Wahlen in den Palästinensergebieten sind eine Seltenheit. Heute durften mehr als eine Million Menschen ihre kommunalen Vertreter bestimmen – auch in einer Stadt im Gazastreifen. Was das für die Menschen bedeutet.
Deir al-Balah im Zentrum des Gazastreifens: In weißen Zelten dürfen die Bewohner ihre Stimme abgeben – das erste Mal seit 20 Jahren. Es ist ein bedeutender Tag, auch für Hisham Baraka. Er ist einer von 70.000 Wahlberechtigten hier. “Es fühlt sich an, als würde das Leben wieder losgehen, als gebe es eine Zukunft”, sagt er.
Nur in einer Stadt im Gazastreifen wird gewählt
Deir al Balah wurde im Krieg vergleichsweise wenig zerstört. Was ein Grund dafür ist, dass die Stadt als einzige im Gazastreifen überhaupt in die palästinensischen Kommunalwahlen einbezogen wurde. Die Autonomiebehörde mit Sitz im Westjordanland dürfte damit ihren Führungsanspruch in dem Küstenstreifen untermauern.
Fareed Tamallah ist Sprecher der Zentralen Wahlkommission. Er sagt: “Es ist eine Botschaft der Palästinenser, dass wir hier bleiben und unser Land entwickeln werden.”
Die Wahl ist auch ein Stimmungstest: Zwar hat die Hamas offiziell keine eigenen Kandidaten aufgestellt. Eine Liste im Gazastreifen soll ihr aber nahestehen. Die anderen Kandidaten sind unabhängig oder stehen der Fatah-Partei von Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas nahe.
“Schritt in die richtige Richtung”
Im Westjordanland sind mehr als eine Million Menschen wahlberechtigt. In manchen Gemeinden wird nicht abgestimmt, weil nur eine Liste aufgestellt wurde. Ibrahim Dalalsha, der einen Thinktank leitet, hält die Kommunalwahl trotzdem für richtig: “Es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Es gibt so viele Unzulänglichkeiten, so viele Probleme, aber das darf uns nicht aufhalten, die Wahl durchzuführen und eben nicht einfach nur Abgeordnete zu benennen.”
Ibrahim Dalalsha sagt, die Abstimmungen könnten als Blaupause dienen, etwa für Präsidentschafts- oder Parlamentswahlen. Die haben das letzte Mal vor rund 20 Jahren stattgefunden. Das hofft auch Samer Hijazi, ein Wähler im Dorf Deir Dibwan: “Ich glaube nicht, dass es bald passiert, aber wir hoffen auf freie, faire und sichere Wahlen.”
Erst vor wenigen Tagen wurde hier in Deir Dibwan ein junger Mann mutmaßlich von einem radikalen jüdischen Siedler getötet. Die Kommunalwahlen finden in unruhigen Zeiten statt – und unter erschwerten Bedingungen. Im von Stromausfällen betroffenen Gazastreifen etwa endet die Wahl zwei Stunden früher als im Westjordanland. So sollten die Wahlhelfer genug Zeit haben, um noch bei Tageslicht die Stimmen zu zählen.

