Zwischen Glaube und Zweifel – die Deutschen und die Religion

Zwischen Glaube und Zweifel – die Deutschen und die Religion


Reportage

Stand: 05.04.2026 • 16:26 Uhr

Hundertausende Menschen sind im vergangenen Jahr aus der Kirche in Deutschland ausgetreten. Für viele bleibt Religion dennoch wichtig. Was suchen sie im Glauben?

Konzentriert blickt sie durch ihr Mikroskop: Die Apothekerin Aline Faass aus dem niedersächsischen Freden überprüft die Qualität von Enzianwurzel. Die benötigt sie zur Produktion von Magentropfen. Durch das Okular erkennt die Inhaberin der Fredener Apotheke die kleinsten Zellen, fein gegliedertes Pflanzengewebe. Faszinierend, findet sie.

Dass Wissenschaft und Glaube einander widersprechen, sieht sie nicht. Im Gegenteil: “Je tiefer man schaut und je kleiner die Sachen werden, umso unverständlicher werden sie, umso rätselhafter werden sie, umso unbegreiflicher werden sie – und da, finde ich, ist ganz viel Raum für Gott auch in der Wissenschaft.”

Während die selbst angesetzte Enzian-Tinktur langsam in ein Gefäß tropft, erzählt Faass, dass ihr Glaube auch im Alltag Orientierung gibt: “Wenn ich mal nicht weiß, wie es weitergeht, kann ich innehalten, Zwiesprache halten und schauen, wohin es mich treibt.”

“Für mich eine sehr bereichernde Zeit”

Ihr Glaube ist für Aline Faass prägend und eng mit ihrer Heimat verbunden. In der evangelischen Dorfkirche St. Laurentius wurde sie getauft und konfirmiert. Als Leiterin des Kirchenvorstands besitzt sie einen Schlüssel zu dem kleinen Gotteshaus. Der barocke Kanzelaltar, die bunten Kirchenfenster, die kühle Luft im Kirchraum – all das macht die Kirche für sie zu einem besonderen Ort.

Dass immer mehr Menschen der Kirche den Rücken kehren, kann sie nicht verstehen. Der Sonntagsgottesdienst ist für sie wertvoll, weil er einen Gegenraum zum Alltag schafft: “Die Zeit eines Gottesdienstes ist eine Zeit, wo man sein Handy nicht dabeihat. Wo man nicht abgelenkt ist, sondern zuhört, singt und sich den Ritualen hingibt. Für mich eine sehr bereichernde Zeit.”

Hunderttausende Austritte – auch auf dem Land spürbar

Dennoch: Im vergangenen Jahr traten mehr als 650.000 Menschen aus der evangelischen und katholischen Kirche aus. Felix Rinckhoff, der Pastor des evangelisch-lutherischen Gemeindeverbands Freden, erlebt das unmittelbar. Die Briefe mit den Austrittserklärungen aus seiner Gemeinde landen auf seinem Schreibtisch: “Es ist immer ein bisschen so ein leichtes Kribbeln, sie aufzumachen – wer ist es diesmal?” Daran gewöhne man sich aber auch.

Der 35-Jährige sagt, für manche Austritte habe er durchaus Verständnis – besonders bei Menschen in seinem Alter. “Die sind vielleicht gerade in der Familienplanungsphase, haben ein Haus gebaut, müssen einen Kredit abbezahlen.” Er fände es gut, wenn die Kirche je nach Lebensphase unterschiedliche Angebote machen könnte, damit Gemeindemitglieder nicht wegen der Kirchensteuer austreten.

Insgesamt zeigt sich Rinckhoff aber auch selbstbewusst: “Ich bin mir eigentlich recht sicher, dass wir hier vor Ort mit dem Kirchenvorstand ne gute Arbeit machen. An uns liegt es nicht, es sind gesellschaftliche Trends.”

Unterschiedliche Vorstellungen von Glauben

Tatsächlich führen Säkularisierung und Individualisierung zu ganz unterschiedlichen Vorstellungen von Glauben. Das zeigt sich etwa in der Fußgängerzone in Hildesheim. Ricarda Vollmer sagt, sie glaube nicht an Gott, aber an Engel. Die Schlagersängerin Hanne Haller, selbst ein Fan von Engeln, habe sie dazu inspiriert.

Roman Kuprian sagt, er glaube vor allem an sich selbst. Zumindest so lange ihm niemand beweisen könne, dass es einen gibt, der seine guten und schlechten Taten beobachtet.

Aber dann gibt es auch überzeugte Kirchgänger wie Regina Niemann, eine Katholikin: “Das gibt mir Orientierung im Leben und wenn ich schwere Stunden habe, dann bete ich einfach zu Gott und das hilft mir.” Aber ganz ohne Kritik ist sie auch nicht, weil die Frauen zu wenige Rechte hätten und der “große Apparat im Vatikan” für sie nicht nachvollziehbar sei.

Ein Kircheneintritt aus Dankbarkeit

Eva-Jasmin Herrmann ist erst vor ein paar Jahren im Alter von 35 gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten in die evangelische Kirche eingetreten. Sie wollte Gott danken, nachdem sie eine schwere Operation gut überstanden hatte. “Da wollte ich schon ein bisschen Feedback geben.”

Ihre Tochter hat sie katholisch taufen lassen, obwohl beide Eltern evangelisch sind. Herrmanns Großmutter hatte sich das auf dem Sterbebett gewünscht. Jetzt geht die junge Familie mal in die evangelische mal in die katholische Kirche und fühlt sich in beiden gut aufgehoben. Besonders beschäftigen ihre Tochter gerade die Fragen nach Krieg und danach, warum Menschen sich nicht vertragen können.

Glaube trotz Leiderfahrung

Warum ihr so viel Leid widerfahren ist, diese Frage hat sich Esther schon oft gestellt. Die 50-jährige Hildesheimerin mit roten Haaren möchte ihre Geschichte erzählen, auch um sie zu verarbeiten. Als Kind sei sie immer wieder sexuell missbraucht worden, sagt sie – nicht in der Kirche, sondern in der Familie und in einer Hilfseinrichtung, in der sie eigentlich Schutz gesucht habe. Mit fünf Jahren habe der Missbrauch begonnen.

Seither sucht sie Halt. In Kirchen, aber auch in Synagogen und an anderen Kraftorten, wie sie sagt. In Gottesdienste ihrer evangelischen Kirche geht Esther ab und zu, auch in Andachten: “Dass es so etwas wie eine höhere Macht gibt, welcher Art auch immer, die vielleicht sieht, wie es mir geht, das ist für mich Kraft.”

Zugleich hadert sie mit Gott. Besonders das Vaterunser komme ihr kaum über die Lippen, vor allem die Stelle: Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Die christliche Idee der Vergebung ist für sie unerträglich: “Absolut nein. Ich kann nicht vergeben. Ich will auch nicht vergeben.”

Aber es gibt auch eine christliche Botschaft, die sie bewegt und braucht: “Du bist ein wertvoller Mensch, ein von Gott geliebtes Wesen.” Ganz glauben könne sie das nicht immer. Aber manchmal nimmt sie es an. Das mit dem Glauben ist für Esther noch nicht abgemacht. Sie ist weiter auf der Suche.

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