Wie eine Dorfbaumanagerin das Landleben umkrempelt

Wie eine Dorfbaumanagerin das Landleben umkrempelt

Stand: 30.11.2025 10:28 Uhr

In den Städten ist Wohnraum knapp und teuer, in vielen Dörfern stehen ganze Häuser leer. Eine Gemeinde in Rheinland-Pfalz will gegensteuern und gezielt junge Menschen für ein Haus auf dem Land begeistern.

Oliver Bemelmann

Mehlbach bei Kaiserslautern, ein 1.100-Seelenort in der tiefsten Pfalz. Hier hat sich für Miriam Aubart und Maurizio Borger ein lang gehegter Traum erfüllt: Das Paar, beide Anfang 30, hat ein altes Bauernhaus gekauft und aufwändig saniert. Zwei Jahre lang waren sie auf der Suche. “Ein altes Haus mit Hof war genau das, was wir uns vorgestellt haben. Es ist ein anderes Wohngefühl als in einem Neubau, das gefällt uns sehr gut”, sagt Miriam Aubart.

Etwa 300.000 Euro haben die beiden allein in die Sanierung gesteckt. Anfangs hätten sie zwar Bedenken gehabt, das Wagnis einzugehen. Überzeugt habe sie die Möglichkeit in der Gemeinde, die Sanierungskosten steuerlich abzuschreiben. Das geht, weil ihr Haus in einem sogenannten Sanierungsgebiet steht. Vor vier Jahren war die Immobilie des jungen Paars noch unbewohnbar, es hat ins Dach reingeregnet.

Erste Dorfumbau-Managerin der Region

“Jetzt ist das Haus ein Vorzeigeprojekt”, sagt Natalie Miller. Die 28 Jahre alte gelernte Innenarchitektin ist seit April Dorfumbau-Managerin der Gemeinde. Ihr Job sei eine Art Sanierungsberatung und Vermittlung, erklärt sie. Sie will Menschen, die Häuser suchen, mit Eigentümern, deren Häuser leer stehen, zusammenbringen. Das bedeute: viel Zeit im Büro, Eigentümer anschreiben, Anträge ausfüllen, Flyer entwerfen.

Bürgermeister Harald Westrich hatte die Idee, die Stelle der Dorfumbau-Managerin zu schaffen. Diese sei in der Verwaltungsordnung eigentlich gar nicht vorgesehen, sagt der SPD-Politiker. Doch man müsse sich etwas einfallen lassen, um etwas gegen das Dorfsterben zu tun und die Gemeinde attraktiv für junge Leute zu machen.

Vorbild für den neuen Posten seien einige Gemeinden in Bayern gewesen, die das bereits erprobt hätten. Dort sei die Stelle aber anders benannt. Bezahlt wird die Dorfumbau-Managerin größtenteils aus EU-Fördermitteln.

Die Gemeinde hat zudem zehn Sanierungsgebiete ausgewiesen. Dort können alle, die ein altes Haus kaufen und es fachgerecht sanieren, die Kosten komplett beim Finanzamt geltend machen, erklärt Bürgermeister Westrich: “Das ist gerade für Leute, die Wohnraum suchen, eine Riesenchance, denn sie können über zwölf Jahre 100 Prozent abschreiben. Eine Steuerersparnis, die sonst nur bei denkmalgeschützten Häusern der Fall ist.”

Neue Hoffnung durch EU-Förderprojekt

2013 habe er angefangen, den Leerstand systematisch zu erfassen, sagt Harald Westrich. Das Ausmaß sei erschreckend: 250 Wohnhäuser und Gewerbeimmobilien in der Gemeinde stehen aktuell leer, rund 20 Prozent seien verfallen und müssten abgerissen werden. In vielen anderen Gemeinden würden leerstehende Gebäude gar nicht erst erfasst.

Er habe vieles versucht, um gegen den Leerstand vorzugehen, unter anderem mit ehrenamtlichen “Leerstandslotsen”. Doch der Erfolg blieb aus. Dann sei er auf ein EU-Förderprojekt für strukturschwache Regionen gestoßen und habe einen Förderantrag gestellt. Mit der neuen Stelle hofft er nun auf den nötigen Schub.

Für den soll Natalie Miller sorgen. Die Dorfumbau-Managerin lässt sich bei einer Begehung in Niederkirchen verwahrloste Häuser zeigen, die seit Jahren zunehmend das Dorfbild prägen. In dieser Ortsgemeinde sind es besonders viele: 60 Häuser sind unbewohnt, manche stehen schon seit mehr als 20 Jahren leer, sagt Ortsbürgermeister Wolfgang Pfleger: “Es ist wirklich beschämend, der Zustand der Gebäude. Wenn hier alles zerfällt, alles leer steht und am Gebäude nichts gemacht wird.”

Miller geht zusammen mit den Ortsbürgermeistern alle Leerstände einzeln durch und versucht, zu den Eigentümern Kontakt herzustellen. Doch das sei schwierig, viele seien sehr alt und oft überfordert mit einer möglichen Sanierung oder hätten Angst vor den Behörden. Einige würden auf ihre Anfragen auch gar nicht reagieren.

Leerstand auf dem Land wird weiter zunehmen

Bundesweit stehen rund zwei Millionen Wohnungen leer. Die Entwicklungsagentur Rheinland-Pfalz rechnet damit, dass es in ländlichen Regionen wegen des demografischen Wandels und weiterer Abwanderung künftig noch viel mehr Leerstand geben wird. Die Maßnahmen in der Gemeinde Otterbach-Otterberg seien daher richtig.

Doch angesichts der großen Zahl an leerstehenden Häusern sei das eine langfristige Aufgabe. Den Kommunen bleibe nichts anderes übrig, als mit den Eigentümern zu reden und sie zu überzeugen, ihre maroden Häuser zu verkaufen oder zu sanieren. Neben solchen Maßnahmen seien auch andere Standortfaktoren wie der Ausbau des Mobilfunknetzes sowie attraktive Kultur- und Freizeitangebote wichtig, um Fachkräfte zu halten und Menschen anzulocken.

Auch Bürgermeister Harald Westrich weiß, dass er den Bevölkerungsrückgang nicht aufhalten kann. “Der demografische Wandel wird massiv zuschlagen”, glaubt er. Schon jetzt herrsche zwischen den Kommunen “ein regelrechter Kampf um Bewohner”.

In die neue Dorfumbau-Managerin setzt er große Hoffnung und hätte die Stelle eigentlich gerne für fünf Jahre besetzt. Denn es brauche viel Zeit. Doch die EU-Förderung für die Stelle ist zunächst nur auf zwei Jahre befristet. Frühestens im kommenden Jahr rechnet er mit ersten Effekten durch die neu geschaffene Stelle.

Dorfumbau-Managerin macht Schule

Natalie Miller ist jedenfalls voller Tatendrang und will viele Menschen ermutigen, alte Häuser zu kaufen, um so die Ortschaften wieder mehr zu beleben. Die Nachfrage nach Wohnraum sei groß: “Viele junge Menschen möchten hierbleiben, die lieben ihren Ort und wollen hier in Zukunft auch eine Familie gründen.”

Es gebe inzwischen auch viele Anfragen von Leuten, die gezielt “Schrottimmobilien” suchten, um diese selbst aufzubauen. Denn ein Neubau sei für viele zu teuer und die Grundstückspreise sehr hoch. Das junge Paar aus Mehlbach, das ein altes Bauernhaus saniert hat, sei für sie ein Ansporn. Genau solche Projekte will auch Miller auf den Weg bringen. Ihre nächsten Aufgaben seien barrierefreie Wohnungen und Co-Working-Spaces.

Ihr Beispiel macht inzwischen sogar Schule. Andere Gemeinden hätten sich bereits erkundigt und wollten nun auch eine solche Stelle einführen, berichtet Bürgermeister Westrich.

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