Stand: 01.07.2026 • 16:01 Uhr

Wer in den USA auf die Welt kommt, erhält die US-Staatsbürgerschaft. Doch wer fühlt sich wirklich noch als Teil der Gesellschaft dieses Landes, das nun sein 250-jähriges Bestehen feiert? Auf Spurensuche in Tennessee.

Anne Schneider

Seit mehr als 250 Jahren ziehen die Vereinigten Staaten Menschen aus aller Welt an – auf der Suche nach einem besseren Leben, dem oft beschworenen American Dream.

Heute leben dort Menschen aus über 190 Herkunftsländern. Doch bedeutet diese Vielfalt auch automatisch Zugehörigkeit?

Gemeinsame Werte, klare Grenzen

Der südliche Bundesstaat Tennessee ist nicht nur eine Hochburg der Country-Musik, sondern Teil des sogenannten Bible Belt. Der “Bibel-Gürtel” erstreckt sich im Wesentlichen von Texas im Südwesten bis nach Virginia und in den Norden Floridas. Die Menschen dort gelten also als religiös geprägt, oft evangelikal. Gewählt werden hier meist die Republikaner.

In der Patriot Church in der Stadt Knoxville steht die Unterstützung für Präsident Donald Trump außer Frage. Doch die Antworten, wer aus Sicht der Gemeindemitglieder zu den USA gehört, gehen auseinander.

So macht Aaron deutlich, dass die Scharia, also die religiös-normative Ordnung des Islam, nicht in das Land passe. Willkommen aber sei aus seiner Sicht, wer sich zur Verfassung bekenne und Meinungs- und Religionsfreiheit bejahe.

Anders sieht das Linda: Es gebe zu viele illegale Einwanderer. Das Land sei in Gefahr, die Endzeit nah. Dabei ist der Anteil von Einwanderern in der Region vergleichsweise niedrig – keinen legalen Status haben laut Schätzungen nur etwa zwei Prozent der Bevölkerung. Vielfalt ist hier kaum sichtbar und entsprechend selten gelebter Alltag.

Offenheit und Ausgrenzung in Nashville

In der Hauptstadt Nashville wirkt das Bild zunächst bunter: Musik schallt an vielen Ecken auf die Straße. Wird Diversität – also Vielfalt und Verschiedenheit von Menschen – hier eher akzeptiert? Ja, sagt Payton, der junge Mann gehört der LGBTQ‑Community an. In seiner Jugend habe es deshalb Probleme gegeben, aber auch immer wieder viele tolle Menschen, die ihm Chancen eröffnet hätten.

Aber in Nashville findet sich auch rohe Ablehnung gegenüber denjenigen, die erst kurz im Land sind. Die Einwanderer würden “alle unsere Frauen” nehmen, schimpft zum Beispiel Straßenzeitungsverkäufer Scott. Ihm ist anzusehen, dass es das Leben nicht gut mit ihm gemeint hat.

Um Menschen wie Scott kümmert sich Pastor Enoch Fuzz. Er betreibt eine Tafel, verteilt Essen und Getränke an Bedürftige. Seine Baptistengemeinde ist rein afroamerikanisch – wobei er den Begriff nicht möge, erklärt er. “Ich bin nicht afroamerikanisch, ich bin Amerikaner”, sagt er und betont, dass zu den USA Menschen ganz unterschiedlicher Ethnie, Hautfarbe und Religion gehörten. Gleichberechtigt aber seien sie nicht.

Rassismus im Alltag

Das zeigt die Erfahrung der Afroamerikanerin Jessica Williams. Die gepflegte junge Frau hat Betriebswirtschaftslehre studiert und arbeitet jetzt in Nashville in der Immobilienentwicklung. Sie erzählt, dass sie während eines Geschäftstreffens in einem Hotel plötzlich des Hauses verwiesen wurde – zusammen mit ihrem Geschäftspartner.

Man habe ihr unterstellt, Rechnungen nicht bezahlt und als Prostituierte gearbeitet zu haben. Die Vorwürfe waren von Beginn an falsch, das Hotel hat sich inzwischen entschuldigt. Aber der Vorfall habe sie einen Geschäftspartner gekostet und beschäftige die Gerichte bis heute.

Zugehörigkeit als Ideal

Wer entscheidet in einer Einwanderungsgesellschaft eigentlich, wer dazu gehört – und wer nicht? Yuri Kunza kam vor mehr als 30 Jahren aus Peru in die USA. Er ist Präsident der Hispanic Chamber of Commerce in Nashville. Für ihn entscheidet nicht die Herkunft über Zugehörigkeit. Wichtiger seien die gemeinsamen Werte. Doch in einem politisch gespaltenen Land ist diese gemeinsame Basis immer schwerer zu finden.

In Columbia, südlich der Hauptstadt Nashville, erscheint diese Einheit zumindest nach außen sichtbar. In der hübschen Kleinstadt ist schon alles in den USA-Farben geschmückt. Sogar die Dixi-Klos auf den Straßen sind in blau, rot und weiß.

Eric Preiviti ist hier angesehener Lokalpolitiker. Der Republikaner versichert, dass hier noch über die Parteigrenze hinweg zusammengearbeitet werde. Die Eltern des 61-Jährigen kamen aus Italien. Er hat sein ganzes Leben in Columbia verbracht. Rund 20 Prozent der Einwohner seien keine Weißen, doch auch sie gehörten grundsätzlich dazu, sagt Perviti. Diskriminierung gebe es vielleicht noch im tiefen Süden. Aber nicht in seiner Stadt, in Columbia.

Manuel Cuevas, Modedesigner, Musiker, Legende der Country- und Popkultur kritisiert Respektlosigkeit gegenüber Schwarzen, Latinos oder Native Americans.

Ein Land, das noch wächst

Zum Schluss steht der Besuch bei Manuel Cuevas an. Er ist eine Legende der Country‑ und Popkultur. Der 93 -Jährige hat schon Kostüme für Elvis Presley entworfen, für die Beatles, die Rolling Stones, hat in Hollywood viele Western und Fernsehserien ausgestattet. Aber auch vier US-Präsidenten.

Er ist in den 1950er-Jahren aus Mexiko in die USA gekommen. Er meint, er habe Erfolg gehabt und den American Dream gelebt, weil er zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Aber auf die Frage, ob er sich dennoch manchmal ausgegrenzt fühle, fällt die Antwort deutlich aus: Den Native Americans werde null Respekt entgegen gebracht, Schwarzen etwa 60 Prozent. Europäern hingegen 200 Prozent. Die Lateinamerikaner aber würden ausgegrenzt obwohl sie schon ewig hier seien. Dann ergänzt Cuevas: “Wie soll ich mich da fühlen?”

Wie hatte noch Pastor Fuzz aus Nashville gesagt? Mit 250 Jahren sei eine Nation doch erst im Kleinkindalter. Er hoffe, dass man in den nächsten hundert Jahren ein besseres Amerika erlebe. Eines, das dem amerikanischen Traum näher komme – und bei dem Hautfarbe keine Rolle mehr spiele.

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