40 Jahre Tschernobyl: Die Spuren einer Katastrophe

40 Jahre Tschernobyl: Die Spuren einer Katastrophe

Stand: 25.04.2026 • 21:31 Uhr

Über 1.000 Kilometer liegen zwischen Deutschland und Tschernobyl in der heutigen Ukraine. Trotz dieser Entfernung: Der Atomunfall von 1986 lebt auch hier nach. Was hat sich seitdem verändert?

Von Dominik Bartoschek, SWR

Es ist der 3. Juni 1986. Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl liegt etwa fünf Wochen zurück, als der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) vor die Hauptstadtpresse tritt und sagt:

Die Erfahrungen mit dem sowjetischen Reaktorunglück zwingen zu Konsequenzen. Ich habe nach sorgfältigem Überprüfen aller Sachverhalte aus den letzten Wochen mich deshalb entschieden, ein Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit zu bilden.

Die Bundesrepublik bekommt ein Umweltministerium

Während es in der DDR schon seit 15 Jahren ein Umweltministerium gab, war Tschernobyl somit ausschlaggebend dafür, dass es nun auch in der Bundesrepublik erstmals ein solches gab. Allerdings war Umweltschutz zu dieser Zeit ohnehin schon sehr präsent.

Frank Uekötter, Professor für Technik- und Umweltgeschichte an der Ruhr Universität Bochum, nennt die Ministeriumsgründung deshalb auch “irgendwie überfällig. Und dann war Tschernobyl gewissermaßen das, was diese Entscheidung beschleunigt hat.”

Ein Schild warnt in Wiesbaden vor der Nutzung eines Spielplatzes (Aufnahme vom 05.05.1986). Die hessische Landeshauptstadt hatte aufgrund erhöhter Radioaktivität durch den Reaktorunfall in Tschernobyl vorsorglich alle ihre Kinderspielplätze vorübergehend geschlossen.

Die Debatte um einen Atomausstieg nimmt Fahrt auf

Beschleunigt und angeheizt wurde auch die Debatte um die zivile Nutzung der Kernkraft. Die Stimmen nach einem Ausstieg wurden lauter und drängender. So sagte zum Beispiel die Grünen-Abgeordnete Hannegret Hönes in einer Bundestagsdebatte am 14. Mai 1986: “Es ist verbrecherisch, Atomkraftwerke weiterlaufen zu lassen, alle Atomkraftwerke müssen abgeschaltet werden, hier und heute!”

Es sollte es noch bis ins Jahr 2023 dauern, bis diese Forderung in Deutschland Wirklichkeit wurde.

Mehr als eine Ursache für den deutschen Atomausstieg

Ist der deutsche Atomausstieg also eine direkte Folge der Reaktorkatastrophe? Einerseits ja, sagt Uekötter der ARD-Klimaredaktion: “Tschernobyl ist ein Katalysator, der etwas beschleunigt, etwas, das auch die Atomwirtschaft in die Defensive bringt.”

Allerdings sei die Atomenergie in den 1980er-Jahren ohnehin schon auf dem absteigenden Ast gewesen. “Letztlich ist Atomkraft in der Bundesrepublik und auch in anderen westlichen Ländern deshalb gescheitert, weil sie nie das geliefert hat, was man sich in den 60er-, 70er-Jahren vorgestellt hatte: Billigen, einfachen, risikofreien Strom.”

Spuren in den Köpfen

Nachwirkungen hat Tschernobyl auf jeden Fall in den Köpfen vieler Menschen. Denn die Wochen nach der Katastrophe waren in Deutschland geprägt von Unsicherheit und Angst, verbunden mit Fragen wie: “Dürfen meine Kinder noch draußen spielen? Was darf ich noch essen?”

“Viele Menschen in Deutschland sehen den Reaktorunfall von Tschernobyl bis heute als Symbol für unsichtbare Gefahren von Strahlung und für Risiken der Kernenergie”, sagt dazu die Präsidentin des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS), Inge Paulini. Sie beruft sich dabei auf eine aktuelle Studie ihrer Behörde. Die – auch das ist eine Spur, die der Reaktorunfall hinterlassen hat – im Jahr 1989 deshalb gegründet wurde, um Kompetenzen und Zuständigkeiten beim Strahlenschutz zu bündeln.

“Tschernobyl kein Hollywood-Moment”

Wie sehr also wirkt Tschernobyl bei uns bis heute nach? Wie stark hat es den Lauf der Geschichte bei uns beeinflusst? Historiker Frank Uekötter zieht das folgende Fazit: “Es gibt Tschernobyl als Symbol. Das ist ja auch der Grund, warum wir 40 Jahre danach weiterhin darüber reden. Insofern lebt Tschernobyl weiter. Aber diese Vorstellung: Das ist der Schock, das ist der Moment, der alles verändert – das ist eher Hollywood als reale Geschichte.”

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