Während die Augen der Weltöffentlichkeit auf den Iran-Krieg gerichtet sind, sterben in der Ukraine weiter Menschen. Die Einwohner fürchten, vergessen zu werden – und weniger Waffen zu bekommen. Ein Bericht aus Kramatorsk.
Wenn Serhij mit seinem Auto losfährt, dann liegt vor ihm eine gefährliche Strecke. Regelmäßig bringt er Soldaten, Verpflegung und Munition von Kramatorsk an die Front.
“Einmal wurden wir von einer Drohne getroffen”, erinnert sich Serhij. “Mein Kamerad und ich waren gerade auf dem Weg zu unserer Position, da wurden wir von der Drohne angegriffen und sie ist direkt ins Fahrzeug eingeschlagen. Wir konnten noch rechtzeitig aus dem Auto springen.”
Jeden Tag geht es für Serhij ums Überleben. Nachrichten verfolgt er nur am Rande. Vom Krieg im Nahen Osten hat er aber gehört. Dass die Welt nun vor allem auf die Ereignisse im Iran und weniger auf die Ukraine blickt, macht ihm Sorgen. Hat er Angst, vergessen zu werden? “Der Gedanke kommt einem in dieser Situation. Aber wie sich die Lage entwickelt, weiß niemand genau”, sagt er.
Iran-Krieg könnte Waffenlieferungen an Ukraine dezimieren
Vergessen werden – für Serhij und die anderen Soldaten könnte das bedeuten, dass sie sich mit weniger Waffen verteidigen müssen. Der Politikwissenschaftler Vadym Deniysenko befürchtet, dass vor allem ein lang andauernder Krieg im Nahen Osten negative Folgen für ausländische Militärunterstützung der Ukraine haben könnte.
“Wir sind uns bewusst, dass die Menge an Abwehrraketen, die die Vereinigten Staaten derzeit im Nahen Osten verschießen, grundsätzlich problematisch genug sein kann, sodass sie später nicht mehr in denselben Mengen zu uns gelangt, wie sie zuvor an die Ukraine geliefert wurde”, sagt Deniysenko.
Gemeint sind vor allem die Patriots, die die USA und ihre Partner einsetzen, um iranische Angriffe abzuwehren. Diese Abwehrraketen fehlten dem ukrainischen Militär schon vor dem Krieg im Nahen Osten. Bereits Ende Februar beklagte Verteidigungsminister Fedorow, die Bestände seien auf ein kritisches Niveau gesunken.
Politikwissenschaftler: Russland nutzt Iran als Vorwand
Neben den Waffenlieferungen sieht Denysenko Folgen für die Verhandlungen zwischen der Ukraine und Russland über ein mögliches Ende des Krieges. “Der Verhandlungsprozess befindet sich in einer absoluten Sackgasse”, betont Deniysenko. “Die Russische Föderation hat bislang keine ernsthaften Verhandlungen geführt und jetzt wird behauptet, der Krieg im Iran würde den Verhandlungsprozess beeinträchtigen.”
Russland nutze nun die Ereignisse im Iran als Vorwand, um nicht weiter verhandeln müssen, so Denysnko. Laut russischen Medienberichten sollen die Verhandlungen inzwischen ausgesetzt sein.
Selenskyj beklagt verschobene Treffen mit USA wegen Iran
Der ukrainische Präsident Selenskyj zeigte sich in einem Interview mit BBC besorgt über diese Entwicklungen. “Ich habe ein sehr ungutes Gefühl, was die Auswirkungen dieses Krieges auf die Lage in der Ukraine angeht”, so Selenskyj. “Der Fokus der USA liegt leider mehr auf dem Nahen Osten als auf der Ukraine. Deshalb werden unsere diplomatischen Treffen, die trilateralen Treffen, ständig verschoben.”
Inzwischen kündigte Selenskyj für Samstag ein Treffen in den USA an, eine ukrainische Delegation sei bereits unterwegs. Von einer russischen Beteiligung war bisher nicht die Rede.
Weit weg von all dem hofft Fahrer Serhij in Kramatorsk, dass sein Schicksal und das der anderen Soldaten weiterhin wahrgenommen wird. Was gibt ihm Kraft? “Dass man zu Hause auf mich wartet und ich deswegen einfach zurückkehren muss”, sagt Serhij. “Daran glaube ich fest. Selbst wenn Drohnen über mir fliegen und explodieren, weiß ich trotzdem, dass mir nichts passieren wird. Daran muss man fest glauben.”

