Brexit-Bilanz: Frankfurt stärkt Rolle als Finanzplatz der EU

Brexit-Bilanz: Frankfurt stärkt Rolle als Finanzplatz der EU

Stand: 23.06.2026 • 15:02 Uhr

Banken, Jobs und milliardenschwere Vermögenswerte wurden nach dem Brexit in die EU verlagert. Besonders Frankfurt profitierte. Wie fällt die Bilanz zehn Jahre später aus?

Michelle Goddemeier

Als sich die Briten vor zehn Jahren – im Juni 2016 – für den Brexit entschieden, erwarteten viele Beobachter eine Verlagerung großer Teile des europäischen Bankgeschäfts von London in die EU. Internationale Banken mussten Standorte innerhalb des Binnenmarkts aufbauen, um ihre Geschäfte mit europäischen Kunden weiterführen zu können. Frankfurt galt aufgrund der Europäischen Zentralbank, der Bundesbank und seiner hohen Bankendichte als aussichtsreichster Kandidat.

Zehn Jahre nach dem Brexit zieht der deutsche Finanzplatz eine positive Bilanz. Zwar hat der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union die Erwartungen vieler Befürworter eines starken Finanzstandorts Frankfurt nicht vollständig erfüllt. Dennoch hat sich Frankfurt als großer Gewinner innerhalb der EU etabliert und seine Rolle als Zentrum für Bankenaufsicht, Kapitalmärkte und internationale Finanzdienstleistungen ausgebaut.

“Brexitbedingt haben viele Institute insbesondere die Mainmetropole gewählt, um ihre Europa-Zentralen hier anzusiedeln – auch etliche große, namenhafte Banken”, sagt Ulrike Bischoff, Finanzplatz-Spezialistin von der Landesbank Helaba im Interview mit der ARD-Finanzredaktion.

Tausende neue Arbeitsplätze und Büroflächen

Nach Angaben der Organisation Frankfurt Main Finance haben seit 2016 rund 60 Banken und Finanzinstitute ihr Geschäft in Frankfurt neu angesiedelt oder deutlich erweitert. Insgesamt seien etwa 15.000 Arbeitsplätze entstanden. “Da gibt es nicht nur die klassischen Bankberufe. Auch die Bereiche IT und Recht haben massiv zugenommen”, erklärt Sascha Steffen, Professor an der Frankfurt School of Finance.

Das zusätzlich nach Frankfurt verlagerte Geschäftsvolumen beläuft sich laut Frankfurt Main Finance inzwischen auf rund 1,3 Billionen Euro an Bankaktiva. Außerdem wurden neue Büroflächen über 350.000 Quadratmeter geschaffen. “Deutschland hat zweifellos nicht vom Brexit profitiert. Aber der Finanzplatz Frankfurt hat vom Brexit profitiert”, sagt Hubertus Väth, Geschäftsführer von Frankfurt Main Finance.

Positive Folgen des Brexit-Effekts spürbar

Der Schaden des Brexits für Europa, zum Beispiel durch weniger Handel, werde dadurch zwar nicht ausgeglichen. Für den Finanzplatz selbst habe die Entwicklung jedoch einen deutlichen Wachstumsschub gebracht. Davon profitiert auch die öffentliche Hand. Laut Väth wurden seit dem Brexit rund 2,5 Milliarden Euro zusätzliche Steuereinnahmen durch ausländische Banken generiert. Ein erheblicher Teil davon sei der Stadt Frankfurt zugutegekommen.

“Natürlich ist es so, dass der originäre Brexit-Effekt nicht mehr da ist, sozusagen ausgelaufen ist schon vor ein paar Jahren”, erklärt Helaba-Expertin Bischoff. Denn die große Verlagerung von Geschäften und Arbeitsplätzen aus London in die EU fand vor allem in den Jahren nach dem Referendum statt. Die positiven Folgen seien am Standort Frankfurt aber weiterhin spürbar. Viele Institute seien zunächst wegen des Brexits gekommen, bauten ihre Aktivitäten inzwischen aber unabhängig davon weiter aus.

Neue Institutionen ziehen nach Frankfurt

Zu den Erfolgen zählt auch die Ansiedlung neuer europäischer Institutionen. Mit der europäischen Geldwäschebehörde AMLA erhält Frankfurt eine weitere wichtige Aufsichtsbehörde und stärkt damit seine Rolle als regulatorisches Zentrum der Europäischen Union.

“Ich glaube, es wird sich schon herauskristallisieren, dass dieser Bereich Banken und Bankenregulierung relativ stark in Frankfurt verankert ist”, sagt Steffen von der Frankfurt School of Finance. Doch Frankfurt habe sich auch in anderen Bereichen entwickelt, ergänzt Bankenexpertin Bischoff. “Gerade bei finanzbezogenen Institutionen. Das ist ein ganz klares Asset, was wir hier am Standort haben.”

London dominiert weiter als Finanzplatz

Die Erwartungen unmittelbar nach dem Referendum haben sich allerdings nur teilweise erfüllt. London bleibt trotz Brexit Europas mit Abstand wichtigster Finanzplatz. Viele internationale Banken haben zwar Tochtergesellschaften und Handelsaktivitäten in Frankfurt aufgebaut; strategische Entscheidungen und wesentliche Teile des globalen Geschäfts werden jedoch weiterhin in der britischen Hauptstadt gesteuert.

“Es gibt eine Indexbildung: Wie wichtig sind die globalen Finanzzentren? Und da ist London global nach wie vor auf Platz zwei”, erläutert Steffen. Auf Platz eins landet New York. In der EU hat Frankfurt dort die Nase vorne.

“In der Summe muss man aber auch konstatieren, dass wir einiges an Potenzial haben liegenlassen”, sagt Väth von Frankfurt Main Finance. Finanzplätze in anderen Länden haben demzufolge mehr dafür getan, dass sich Arbeitskräfte dort neu ansiedeln. “Zum Beispiel, indem sie steuerliche Vorteile und Sozialversicherungsvorteile gewährt haben”, so Väth. Auch die Prozesse für Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigungen seien oftmals einfacher und digitaler. “Da haben wir uns in Deutschland zurückgehalten, und das war ein strategischer Fehler.”

Wie sieht es im EU-Vergleich aus?

Die Brexit-Gewinne innerhalb der Europäischen Union haben sich also auf mehrere Standorte verteilt. Auch Paris, Amsterdam, Dublin und Luxemburg beispielsweise konnten neue Institute und Geschäftsfelder anziehen. “Wir haben eine ganze Reihe gut gerankter Finanzzentren in Europa, die sehr eng beieinander liegen und unterschiedliche Aufgaben erfüllen”, sagt Steffen.

Aber wer steht denn jetzt am besten da? “Es ist ein ziemliches Kopf-an-Kopf-Rennen. Am Anfang hatte Frankfurt die Nase vorne. In den letzten Monaten hat Paris ganz kräftig aufgeholt”, sagt Väth. Das habe vor allem damit zu tun, dass sich der französische Präsident Emmanuel Macron sehr stark dafür gemacht habe. “Aber Fakt ist: Frankfurt ist der führende Finanzplatz der EU. Als das Brexit-Referendum war, waren wir das noch nicht”, so Väth weiter.

Die Finanzindustrie in Europa hat sich seit dem Brexit stärker auf mehrere Zentren verteilt. Gerade deshalb gehe es nun weniger um die Frage, welche Stadt vorne liege, sagt Steffen. Entscheidend sei vielmehr, wie Europa als Finanzstandort insgesamt wettbewerbsfähiger werden könne. “Da geht es darum: Wie arbeitet man trotz der Dezentralität gut zusammen und hat einen einheitlichen Markt, wo bestimmte Hürden und Transaktionskosten abgebaut werden?”, so Steffen. Das Ziel für Europa müsse weiter sein, ausländisches Kapital anzuziehen.

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