Gut drei Wochen nach Beginn des Krieges der USA und Israels gegen den Iran wird deutlich, dass dieser auch für nordafrikanische Länder wie Marokko und Algerien Folgen hat. Allerdings nicht nur negative.
An der Zapfsäule in Marokkos Hauptstadt Rabat sind die Folgen des Kriegs am Golf schon spürbar. Statt elf Dirham kostet der Liter Diesel von einem Tag auf den anderen plötzlich 13 Dirham, umgerechnet 1,20 Euro, fast 20 Prozent Preissteigerung – sehr zum Ärger der marokkanischen Taxifahrer:
“Schuld daran ist der Iran-Krieg”, schimpft ein Fahrer beim Tanken in Rabat. Der Staat müsse Maßnahmen treffen, fordert der Mann, damit am Ende nicht die Bürger teuer bezahlen müssten.
Angst vor erneuter Inflation
Viele Lebensmittel in Marokko sind bereits teurer geworden, wobei sich nicht genau sagen lässt, ob das an den gestiegenen Transportkosten liegt oder an der hohen Nachfrage wegen der Feiern zum Ende des Ramadans.
Vermutlich spielt beides eine Rolle. Fest steht: In Nordafrika geht die Angst vor der Inflation um, so wie schon 2022, nach Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine.
Höhere Energierechnung
Das marokkanische Politik-Magazin Telquel zog vergangene Woche eine Bilanz der Krise von 2022: Damals verdreifachte sich die Inflation in Marokko, der Spritpreis kletterte auf umgerechnet mehr als 1,50 Euro, und der Staat subventionierte den Transportsektor mit rund 700 Millionen Euro.
Auch jetzt hat Marokkos Regierung den Fuhrunternehmern Subventionen angeboten; über ein Internetportal können sie sich darum bewerben. Doch wie lange kann Marokko sich das leisten?
Anders als Algerien und Tunesien verfügt Marokko nicht über Erdöl- oder Erdgas-Vorkommen. Die gestiegenen Weltmarktpreise von zurzeit rund 100 statt zuvor 65 US-Dollar pro Barrel Brent Crude schlagen sich deshalb hier besonders nieder.
Der Ökonomieprofessor Lahcen Oulhaj gehört zu den Wirtschaftsweisen in Marokko. Nach seiner Auffassung ist das Land gut vorbereitet und steht finanziell stabil da. Aber um eine importierte Inflation werde es kaum herumkommen: Für Marokko werde die Energierechnung höher ausfallen, sagt er, um 50 Prozent – mit Folgen für die Gesamtwirtschaft: “Die Handelsbilanz wird sich verschlechtern, das Haushaltsdefizit wächst auf vier Prozent”, erklärt er.
Algerien profitiert von höheren Preisen
Das alles sei noch zu verkraften, meint Ökonomom Oulhaj, aber außerdem sei Marokko von der Entwicklung in Europa direkt betroffen. Sinke dort die Wirtschaftsleistung, könnten die Exilmarokkaner aus Spanien, Frankreich oder Deutschland weniger Geld in die Heimat schicken – dabei geht es um Milliardenzahlungen.
Mit rund acht Prozent des Bruttosozialprodukts sind sie ebenso wie der Tourismus ein wichtiger Faktor, um das Defizit in der Handelsbilanz auszugleichen. Sehr viel besser als um Marokko, sagt Oulhaj, stünde es derzeit um das Nachbarland Algerien, einen der wichtigsten Erdgaslieferanten Europas:
“Die Lage dort ist wirklich ganz anders. Algerien exportiert Energie. Wenn die Preise steigen, wächst der Staatshaushalt und die Außenhandelsbilanz verbessert sich. Alle Lebensmittel dort sind subventioniert, sogar die Produktion von Tomaten.”
Algeriens Bevölkerung spüre also weniger von der Krise. Klar ist: Steigen die Öl- und Gaspreise, klingelt in Algier die Kasse. Der Staatshaushalt dort fußt zu mehr als 50 Prozent auf diesen Einnahmen. Algerien unterstützt nach Angaben von Oulhaj auch das benachbarte und chronisch klamme Tunesien, sodass es die aktuelle Krise möglicherweise besser überstehen könne.
In Bezug auf die Wirtschaft Tunesiens warnt das Institut Arabe des Chefs des Entreprise (IACE) vor großen Risiken für die tunesische Wirtschaft durch höhere Energiepreise in Folge des Kriegs am Golf.
Zudem drohten ein Rückgang des Wirtschaftswachstums, Inflation und eine mögliche Schwächung des wichtigen Tourismus-Sektors, etwa wegen gestiegener Kerosinkosten der Airlines in dem Land. Weil Importe teurer würden, verschlechtere sich die Zahlungsbilanz.
Risiken und Chancen
Energie-Experten verschiedener Beratungsfirmen weisen jedoch darauf hin, dass etwa auch Algerien seine Produktion zumindest kurzfristig nicht so weit steigern könne, dass damit die Lieferungen vom Golf nach Europa ersetzbar seien.
Neben Italien und Spanien gehören auch Frankreich und Deutschland zu Algeriens Kunden. Doch Algerien selbst benötige große Anteile der Produktion im eigenen Land. Neue Reserven für das energiehungrige Europa zu erschließen, könne Jahre dauern, sagen Analysten.
Für das ebenfalls auf Energie-Importe angewiesene Marokko bringe die aktuelle Krise am Golf jedoch nicht nur Risiken mit sich, sondern auch Chancen, meint Ökonom Lahcen Oulhaj. Marokko könne von dem Krieg sogar profitieren: “Man denkt dabei an Erdöl. Man plant, den Hafen von Nador zu einem wichtigen Umschlagplatz für Erdöl zu machen.”
Ein sicherer Hafen für Erdöllager
Dafür müssten dort am südlichen Rand des Mittelmeers im Nordosten Marokkos riesige Lagerstätten errichtet werden – weit weg vom Kriegsschauplatz. Als sicherer Hafen für Kapital und Immobilien bietet sich das Königreich schon länger den vom Krieg getroffenen Golfstaaten als Alternative an.
Auch in anderen Sektoren des Königreichs könnten Investitionen ausgelöst werden, etwa in grüne Rechenzentren, sagt Ullrich Umann, Berichterstatter der Germany Trade and Invest (GTAI) in Casablanca. Er glaubt, dass Marokko zusätzlich von gestiegenen Düngemittelabsätzen- und Preisen profitieren könne. Das Land verfügt über die weltweit größten Phosphatreserven.
Ob das alles die sozialen Kosten der Inflation aufwiegen kann, steht für den Wirtschaftsweisen Lahcen Oulhaj noch nicht fest. Für 2026 sei für Marokko ein Wirtschaftswachstum von sechs Prozent vorhergesagt worden, was wirklich außergewöhnlich gut wäre – zudem stelle die gegenwärtige Entwicklung diese Aussicht in Frage. Wie sehr die Wirtschaft in Mitleidenschaft gezogen werde, hänge auch in Nordafrika davon ab, wie lange der Krieg gegen den Iran noch dauere.


