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Seit dem Start der Artemis-2-Mission behaupten Menschen online, dass die Mission ein Fake sei – ganz ähnlich wie bei der ersten Mondlandung 1969. Damals wie heute gibt es dafür keine Belege.
Die Artemis-2-Mission hat die neue Version eines alten Mythos hervorgebracht: Die Verschwörungserzählung, dass die Mondmission ein Fake sei.
In Posts auf der Plattform X behaupten einige Nutzer etwa, Aufnahmen des Raketenstarts zeigten, wie sich die Astronauten kurz vor dem Abheben vier Seilrutschen nutzten, um es nur so aussehen zu lassen, als seien sie ins All geflogen. Doch das stimmt nicht.
Die Astronauten haben keine Seilrutschen genutzt.
“Standardausrüstung” bei bemannten Missionen
Die Seilrutschen auf den Aufnahmen seien tatsächlich dafür gedacht, die Astronauten zu evakuieren, sagt Volker Schmid, Raumfahrtingenieur und Leiter von drei ISS-Missionen für das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Das gelte aber nur für den Fall eines Notfalls vor dem Start: “Mal angenommen, da bricht ein Feuer an Bord aus. Dann müssen die Astronauten so schnell wie möglich weg, denn sie sitzen ja auf einer großen Menge explosivem Raketentreibstoffs.”
Solche Evakuierungssysteme seien Teil der “Standardausrüstung bei den westlichen Raketensystemen”, so Schmid. Und sie funktionierten nur, “wenn die Rakete noch auf der Startrampe steht”.
Innenaufnahmen mit Greenscreen?
Andere Posts, die die Echtheit der Mission anzweifeln, stellen die Behauptung auf, die Interviews und Aufnahmen der Astronauten an Bord der Orion-Kapsel seien mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) vor einem Greenscreen entstanden. Um die Schwerkraft zu simulieren, seien die Astronauten an Seilen aufgehängt worden.
Dieses Bild ist KI-generiert.
Allerdings weist das angebliche “Beweisfoto” selbst mehrere Merkmale eines KI-generierten Bildes auf. So hat der Astronaut Victor Glover auf dem Bild nur einen Arm und die Seile, die Astronautin Christina Koch in der Luft halten sollen, fehlen.
KI-Fakes von der Mondoberfläche
Online lassen sich zudem zahlreiche Fotos finden, die von der Mission stammen sollen. In den Kommentarspalten finden sich dabei neben Nutzerinnen und Nutzern, die von der Schönheit der Bilder fasziniert sind, viele Menschen, die sie für KI-generiert halten.
In einigen Fällen ist diese Skepsis berechtigt. So ist ein virales Bild, das angeblich das Orientale-Becken des Mondes zeigt, nach Analyse der US-Faktencheck-Webseite Snopes mithilfe von KI erstellt worden.
Dieses Bild ist KI-generiert.
Das Bild verbreitete sich, nachdem die NASA bekannt gegeben hatte, dass die Besatzung von Artemis 2 als erste das Orientale-Becken mit bloßem Auge in seiner Gesamtheit gesehen habe. Der Krater erstreckt sich über die Grenze zwischen der Vorderseite und der Rückseite des Mondes, wodurch ein Teil von der Erde aus stets verborgen bleibt.
NASA-Fotos zeigen echten Ausschnitt
Die Fotos, die offiziell von der NASA geteilt wurden, wurden aber aus viel größerer Entfernung gemacht, als das KI-Bild suggeriert und zeigten das Becken als kleines Detail auf der weiten Mondoberfläche.
Die Artemis-2-Crew war, als das Raumschiff dem Mond am nächsten war, noch mehr als 6.000 Kilometer von der Mondoberfläche entfernt. Außerdem ist die Erde auf dem KI-Bild vollständig zu sehen, was aus dieser Perspektive nicht möglich wäre.
Einige Fotos, die aus dem All stammen sollen, sind also tatsächlich nicht echt. Dafür hat die NASA selbst aber zahlreiche verifizierte Aufnahmen der Artemis-2-Crew online zugänglich gemacht.
Artemis- und Apollo-Missionen nicht vergleichbar
In Tweets und Kommentaren taucht auch immer wieder die Frage auf, wieso frühere Mondmissionen vermeintlich viel fortschrittlicher waren als die Artemis 2. In diese Richtung äußert sich auch der deutsche Entertainer Dieter Bohlen in einem TikTok-Video.
“Vor mehr als 50 Jahren, als das Telefon so groß war wie ein Fußball, sind die auf dem Mond gelandet und dort mit einem Auto rumgefahren.” Das sei aber jetzt über 50 Jahre her, sagt Bohlen. “Was ist das hier, ein Deepfake? Irgendetwas stimmt da doch nicht.” Mit seiner Bemerkung meinte Bohlen offenbar die sogenannten Mondrover oder auch “Mondautos”, die auf dem Mond eingesetzt wurden..
Die Apollo-Missionen, mit denen die NASA zwischen 1969 und 1972 insgesamt zwölf Menschen auf die Mondoberfläche gebracht haben, seien aber nicht mit den Artemis-Missionen von heute zu vergleichen, sagt Schmid vom DLR. “Nach den Apollo-Missionen hat sich die NASA auf das Spaceshuttle-Programm konzentriert.”
Dann habe es durch politische Entwicklungen wie den Vietnam-Krieg andere Prioritäten gegeben. Später, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, habe der gemeinsame Aufbau der ISS im Fokus gestanden. “Somit ist der Mond etwas ins Hintertreffen geraten”, sagt der Leiter von drei ISS-Missionen. “Das heißt aber nicht, dass man ihn nicht angeflogen hat, zum Beispiel mit robotischen Sonden.”
Erster Schritt zur dauerhaften Mondbasis
Was die Artemis-2-Mission besonders mache, sei unter anderem, dass sie nicht wie früher allein von den USA verantwortet wird. “Heute sind wir Europäer dabei”, so Schmid. Außerdem sei im Bereich Digitalisierung, Technologie und Forschung viel passiert, unter anderem beim Lebenserhaltungssystem innerhalb der Raumkapsel. “Das ist jetzt eine neue Rakete und ein Raumschiff mit viel neuer Technik.”
Darüber hinaus sei das Ziel von Artemis 2, anders als bei verschiedenen Apollo-Missionen, explizit keine Landung auf dem Mond gewesen, sagt der Raumfahrtingenieur. “Jetzt wollen wir nicht den Mond erreichen und dann wieder gehen. Diesmal wird der Mond angesteuert, um dort langfristig zu bleiben.” Im Verlauf der Artemis-Missionen hat die NASA erst kürzlich bekannt gegeben, eine dauerhafte Mondbasis bauen zu wollen.
Fake würde “sofort auffliegen”
Insgesamt sei es vollkommen unplausibel, dass die Mission gefakt ist, sagt Schmid. “Das würde sofort auffliegen.” An Missionen wie diesen seien so viele Menschen beteiligt, dass ein Vortäuschen nicht möglich sei. “Allein wie viele Hunderttausende Menschen den Start vor Ort live gesehen haben.”
Außerdem gebe es fast ununterbrochenen Funkkontakt und Radarkontakt mit der Orion-Kapsel, den man von verschiedenen Stellen nachvollziehen könnte, sagt der Raumfahrtingenieur. “Das ist nicht gefakt, die sind real geflogen.”
Das gelte auch für die ersten Mondmissionen in den 1960er- und 1970er-Jahren, die ebenfalls von Vorwürfen der Manipulation begleitet wurden. Während des Mondwettlaufs zwischen den USA und der UDSSR “hätte die Gegenseite das sofort ausgeschlachtet, wenn da irgendwas nicht richtig gelaufen wäre”, sagt Schmid.
Außerdem sehe man immer noch die Spuren auf dem Mond, die die Apollo-Missionen im Lauf der Zeit hinterlassen haben. “Die Apollo-Astronauten haben dort einen Laser-Reflektor abgestellt, mit dem Laser auf der Erde die Entfernung des Mondes auf Millimeter genau messen können. Der Reflektor wird auch heute noch angestrahlt.”
Raumfahrt als Nährboden für Verschwörungserzählungen
Dass die Mondmissionen Verschwörungserzählungen befeuern, erklärt die Sozialpsychologin Pia Lamberty mit verschiedenen Bedürfnissen, den der Glauben an Verschwörungserzählungen psychologisch erfülle. “Menschen versuchen, über solche Erzählungen die Welt zu verstehen und sich in ihr zu verorten”, sagt sie. Beim Thema Raumfahrt kämen verschiedene Faktoren zusammen, die die Wahrscheinlichkeit von Verschwörungserzählungen erhöhten: Technische Komplexität, fehlende eigene Erfahrung, starke Symbolik und politische Bedeutung der Raumfahrt sowie Bilder, die unseren Sehgewohnheiten widersprechen. “Dazu kommt, dass große Ereignisse besonders oft im Fokus von Mythen stehen und Gegenerzählungen produzieren.”
Die wenigsten Menschen würden die Erfahrung machen, selbst ins Weltall zu fliegen. So können sie sich nicht mit eigenen Augen vor Ort ein Bild machen, sagt die Sozialpsychologin. “Deswegen muss man vertrauen, dass die dargebotenen Informationen und Fakten so stimmen. Und genau dieses Vertrauen in Informationen von offiziellen Stellen ist bei Menschen mit ausgeprägtem Verschwörungsglauben nicht vorhanden.”
Durch die sozialen Netzwerke und KI ließen sich zum Beispiel gefälschte Bilder oder auch vermeintliche Alternativerklärungen leicht erstellen und auch verbreiten. “Teilweise zeigen Studien, dass künstlich generierte Desinformation überzeugender ist als solche, die von Menschen hergestellt wurde”, sagt Lamberty. “Trotzdem finde ich es wichtig, die Rolle von KI bei der Verbreitung von Falschinformationen nicht zu groß zu bemessen. Letztendlich braucht es nur eine falsche Aussage, um Menschen zum Zweifeln zu bringen.”
Ein süßer Aufstrich im Weltraum?
Und was hat es mit dem viralen Foto auf sich, dass ein Nutella-Glas in der Orion-Kapsel zeigt? Nachdem online Vermutungen über einen Fake oder eine gezielte Werbung von Ferrero durch Produktplatzierung verbreitet wurde, sagte eine NASA-Sprecherin dem US-Wissenschaftsmagazin Futurism, dass die NASA “die Mahlzeiten oder Lebensmittel für die Besatzung nicht im Rahmen von Markenpartnerschaften” auswähle.
Ein Screenshot aus einem NASA-Livestream zeigt ein Glas Nutella, das an Bord des Raumschiffs Orion schwebt, während die Artemis-2-Besatzungsmitglieder bei der Arbeit sind.
Das wäre auch bei einer Mission, die von öffentlicher Hand finanziert wird, gar nicht erlaubt, sagt Raumfahrtingenieur Schmid. Dass das Foto echt ist, bestritt die NASA nicht. Schmid zufolge ist es auch plausibel, dass die Aufnahmen echt sind. In dem Fall handele es sich bei dem Nutella-Behältnis wohl nicht um Glas, sondern um Kunststoff, da Glas im Fall einer Beschädigung zu gefährlich wäre. “Das hätte die NASA sicher nicht zugelassen, denn alles muss durch die ‘FlightSafety’ abgenommen werden.”
Er hat auch eine Vermutung, wieso einer der Astronauten den süßen Aufstrich an Bord gebracht haben könnte: “Ein urmenschliches Bedürfnis, für zehn Tage in ganz isolierter Umgebung Dinge mitzunehmen, die schmecken.”


