Spionagefälle, Cyberangriffe, Sabotageakte: Der Bundesnachrichtendienst ist aktuell mehr gefragt als je zuvor. Das war in den vergangenen 70 Jahren nicht immer so. Wie hat sich der Auslandsgeheimdienst gewandelt?
Ein gutes halbes Jahr ist es her, am 11. September 2025, dass Bundeskanzler Friedrich Merz persönlich im Bundesnachrichtendienst den neuen BND-Präsidenten in sein Amt eingeführt hat. “Noch nie in der deutschen Nachkriegsgeschichte war die sicherheitspolitische Lage unseres Landes und unseres Kontinents so ernst”, sagte Merz und meinte den hybriden Krieg, den Russland seit dem Einmarsch in die Ukraine auch gegen Deutschland führt.
Keine Frage, es gibt genug zu tun für den deutschen Auslandsnachrichtendienst: Spionagefälle, Cyberangriffe, versuchte und mitunter geglückte Sabotageakte, Drohnensichtungen über militärischen Liegenschaften und Desinformationskampagnen sind seitdem an der Tagesordnung. Deutschland als mittlerweile größter militärischer Unterstützer der Ukraine im Abwehrkampf gegen Russland ist dabei besonders im Fokus der russischen Geheimdienste. Das Ziel dieser Maßnahmen: Verunsicherung schüren, die Bevölkerung einschüchtern.
Politische Unterstützung wie noch nie
Die zentrale Botschaft des Kanzlers bei der Amtseinführung von Martin Jäger als BND-Chef war unmissverständlich: Die Erwartungen an den BND sind hoch, er wird gebraucht. Vielleicht mehr als je zuvor. Und damit er liefern kann, soll er auch die Mittel bekommen, um die hybriden Angriffe aus Russland parieren zu können. Ein neues BND-Gesetz ist in Arbeit. “Wir haben Unterstützung seitens der Politik, wie es sie noch nie gegeben hat”, stellte Jäger fest.
Das war in der Tat nicht immer so. Dass Merz zu Jägers Amtseinführung kam, war ein deutliches Signal der Unterstützung und Wertschätzung für den Dienst insgesamt. Angela Merkel besuchte den BND erst zur Einweihung der neuen Zentrale, als sie schon 13 Jahre lang Kanzlerin war und irgendwie kein Weg mehr daran vorbeiführte. Helmut Kohl und Helmut Schmidt waren bekannt dafür, dass sie gerne mit Geringschätzung über den BND sprachen – auch öffentlich.
Der Auslandsnachrichtendienst, der bis zu seinem Umzug nach Berlin in Pullach bei München saß, hatte jahrzehntelang kein besonders gutes Image. Bis zum Untergang der DDR war der Hauptgegner das Ministerium für Staatssicherheit, ein ungleicher Wettbewerb, bei dem der BND die schlechteren Karten hatte.
Vorläufer: Organisation Gehlen
Alles begann 1946 mit der Organisation Gehlen, benannt nach Reinhard Gehlen, einem ehemaligen Wehrmachtsoffizier, der sich nach Ende des Krieges den Amerikanern anbot. Die Organisation, die er aufbaute, siedelte sich in der ehemaligen NS-Siedlung Rudolf Heß an. 1956 wurde aus ihr der Bundesnachrichtendienst mit Gehlen als erstem BND-Präsident. Der bot seine Dienste dem damaligen Kanzler Konrad Adenauer auch im Inland an und bespitzelte den politischen Gegner SPD.
Das Bild des Dienstes in der Öffentlichkeit wurde vor allem durch handfeste Skandale geprägt, die nicht lange auf sich warten ließen. Mit Hans Felfe flog 1961 ein Doppelagent in Diensten des KGB auf, ein enger Vertrauter von Gehlen, der ausgerechnet für die Gegenspionage gegen die Sowjetunion zuständig gewesen war. Ein Schlag, von dem sich der BND jahrzehntelang nicht erholte.
Mitte der 1990er-Jahre machte der BND mit dem Plutoniumskandal Schlagzeilen, 2005 mit einer Journalistenaffäre. Aus dem NSA-Skandal im Jahre 2013, von Angela Merkel mit dem Bonmot “Abhören unter Freunden, das geht gar nicht” kommentiert, wurde schließlich ein BND-Skandal, bei dem öffentlich wurde, dass der Dienst zahlreiche europäische Regierungen abhörte.
BND soll operativer werden
Mit dem Umzug nach Berlin, der Anfang 2019 abgeschlossen war, begann ein neues Kapitel für den BND. Er war damit näher am politischen Betrieb der Hauptstadt, sichtbarer und moderner als je zuvor. Die hochmoderne Zentrale mitten in Berlin vermittelt nach Außen ein völlig anderes Bild als die zuletzt völlig heruntergekommene ehemalige Nazi-Siedlung in Pullach, in der der BND sich über Jahrzehnte quasi versteckt hatte.
So sehr sich das äußere Erscheinungsbild verändert hat, haftet dem Dienst allerdings in der Öffentlichkeit nach wie vor an, nur wenige eigene wertige Informationen zu generieren. Bei Hinweisen auf mutmaßlich geplante Terroranschläge heißt es meist, dass diese von einem Partnerdienst im Ausland kamen.
Der BND gilt als stark in der Analyse, der neue Präsident will ihn operativer ausrichten und wenn nötig auch mehr Risiken eingehen. “Mein Anspruch wird sein, den Dienst noch besser auf die Herausforderungen unserer neuen Zeit auszurichten”, erklärte Jäger bei seinem Amtsantritt im September. Der nötige Rückhalt ist da. Das Frustrierende für den Dienst: über Erfolge kann man nicht sprechen. Schlagzeilen macht er vor allem, wenn etwas schief geht.
Empfang 70 Jahre BND
Der Bundesnachrichtendienst hat am 1. April 1956 seine Arbeit aufgenommen. Heute findet ein Empfang zum 70. Jahrestag statt, an dem neben Gastgeber und BND-Präsident Martin Jäger der für die deutschen Geheimdienste zuständige Kanzleramtschef Thorsten Frei (CDU) teilnimmt.


