance darin, aus dieser Geschichte zu lernen – vielleicht auch für Umweltverbände. Sich also jetzt nicht hinzustellen und zu sagen ‘Na ja, gut, das ist jetzt alles doof, gelinde gesagt, dass sich jetzt die Menschen mit diesem Einzelschicksal beschäftigen. Wir haben doch viel größere Probleme’, sondern ihre Kommunikation entsprechend anders zu gestalten.
Wir können uns alle fragen, was wir daraus lernen können, wenn diese Geschichte die Menschen abholt. Was für Geschichten und was für Narrative brauchen wir, für die wirklich großen Probleme, die wir angehen müssen? Die wir vor allem gemeinsam angehen müssen als Bevölkerung, als Weltbevölkerung, aber natürlich auch in einzelnen Städten, Ländern usw.? Wir können Zutaten darin sehen, die uns helfen können, auch in der Umweltkommunikation besser zu werden.
Das Gespräch führte Anja Martini, Wissenschaftsredakteurin tagesschau. Es wurde für die verschriftlichte Fassung gekürzt und redigiert.

