Kies, Sand und Schotter werden knapp und teurer. Recycling-Baustoffe könnten helfen. Doch trotz ausgereifter Technik gibt es vor allem bei öffentlichen Projekten große Hürden.
Preissprünge und Engpässe gibt es inzwischen selbst bei Kies und Sand. Recycelte Baustoffe könnten die Knappheit abfedern, kommen bislang aber nur selten zum Einsatz. Ihr Anteil bei Bauvorhaben liegt derzeit bei rund 15 Prozent.
Dabei stehen in Deutschland viele dringend benötigte Infrastrukturprojekte an. Für sie werden große Mengen an Kies, Sand und Schotter benötigt. Doch diese Rohstoffe werden zunehmend knapp. Für Bauunternehmen hat das Folgen, wie Pius Geiger von der Geiger Gruppe in Oberstdorf erklärt: “Das heißt, dass die Materialien von weiter weg kommen, dass dadurch längere Transportwege in Kauf genommen werden müssen, dass mehr CO2 dadurch entsteht und dass es teurer wird.”
Preis einer Tonne Beton mehr als verdoppelt
Fast überall in Deutschland gibt es Kies- und Sandgruben. Auch die Geiger Gruppe betreibt an rund 30 Standorten Steinbrüche, Kies- und Betonwerke. Doch viele Abbaustätten erschöpfen sich nach einigen Jahren. Gleichzeitig wird es immer schwieriger, neue Genehmigungen zu erhalten.
Matthias Frederichs vom Bundesverband Baustoffe – Steine und Erden (BBS) spricht deshalb von einer “Genehmigungsknappheit”. Wenn “Genehmigungsverfahren fünf, zehn, fünfzehn Jahre dauern, da merken wir schon, dass das immer schwieriger wird und auch zu existenziellen Risiken bei Unternehmen führt”, so Frederichs.
Die Folgen spüren am Ende alle Beteiligten. Werden Rohstoffe knapp, steigen die Preise. “Wir haben gerade nicht nur wöchentlich, sondern fast täglich Preiserhöhungen von unseren Herstellern, was natürlich die ganze Lieferkette und Planung im Bau extrem erschwert”, sagt Tim Kuhlmann vom Baustoff-Onlinehändler Bobbie Deutschland. Das mache sich auch beim Hausbau bemerkbar: Kostete eine Tonne Beton früher rund 60 Euro, seien inzwischen teilweise 150 Euro fällig.
Recycling als Alternative
Bausand hat sich in den vergangenen fünf Jahren um 44,1 Prozent verteuert. Für Baukies müssen Abnehmer inzwischen 45,4 Prozent mehr bezahlen, für Kalkstein zur Zementherstellung sogar 53,6 Prozent mehr.
Eine mögliche Antwort auf die Rohstoffknappheit ist Recycling. Statt Bauschutt zu deponieren, wird er aufbereitet und als Baustoff wiederverwendet. Bei Holcim in Dortmund etwa wird Bauschutt zerkleinert und zu hochwertigem Recycling-Schotter für den Straßenbau verarbeitet. Während des gesamten Prozesses wird das Material auf Fremd- und Schadstoffe geprüft und anschließend zertifiziert.
Recycling-Produkt erfüllt die gleichen Qualitätskriterien
In Dortmund wird inzwischen sogar Recycling-Zement hergestellt. Das spart Rohstoffe und Energie. Herkömmlicher Zement besteht zu einem großen Teil aus energieintensivem Zementklinker. Diesen ersetzt Holcim durch Material aus aufbereitetem Bauschutt.
Dafür wird das Recycling-Material zu feinem Pulver gemahlen und anschließend zu Zement verarbeitet. Das Endprodukt erfüllt die gleichen Qualitätsstandards wie herkömmlicher Zement und ist nicht teurer. Private Bauherrinnen und Bauherren setzen bereits darauf. Bei öffentlichen Bauprojekten kommt das Material dagegen bislang nur selten zum Einsatz.
“Das ist für uns natürlich ein Problem, wenn wir neue Produkte entwickeln, die eine relativ lange Entwicklungszeit haben und dann eher im Privatsektor angewendet werden, obwohl der Staat durchaus Möglichkeiten hätte”, sagt Christopher Vogl von Holcim Deutschland.
Behörden zögern beim Einsatz von Recycling-Baustoffen
Vor allem bei öffentlichen Bauprojekten kommen Recycling-Baustoffe bislang nur selten zum Einsatz. Das kritisiert auch der Allgäuer Unternehmer Pius Geiger, dessen Unternehmen inzwischen stark auf Recycling setzt.
“Es gibt hier noch gewisse Ressentiments gegenüber Recycling-Baustoffen. Insbesondere auch bei der öffentlichen Hand, die unserer Meinung nach hier eine große Vorreiterrolle hätte”, sagt Geiger. Schließlich werde gerade bei öffentlichen Gebäuden und Infrastrukturprojekten viel gebaut. Dort sollten Recycling-Baustoffe stärker eingesetzt werden, fordert er.
Wie schwierig das sein kann, zeigt ein Beispiel aus Würzburg. Dort wollte Friedrich Beuschlein, Geschäftsführer eines Entsorgungsfachbetriebs, an einer Brückenbaustelle zertifiziertes Recycling-Material verwenden. “Obwohl dafür entsprechende Prüfzeugnisse da liegen, obwohl nach dem bayerischen Abfallwirtschaftsgesetz ein Ersatzbaustoff zu bevorzugen ist”, kritisiert Beuschlein, hätten die Verantwortlichen der Stadt das Material zunächst abgelehnt.
Letztlich ließ die Stadt Würzburg das zertifizierte Recycling-Material doch zu. Auf Anfrage von Plusminus teilte die Stadt mit, man habe sich zuvor noch mit einem Bodengutachter abstimmen müssen.
Mehr Recycling wäre möglich
Warum kommen Recycling-Baustoffe bei öffentlichen Bauprojekten dennoch nur selten zum Einsatz? Nach Ansicht von Simon Meyer vom Beratungsunternehmen KPMG Law hängt das vor allem davon ab, wie bereit Auftraggeber sind, bestehende Abläufe zu ändern. Dazu gehöre auch, Ausschreibungen anzupassen und neu auszurichten.
Dabei könnten bei vielen Bauvorhaben deutlich mehr Recycling-Baustoffe eingesetzt werden. Der aktuelle Anteil von rund 15 Prozent ließe sich nach Einschätzung von Branchenvertretern deutlich steigern. “Auch kurzfristig wäre es möglich, mit Techniken, die wir haben, dass wir diesen Anteil auf 30, 35 Prozent erhöhen”, sagt Stefan Schmidmeyer, Geschäftsführer des Recycling-Fachverbands Mineralik im Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (bvse).
Politik will mehr Recycling am Bau
Die öffentliche Hand könnte beim Einsatz von Recycling-Baustoffen eine Vorreiterrolle übernehmen. Denn die Bundesregierung befürwortet ausdrücklich das Recycling von Baustoffen, wie das zuständige Umweltministerium mitteilt. Gleichzeitig räumt das Ministerium ein, dass Recycling-Baustoffe bei öffentlichen Ausschreibungen bislang noch zu selten berücksichtigt werden.
Für Unternehmen sei es oft ein langwieriger Prozess, Behörden vom Einsatz der Materialien zu überzeugen, sagt Schmidmeyer. Teilweise brauche es dafür wochenlange Gespräche, E-Mails und Schriftwechsel. Trotz vereinzelter gesetzlicher Vorgaben, die den Einsatz von Recycling-Baustoffen bei öffentlichen Bauprojekten fördern sollen, gibt es keinen Rechtsanspruch auf ihre Verwendung.