Regierungskrise in Großbritannien: Wie geht es weiter in der Downing Street?

Regierungskrise in Großbritannien: Wie geht es weiter in der Downing Street?


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Stand: 15.05.2026 • 19:21 Uhr

Der britische Premierminister Starmer steht seit Monaten unter Druck. Mit dem Rücktritt von Gesundheitsminister Streeting scheint sich die Regierungskrise zuzuspitzen. Wie geht es in dem Polit-Drama weiter?

Für den britischen Premierminister Keir Starmer wird es eng. Seit Monaten wächst der Druck auf den Chef der sozialdemokratischen Labour-Partei – nun ist er so groß wie selten zuvor. Starmer lehnt einen Rücktritt bislang beharrlich ab. Ob er gestürzt wird, ist ungewiss – doch die Krise spitzt sich zu. Zudem kursieren bereits Namen möglicher Nachfolger.

Eine Woche nach dem verheerenden Ergebnis bei den Kommunal- und Regionalwahlen trat zuletzt Gesundheitsminister Wes Streeting aus Protest gegen den Premier zurück. Die größte Gefahr für Starmer könnte von seinem innerparteilichen Rivalen Andy Burnham ausgehen, der als Herausforderer des wankenden Parteichefs gehandelt wird. Der Bürgermeister von Manchester kündigte an, den Sprung ins Parlament zu wagen.

Was wird Starmer vorgeworfen?

Der britische Premier steht unter anderem wegen der schlechten Ergebnisse seiner Partei bei den Kommunal- und Regionalwahlen vergangene Woche in der Kritik. Rücktrittsforderungen an Starmer hatte es jedoch bereits zuvor gegeben – unter anderem wegen seiner Ernennung des Epstein-Vertrauten Peter Mandelson zum US-Botschafter im vergangenen Jahr.

Auch wegen der schwachen Wirtschaft, hohen Lebenshaltungskosten und dem maroden öffentlichen Dienst steht Starmers Labour-Regierung in der Kritik. Wählerinnen und Wähler werfen ihm vor, seine Versprechen aus dem Wahlkampf nicht eingelöst zu haben.

Steht Starmer jetzt vor dem Aus?

Erwartet wurde, dass Gesundheitsminister Streeting mit seinem Rücktritt den Premier direkt um den Parteivorsitz herausfordern wird. Das geschah bislang nicht. Noch scheint sich Starmer erfolgreich an sein Amt zu klammern. Doch sollten weitere Minister zurücktreten, könnte das schwierig werden.

Starmers “großes, dickes Problem” sei, dass er wegen mangelnden Rückhalts in seiner Fraktion keine Regierungsarbeit machen könne, analysierte Sky-News-Reporter Sam Coates: “Das kann nicht mehr lange so weitergehen.”

Die am Mittwoch zur Eröffnung der neuen Sitzungsperiode des Parlaments vorgestellten Gesetzesvorhaben seien nicht umsetzbar ohne die Unterstützung seiner Fraktion, so Coates. Starmer stehe zunehmend einer “Zombie-Regierung” vor.

Als mögliche Gefahr für ihn gelten Innenministerin Shabana Mahmood und Energieminister Ed Miliband, die sich Medienberichten zufolge für einen vorzeitigen Abtritt des Premiers ausgesprochen haben sollen. Sollte die Innenministerin ihren Hut nehmen, würde das wohl das Ende der Ära Starmer bedeuten.

Wer könnte auf Starmer folgen?

Der ehrgeizige Ex-Gesundheitsminister Streeting gilt als B-Kandidat für die Führungswahl. Innerhalb der Labour-Partei wird er dem rechten Flügel zugeordnet, im linken Lager der Partei gilt er als geradezu verhasst.

Größere Chancen werden dem Bürgermeister von Manchester, Burnham, zugeschrieben. Er gilt als der aktuell wohl beliebteste Labour-Politiker des Landes und damit größter Konkurrent Starmers. Burnham verließ das Parlament vor knapp zehn Jahren nach einem gescheiterten Versuch, an die Parteispitze zu gelangen. Der Labour-Abgeordnete Josh Simons hat inzwischen zugunsten Burnhams sein Parlamentsmandat aufgegeben. Damit kann Burnham nun für den Parlamentssitz kandidieren – der Voraussetzung für eine Kandidatur als Premier wäre.

Zuletzt hatte sich auch Ex-Vizeregierungschefin Angela Rayner ins Spiel gebracht. Die 46-Jährige vom linken Parteiflügel war im September vergangenen Jahres wegen einer Steueraffäre zurückgetreten. Zuvor galt sie als Gallionsfigur des linken Parteiflügels von Labour.

Warum könnte Burnham so gefährlich für Starmer sein?

Schon seit Monaten gilt Burnham als Liebling des moderat-linken Parteiflügels. Als Bürgermeister von Manchester hat sich der 56-Jährige den Ruf eines bodenständigen Machers erworben. Im Gegensatz zu Starmer wird er als mutiger Visionär gesehen.

Beim vergangenen Labour-Parteitag im September 2025 – Starmer stand damals schon in der Kritik – war der inzwischen als “König des Nordens” bekannte Politiker der heimliche Star.

Welche Schwierigkeiten lägen vor Burnham?

Der Weg von Manchester nach London ist nicht einfach, eine Hürde hat Burnham aber bereits genommen: Das Labour-Führungsgremium National Executive Comitee (NEC) gab grünes Licht für seine Bewerbung um einen Abgeordnetensitz. Anfang des Jahres hatte ihm das NEC dieses Vorhaben noch verwehrt.

Und auch mit Burnham als Kandidat müsste die Wahl noch gewonnen werden. Im Wahlkreis Makerfield hatte bei der vergangenen Wahl 2024 auch die rechtspopulistische Partei Reform UK von Brexit-Befürworter Nigel Farage stark abgeschnitten – ein riskantes Spiel also.

Was spricht für Wes Streeting – und was gegen ihn?

Streeting wäre mit 43 Jahren ein recht junger Parteichef und Premierminister – ein unbeschriebenes Blatt ist er aber nicht. Er ist seit 2015 Abgeordneter in Westminster.

Zudem hatte er ein enges Verhältnis zum Labour-Veteranen Peter Mandelson, der wiederum wegen seines engen Verhältnisses zu Jeffrey Epstein in den Sog des Missbrauchsskandals um den gestorbenen Sexualstraftäter geriet. Offen ist die Frage, inwieweit Streeting und seine Anhänger die mögliche Rückkehr Burnhams einkalkuliert hatten.

Der zurückgetretene Labour-Gesundheitsminister, Wes Streeting (Archivbild).

Wie funktioniert die Wahl um den Parteivorsitz?

Um Starmer herauszufordern, benötigen Kandidaten die Unterstützung von 20 Prozent der Labour-Abgeordneten, derzeit sind das 81. Ist dies gegeben, folgt eine Urabstimmung unter den Mitgliedern und weiteren Wahlberechtigten.

Als aktueller Vorsitzender steht Starmer automatisch zur Wahl. In diesem Prozess können sich auch weitere Kandidatinnen und Kandidaten mit 81 Unterstützern aus der Fraktion bewerben.

Ist das aktuelle Polit-Drama ungewöhnlich für Großbritannien?

Auf diese Frage gäbe es von vielen Britinnen und Briten vermutlich nur ein kurzes Auflachen als Antwort. Seit dem Brexit-Referendum geben sich britische Regierungschefs die Klinke der berühmten schwarzen Tür am Regierungssitz in der Downing Street Nummer 10 in die Hand. Mit Starmer gab es in den vergangenen zehn Jahren bereits sechs Premierminister – so viele wie in den 35 Jahren davor.

Im Wahlkampf vor dem überwältigenden Sieg mit seiner Labour-Partei im Sommer 2024 hatte Starmer seine Wähler auch mit dem Versprechen überzeugt, dem ständigen Polit-Drama in Westminster ein Ende zu setzen. Nun läuft er selbst Gefahr, primär mit dem Drama um seine Partei in Erinnerung zu bleiben.

Quelle: dpa

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