Reportage
40 Jahre nach der Nuklearkatastrophe macht Russlands Krieg gegen die Ukraine Tschernobyl erneut zum Hochrisikogebiet. Und doch leben hier noch Menschen – trotz Strahlung, Drohnen und Minenfeldern. Eindrücke aus der Sperrzone.
Die Sperrzone von Tschernobyl, etwa hundert Kilometer nördlich von Kiew: Vor vierzig Jahren gerät hier ein Reaktortest außer Kontrolle. Block 4 des Kernkraftwerks explodiert. Eine radioaktive Wolke zieht durch Europa. Es gilt als die schwerste Katastrophe der zivilen Kernenergie. Heute ist die verstrahlte Sperrzone rund um den havarierten Reaktorblock durch Russlands Angriffskrieg erneut zum Risikoraum geworden.
Kaum ein Außenstehender darf in das Innere des Kernkraftwerks von Tschernobyl. Von den Wänden des alten Sowjetgebäudes bröckelt der Putz. In den düsteren Gängen hängt eine feuchte Kälte. Unter dicken Jacken muss spezielle Schutzkleidung getragen werden. Immer wieder warnen Schilder an den Wänden vor Radioaktivität.
Am 26. April 1986 kommt es im AKW Tschernobyl zur bis heute größten zivilen Nuklearkatastrophe.
AKW in der Einflugschneise von Raketen
Heute arbeiten im Kraftwerk etwa 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Schichtbetrieb, rund um die Uhr. Sie kümmern sich vor allem um die Kontrolle der Strahlenwerte. Einer von ihnen ist Ihor Tarykin. Der 37-Jährige arbeitet im Kontrollraum der neuen Schutzhülle.
Das sogenannte New Safe Confinement wurde 2016 über die alte Schutzhülle aus den 1980er-Jahren, den Sarkophag, geschoben und soll Strahlenauswirkungen zusätzlich eingrenzen. Tarykin überprüft permanent die technischen Werte der neuen Schutzhülle, etwa Temperatur, Luftfeuchtigkeit oder Luftdruck.
Doch seit Russland die Ukraine überfallen hat, ist zur Gefahr der Strahlung eine zusätzliche gekommen: Die Sperrzone von Tschernobyl ist Einflugschneise für russische Angriffsdrohnen und Raketen. Und weil das Gebiet unmittelbar an Belarus grenzt, sind die Vorwarnzeiten besonders kurz.
Tschernobyl liegt in der Nähe der Grenze zu Belarus. Die Region ist daher besonders gefährdet, weshalb hier auch ukrainische Soldaten stationiert sind.
Keine Schutzmöglichkeit bei Alarm
Tarykin ist besorgt. Die Schutzhülle des Reaktors sei nicht für Raketen- und Drohnenangriffe ausgelegt. Während er das sagt, heulen draußen die Sirenen, es ist wieder einmal Luftalarm. Drohnen und Raketen sind im Anflug auf die Ukraine. Doch in Sicherheit bringen können sich Tarykin und seine Kollegen nicht.
Der Arbeit im Kernkraftwerk, die Kontrolle der technischen Werte, muss jederzeit sichergestellt sein. Das betont auch Serhij Tarakanow, Generaldirektor des Kernkraftwerks von Tschernobyl. “Die Gewährleistung der nuklearen Sicherheit und des Strahlenschutzes ist ein fortlaufender Prozess”, sagt er. Ein Kernkraftwerk könne man nicht einfach stilllegen und verlassen.
Wie gefährlich die Situation ohnehin schon ist, zeigt eine Drohnenattacke im Februar 2025 auf die Schutzhülle des zerstörten Reaktors. Noch immer liegen die Trümmerteile im Hof. Bis heute konnte die Schutzhülle nicht vollständig repariert werden. Sie ist undicht. An den Stellen des Einschlags dringt Regenwasser ein. Tarakanow sagt, ein weiterer Einschlag könne eine erneute nukleare Katastrophe zur Folge haben.
40 Jahre nach AKW-Explosion
Todeszone Tschernobyl
Natur erobert Lebensraum zurück – trotz Mutationen
Rund um den zerstörten Reaktor entstand nach der Katastrophe eine streng bewachte Sperrzone – ein Gebiet mit einem Radius von etwa dreißig Kilometern. Mehr als 300.000 Menschen mussten damals ihre Heimat überstürzt und für immer verlassen. Doch wo der Mensch verschwand, holt sich die Natur ihren Lebensraum zurück.
Ranger Mykola Sabrodin berichtet von einer erstaunlichen Artenvielfalt: “Wir begegnen Pferden, Rehen, Elchen, Luchsen, Wölfen, sogar Bären.” Hinzu kämen seltene Vögel wie der Steinadler. Und: Heute lebe hier eine der letzten wirklich wilden Pferdeherden Europas.
Trotz der Auswirkung nuklearer Strahlung erholt sich die Natur bei Tschernobyl, sagt Ranger Mykola Sabrodin. Der Grund: Es gibt kaum Menschen.
Sogar eine wilde Kuhherde lebe heute in der Sperrzone, sagt Sabrodin. “Niemand hätte gedacht, dass sie überleben würden. Aber sie haben nicht nur überlebt, sondern sich auch fortgepflanzt und sich gegen Raubtiere wie Wölfe und Bären verteidigt. Die Kühe sind heute völlig wild.”
Zwar gebe es Hinweise auf Mutationen, geringere Lebenserwartung und weniger Nachwuchs. Doch dass der Mensch verschwunden ist, habe einen größeren Einfluss, sagt Sabrodin. Populationen würden sich erholen. Das zu beobachten, mache ihm Freude. Er liebe seinen Beruf – trotz der schwierigen Umstände.
In der Sperrzone lebt auch eine der letzten wilden Pferdeherden Europas.
Heimat in der Sperrzone
Unmittelbare Gefahr geht heute vor allem von Russlands Truppen aus – für Tier und Menschen. Erst vor wenigen Monaten seien drei seiner Kollegen getötet worden, weil sie bei ihrer Arbeit auf eine russische Mine gefahren seien, sagt Sabrodin. In der gesamten Zone arbeiten heute wieder rund 4.000 Menschen – Wissenschaftler, Techniker, Ingenieure, Mitarbeiter des AKW. Hinzu kommen Soldaten. Für sie alle ist die Sperrzone ein gefährlicher Arbeitsplatz.
Für Walentyna Kuchartschuk aber ist sie Heimat. Die 87-Jährige kehrte kurz nach der Reaktorkatastrophe hierher zurück. “Alle dachten wohl, ich wäre verrückt – aber ich wollte in der Nähe meines Flusses sein und angeln gehen. Ich wollte einfach nach Tschernobyl. Deshalb sind mein Mann und ich gleich in den ersten Tagen nach dem Unfall wieder hergekommen”, erzählt sie in ihrem baufälligen Haus.
Wolodymyr Werbytskyj kennt die Menschen, die heute in der Sperrzone leben. Mehrere Jahre arbeitete er hier als Touristenführer, davor war er Ingenieur im Kernkraftwerk. Werbytskyj kann die Menschen verstehen, die ausgerechnet hier leben wollen. Für sie sei die Zeit in Tschernobyl in dem Moment stehengeblieben, als Reaktorblock 4 explodierte. “Rund dreißig ältere Menschen sind zurückgekehrt, leben noch hier. Die Behörden reagieren in den meisten Fällen mit Verständnis.”
Walentyna Kuchartschuk hat ihr ganzes Leben bei Tschernobyl verbracht und dort schon den Zweiten Weltkrieg erleben müssen. Heute hat sie wieder Angst vor Raketen.
Es ist ein einsames Leben. Auch für die Walentyna Kuchartschuk. Die Rentnerin stellt Wurst, Käse und etwas Brot auf den Tisch. Heute lebt sie gemeinsam mit einigen Katzen in dem kleinen Häuschen. “Diese Stadt war wie ein Märchen. Wer auch immer hergekommen ist, hat geheiratet und ist hier geblieben. Und unsere Natur ist sehr schön. Wir hatten hier so viele verschiedene Unternehmen.”
Kuchartschuk ist in der Region geboren und hat hier ihr Leben verbracht. 1941 sei sie zweieinhalb Jahre alt gewesen, als während des Zweiten Weltkriegs Bomben fielen. “Meine Mutter bedeckte meine Ohren mit einem Kissen, und ich weinte. Und jetzt ein Krieg im 21. Jahrhundert? Wie kann das bloß sein? Jetzt sind die Russen gekommen und lassen mich auch an meinem Lebensabend nicht mehr in Ruhe und glücklich leben.” Oft könne sie nicht schlafen, weil russische Drohnen und Raketen über ihr Zuhause fliegen und immer wieder Explosionen zu hören sind.
Sie zieht eine Flasche Schnaps aus dem Kühlschrank und will anstoßen: “Auf den Frieden. Dass die Menschen glücklich sind. Dass alles gut wird. Es sollte weniger Hass geben. Aber jetzt ist er leider überall.”
Den Film zur Reportage, “Tschernobyl heute: Gefahr im Krieg | Weltspiegel extra”, finden Sie auch hier.


