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Zehn statt 110 Prozent – niedrigere Zölle auf Autos aus der EU sind ein wichtiger Teil des Handelsabkommens der EU mit Indien. Deutsche Autokonzerne haben neue Möglichkeiten. Doch Fragen bleiben.
Indien ist das bevölkerungsreichste Land der Erde. In den vergangenen Jahren gab es ein beeindruckendes Wirtschaftswachstum von durchschnittlich sechs bis sieben Prozent pro Jahr. Das sind Wachstumsraten, von denen andere Staaten nur träumen können.
In Indien gibt es eine wachsende Mittelschicht und eine junge, zunehmend wohlhabender werdende Bevölkerung. “Von daher ist das neue Freihandelsabkommen für die deutsche Automobilwirtschaft sicherlich eine Möglichkeit, einen neuen Marktzugang zu erschließen”, so Constantin Gall, Branchenexperte bei der Strategieberatung EY Parthenon.
“SUVs werden in Indien gebraucht”
In einem ersten Schritt sollen Zölle auf bestimmte Importfahrzeuge von derzeit bis zu 110 Prozent auf 40 und später auf zehn Prozent gesenkt werden. Das soll für 250.000 Fahrzeuge pro Jahr gelten. Bei Autoteilen sollen die Zölle nach fünf bis zehn Jahren vollständig abgeschafft werden.
Frank Schwope von der Fachhochschule des Mittelstands Köln sieht darin eine wichtige Basis für die deutschen Autobauer, wenn es darum geht, neue Märkte und neue Kunden zu erschließen. “SUVs werden in Indien gebraucht, auch rustikalere Fahrzeuge.” Das hänge mit den Straßenverhältnissen im Land zusammen.
Große Chancen – aber “eine zweischneidige Sache”
Indien ist für die internationale Automobilindustrie längst zu einem wichtigen Absatzmarkt geworden. Die Nachfrage ist enorm. Das Land könnte immer näher an die bisherigen Platzhirsche USA und China heranrücken.
Branchenkenner Christoph Stürmer ist etwas zurückhaltender, spricht von einer “zweischneidigen Sache” für die deutschen Hersteller. Durch das neue Handelsabkommen können zwar direkte Exporte nach Indien gefördert werden. “Andererseits haben beispielsweise Unternehmen wie Audi bereits Fabriken in Indien installiert, die immer noch darauf warten zu wachsen. Diese würden durch Importe wieder etwas ad absurdum geführt.”
Roller, Motorräder und Tuk-Tuks fahren elektrisch
Elektromobilität spielt in Indien mittlerweile eine große Rolle, nicht zuletzt, weil die Luftverschmutzung in einigen Städte zum Problem geworden ist. “Indien beginnt mit den Sektoren, die für den Verkehr am bedeutendsten sind, also Klein- und Kleinstmobilität”, so Branchenkenner Stürmer. Dazu gehören Roller, Motorräder und die vielen dreirädrigen Tuk-Tuks, die überall im Land unterwegs sind. Auch Busse werden elektrisch betrieben.
“Dort sind einige Kommunen schon auf 100 Prozent Elektrobusse umgestiegen. Weitere werden folgen. Das ist in Indien eine absolute Kernstrategie.” Der Staat fördert den Umstieg. Es gibt Steuererleichterungen und Subventionen für diesen Bereich.
Konkurrenz von indischen und japanischen Herstellern
In welchem Ausmaß die deutschen Hersteller von diesem Boom in Indien profitieren können, lässt sich schwer abschätzen. Von Steuererleichterungen für importierte Elektrofahrzeuge ist im neuen Freihandelsabkommen keine Rede.
Heimische und japanische Hersteller dominieren den Markt. Suzuki oder Honda haben große Produktionsstätten im Land. Sie investieren Milliarden in den Bau von neuen Fabriken und von neuen Fahrzeugen. Auch südkoreanische Autobauer wie Hyundai oder Kia sind stark vertreten. Lokale Hersteller bekommen Rückenwind von der Regierung. “Das Interesse der Regierung ist, dass erst einmal diese Hersteller den jungen und wachsenden Markt adressieren können”, sagt EY-Experte Gall.
Frank Schwope von der Fachhochschule des Mittelstands in Köln ist dennoch zuversichtlich. “Ich gehe schon davon aus, dass genug Platz ist für deutsche Hersteller.” Zumindest ist das Handelsabkommen eine Chance, sich in dem insgesamt schwieriger werdenden Markt neu zu positionieren. “Auf die Sicht einiger Jahre ist es sicherlich für die deutschen Automobilisten ein Markt, den man nicht aus den Augen verlieren sollte”, meint EY-Experte Gall.


