Für Israels Regierung verläuft in den Medien “die achte Front”. Deshalb gibt sie immer mehr Geld für die Verbreitung von Botschaften in ihrem Sinn aus. Wie erklärt sie sich dabei der Welt?
Im August 2025 brachte die israelische Armee eine Reihe von Influencern in den Gazastreifen. Während internationale Journalistinnen und Journalisten noch immer keinen unabhängigen Zugang zu dem Gebiet haben, verbreiteten in diesen Tagen Influencer wie David Mayofis Videos in den sozialen Medien mit zwei Botschaften, die sich widersprachen: Es gebe keinen Hunger in Gaza und: Schuld seien die Vereinten Nationen.
Mayofis zeigte sich damals mit Schutzweste vor Paletten voller Nahrung in der Nähe des Grenzübergangs Rafah: “Ich bin gerade in Gaza. Und wie ihr wisst, gibt es eine große Kampagne, von der Hamas und deren Unterstützern, dass es eine Hungersnot in Gaza gibt und dass Israel vorsätzlich dutzende Zivilisten verhungern lässt. Das ist total unwahr. Wie ihr seht, gibt es einen Haufen Nahrungsmittelpakete, die darauf warten von den internationalen Organisationen abgeholt zu werden. Es ist nicht die Schuld der israelischen Armee, dass das hier steht. Es gibt zehntausende davon, die darauf warten an Zivilisten in Gaza verteilt zu werden. Und Israel verhindert nicht, dass es die Menschen in Gaza erreicht.”
Im August 2025 trat David Mayofis in seinem Instagram-Account dem Vorwurf entgegen, Israel blockiere humanitäre Hilfe für den Gazastreifen.
Ausreichend versorgt – oder Hungersnot?
Der Auftritt der Influencer im Gazastreifen, der im Sommer 2025 die sozialen Medien flutete, war Teil einer israelischen Kampagne. Der Zeitpunkt war kein Zufall. Israel stand damals massiv in der Kritik: Die Regierung hatte zuvor nämlich durchaus verhindert, dass Nahrung die Menschen im Gazastreifen erreicht: Zwischen dem 2. März und dem 19. Mai 2025 gab es eine Totalblockade. Mehr als elf Wochen hatte Israel keine Lebensmittel in den Gazastreifen gelassen mit dem Argument, sie würden in die Hände der Hamas gelangen.
Menschenrechtsorganisationen weltweit sprachen vom “Einsatz von Hunger als Kriegswaffe”. Und Mitte August 2025 stellte die internationale Initiative Integrated Food Security Phase Classification (IPC) für den Norden des Gazastreifens, der damals weiterhin unterversorgt war, erstmals eine Hungersnot fest. Die Initiative IPC steht für ein internationale Klassifizierungssystem für Ernährungssicherheit – sie ist für die Einschätzung von Hungerlagen in aller Welt zuständig. Zahlreiche internationale Organisationen und Regierungen nutzen das Instrument.
Israels Regierung war auch auf ihren offiziellen Kanälen aktiv: Im September 2025 wurden im Youtube-Kanal des israelischen Außenministeriums Videos in unterschiedlichen Sprachen veröffentlicht. Bis heute wurden sie millionenfach abgerufen. Die Bilder zeigen angeblich volle Restaurants im Gazastreifen im Juli und wohlgenährte Menschen an vollen Tischen. Am Ende steht: “Es gibt Lebensmittel in Gaza. Jede andere Behauptung ist eine Lüge.” Tatsächlich gab es damals Lebensmittel in Gaza. Doch nur für wenige. Die israelische Kampagne war also mindestens irreführend.
Aktivitäten auf vielen Plattformen
Um die Botschaft der vollen Tische zu verbreiten, investierte Israels Regierung viel Geld. Einer Recherche des Bayerischen Rundfunks zufolge flossen von Mitte Juni bis Ende Dezember 2025 umgerechnet fast 40 Millionen Euro aus dem israelischen Staatshaushalt in Google- und Youtube-Anzeigen und weitere mehr als vier Millionen Euro an die Plattformen X und Outbrain.
Ein gesponsorter Link auf Google wurde beispielsweise ausgespielt, wenn nach den Schlagworten “IPC” und “Hunger” gesucht wurde. Nutzer landeten dann auf einer israelischen Regierungsseite, die die IPC-Einschätzung infrage stellt und behauptet, sie sei aufgrund unvollständiger und falscher Daten zustande gekommen. Die ebenfalls von Israel aufgestellte Behauptung, IPC habe für Gaza die Kriterien für Hunger gesenkt, wurde inzwischen widerlegt.
Höhere Ausgaben für die öffentliche Wirkung
Dass eine Regierung Gelder für Öffentlichkeitsarbeit ausgibt, ist an sich nicht ungewöhnlich, sondern allgemeine Praxis – dazu gehören auch Kampagnen und Öffentlichkeitsarbeit in den sozialen Medien. Aber setzt Israel in diesem Krieg tatsächlich nur Mittel ein, die zum eigenen Anspruch passen, nämlich ein liberaler Rechtsstaat zu sein und die einzige Demokratie im Nahen Osten?
In diesem Jahr hat Israels Regierung Ausgaben für Public Diplomacy, also Diplomatie mit Öffentlichkeitswirkung noch einmal deutlich erhöht. Umgerechnet fast 630 Millionen Euro sind im israelischen Haushalt für dieses Jahr dafür vorgesehen. Fast fünfmal so viel wie in 2025.
Die Gelder werden unter anderem auch eingesetzt, um zahlreiche Delegationen auch aus Deutschland nach Israel zu bringen, die dann ein zumeist einseitiges Bild aus der Perspektive der israelischen Regierung vermittelt bekommen. Ein Teil dieser Gelder geht auch an proisraelische Lobbyorganisationen wie Elnet, die ebenfalls Reisen nach Israel organisieren. Einer Recherche der TAZ vom letzten Herbst zufolge flogen seit 2017 mindestens 96 Mitglieder des Deutschen Bundestages mit Elnet nach Israel, manche sogar mehrfach.
Ein Interview mit den zuständigen Stellen der israelischen Regierung kam trotz mehrfacher Anfrage nicht zustande. Mit dem Ministerium für Diaspora-Angelegenheiten und den Kampf gegen Antisemitismus kam es immerhin zu einem Hintergrundgespräch über technische Fragen, aus dem nur wenig zitiert werden darf: Es gehe darum, so eine Mitarbeiterin, dass Israels Darstellung bestimmte Zielgruppen erreiche. Ziel sei es, Suchergebnisse und Algorithmen von Suchmaschinen wie Google, KI-Portalen wie ChatGPT und in den sozialen Medien entsprechend “zu optimieren”.
Meinungshoheit – auch eine Frage der Sicherheit
Bei den Kriegen, die Israel seit dem Überfall des 7. Oktober 2023 führt, geht es nicht nur um die Frage, wie man Terrororganisationen wie die Hamas oder die Hisbollah militärisch bekämpft. Es ist auch ein Krieg um die öffentliche Meinung, um Meinungshoheit – im eigenen Land und darüber hinaus. Israel braucht Unterstützung von außen, das ist am Ende auch eine Frage der Sicherheit.
Weil Israel von der militärischen Unterstützung der USA abhängig ist, liegt dort ein Schwerpunkt der Public Diplomacy. Premier Benjamin Netanjahu sieht sein Land auch bei dem, was er als die “achte Front” bezeichnet, in der Selbstverteidigung. Es sprach vor ein paar Monaten in New York vor Influencern auch über die Rolle, die dabei die sozialen Netzwerke spielen:
Wir müssen zurückschlagen. Wie? Mit unseren Influencern, die sind sehr wichtig. Und: Wir müssen die geeigneten Waffen nutzen. Das Wichtigste ist Social Media, am wichtigsten TikTok das andere X. Wir müssen in den Kampf gehen, um Juden eine Richtung zu geben und unseren nicht-jüdischen Freunden oder denen, die unsere Freunde sein könnten.
Gerade die öffentliche Wahrnehmung in den USA ist für Israels Regierung wichtig. Hier unterstützt Ministerpräsident Netanjahu bei einer Rede vor den Vereinten Nationen seine Aussagen mit Schaubildern.
“Hasbara” einfach nicht gut genug?
Das, was in Israel Hasbara genannt wird, hat sich verändert. Hasbara bedeutet eigentlich “Erklärung”. Doch wie die israelische Regierung sich und ihre Anliegen der Welt präsentiert, geht weit über “Erklären” hinaus. Der ehemalige Regierungssprecher Eylon Levy sagt, es gehe nicht nur um PR, sondern darum, einer koordinierten und weltweiten Bewegung die Stirn zu bieten, die Israel vorhalte, einen Völkermord zu betreiben und ein Apartheids-Regime zu unterhalten, das von weißen Kolonialherren beherrscht werde.
Und so betreibt auch Israels Regierung Delegitimierungskampagnen, beispielsweise gegen UN-Organisationen wie das Palästinenserhilfswerk UNRWA, dem es vorwirft, dass einige seiner Mitarbeiter an Terroraktivitäten der militant-islamistischen Hamas beteiligt gewesen seien. Die UNRWA hat sich von einer geringen Zahl an Mitarbeitern getrennt, bestreitet aber eine systematische Unterwanderung, auch die deutsche Bundesregierung sah keinen Hinweis, dass das UNRWA insgesamt von Hamas-Mitglieder durchsetzt sei.
Viele Israelis sind der Meinung, das international derzeit schlechte Ansehen ihres Landes liege daran, dass die Hasbara einfach nicht gut genug sei. Kritiker sagen, sinkende Sympathiewerte für Israel lägen vor allem an den Vorwürfen, die im Raum stehen. Auch israelische Menschenrechtsorganisationen sprechen schon seit längerem von einem Genozid im Gazastreifen und von einem Apartheitsregime im besetzten Westjordanland und haben zahlreiche Fakten dokumentiert, die aus ihrer Sicht dafür sprechen. Das Land muss sich vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag verantworten – es geht unter anderem um Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Angesichts solcher Vorwürfe nützen möglicherweise auch die beste Erklärungen nichts – und auch nicht die besten technischen Mittel, sie zu verbreiten.
Ein Feature unseres Autors zum Thema finden Sie auch in ARD Sounds: Hasbara – Wie sich Israel heute der Welt erklärt.
