Gestiegene Produktionskosten und der Preiskampf setzen den deutschen Weinbau unter Druck. Hinzu kommt, dass immer weniger Wein getrunken wird. Neue Märkte wecken neue Hoffnungen.
Seit über 35 Jahren führen Albert und Silke Delp im rheinland-pfälzischen Dittelsheim-Heßloch ihr Weingut Keiper-Delp. Ihre Tochter Maike ist mit in den Betrieb eingestiegen. Seit dem Ukraine-Krieg merke man Kostensteigerungen auf allen Ebenen von bis zu 30 Prozent, beklagt die gelernte Weinbautechnikerin. “Wir können die Verteuerung aber nicht in gleichem Maße auf unsere Produkte draufschlagen, sonst würden wir natürlich unsere Stammkunden verprellen.”
Familie Delp verkauft ihren Wein in Flaschen, aber auch lose in Fässern an Kellereien. Ein traditionelles Geschäft für viele Winzer. Die Literpreise sind allerdings am Boden. “Bis vor zwei, drei Jahren hat man einzelne Sorten dabeigehabt, die zwischen 1,20 Euro bis zum Teil sogar bis zum 1,80 Euro gebracht haben. Heute kriegt man einen Bruchteil davon”, das sei nicht mehr kostendeckend, so Albert Delp.
Der Konkurrenzkampf in Europa ist enorm
Simone Loose ist Professorin für Betriebswirtschaft des Wein- und Getränkesektors an der Hochschule Geisenheim University im hessischen Rheingau. Loose beschäftigt sich mit der Weinbaukrise. In den kommenden Jahren sieht sie den Markt weiter im Sinkflug. Einer der Gründe: der demografische Wandel.
“Die Hauptkonsumenten sind über 55 Jahre alt und sie stehen für 77 Prozent des Weinkonsums. Diese Konsumenten werden älter und gehen schrittweise aus dem Markt raus”, so Loose. Zurück blieben mehr junge Verbraucher, gerade diese hätten aber ihren Konsum besonders reduziert.
Riesiges Angebot aus aller Welt
In Supermärkten und Weinhandel gibt es ein gigantisches Angebot aus aller Welt. Der Marktanteil heimischer Weine betrage gerade mal 42 Prozent, analysiert Klaus Schneider, Präsident des Deutschen Weinbauverband e.V. Der Rest wird aus dem Ausland importiert, allen voran aus Frankreich, Spanien und Italien.
Deutschland ist längst nicht mehr konkurrenzfähig, sagt Weinexpertin Loose. Der Wettbewerb beim Wein sei groß in Europa. In allen Weinbauländern werde zu viel produziert. “Gleichzeitig haben wir in Deutschland zu hohe Lohnkosten. Das heißt, unser Wein ist teurer als der Importwein. Und deswegen können wir mit diesen Dumpingpreisen nicht mithalten”.
Fünf Euro ist für viele die Grenze
Mehr als fünf Euro pro Flasche wollten viele Konsumenten im Supermarkt für eine Flasche Wein nicht ausgeben. Beim Winzer in der Direktvermarktung läge dieser Schwellenwert bei sieben bis acht Euro. In Krisenzeiten schauen die Verbraucher auf jeden Cent.
Klaus Schneider verweist darauf, dass es bei den Verbrauchern eine starke wirtschaftliche Verunsicherung gäbe, die zu einer hohen Preissensibilität führe. Man habe auch Käufergruppen verloren, die Angst vor Altersarmut hätten.
Auch Winzerin und Betriebswirtin Jana Hauck vom Weinhaus Hauck in Bermersheim kämpft gegen die Krise. Sie sieht es als lebensnotwendig an, verstärkt ins Ausland zu exportieren – trotz widriger Bedingungen, wie etwa bei den USA: “Letztes Jahr war es insbesondere schwierig aufgrund der Unsicherheiten durch die Zollpolitik von Donald Trump, was auch dazu geführt hat, dass der Erstkontakt mit unserem jetzigen Importeur bis zur Bestellung tatsächlich ein Jahr gedauert hat.”
Zukunft im Handel mit Indien?
Nach Angaben des Deutschen Weinbauverbands waren die bislang umsatzstärksten Exportländer für deutsche Winzer aber genau die USA, gefolgt von Norwegen, Polen, den Niederlanden und Schweden. Jana Hauck möchte demnächst nach Indien exportieren. Das Land sei bislang zwar ein wenig beachteter Markt, aber wenn man zu den Ersten gehöre, die als deutsche Winzer die Weine dorthin exportierten, könne das vielversprechend sein.
Bislang lagen die Zölle für den Export nach Indien bei 150 Prozent. Ein Freihandelsabkommen soll den Austausch von Waren zwischen der EU und Indien künftig erleichtern. Beispielsweise sollen die Zölle etwa für Indien auf Kleidung oder Arzneimittel fallen.
Für die EU gibt es im Gegenzug beim Export Begünstigungen, etwa für Autos, Maschinen und Elektrogeräte und für alkoholische Getränke, somit auch für Wein. Zunächst soll der Zollsatz auf 75 Prozent sinken, in rund zehn Jahren auf bis zu 20 Prozent. Loose von der Hochschule in Geisenheim sieht darin langfristige Chance. Kurzfristig dürfe man aber nicht zu euphorisch sein.
“Über Exzellenz überzeugen”
Steffen Christmann, Präsident des Verbands Deutscher Prädikatsweingüter (VDP) ist sich sicher: Deutsche Winzer müssen weg von Massenware. Nur mit den richtigen Weichenstellungen könne man im weltweit starken Konkurrenzkampf bestehen. “Kein Mensch denkt, dass es heute in Deutschland die billigsten Schuhe, die billigste Uhr oder die billigsten Kleidungsstücke gibt, und jedem ist klar, dass wir in einem Hochlohnland einfach nur immer über Exzellenz überzeugen müssen. Und das brauchen wir halt auch in der Weinbranche”, so Christmann.
Die EU hat im Februar ein sogenanntes Wein-Paket beschlossen. Dies enthält zahlreiche Verbesserung für die Branche. Der Weinbauverband begrüßt das Paket aus Brüssel ausdrücklich, allerdings müsse es nun auch in Deutschland zeitnah umgesetzt werden.
Winzer probieren sich an alkoholfreiem Wein
Steffen Christmann möchte sich lieber nicht auf die Politik verlassen: “Ich persönlich glaube nicht, dass die Politik das Problem überhaupt lösen kann. Die Branchenbeteiligten, die Winzer selbst müssen anpacken und gucken, was die Konsumenten wollen. Klar kann das positiv den Weg begleiten. Die Prozesse sind immer langwierig, aber wir sind jetzt erst mal selbst gefragt, unsere Hausaufgaben zu machen.”
Winzerin Jana Hauck wird künftig Weinevents anbieten. Und sie experimentiert an einem neuen Trend: an weinähnlichen alkoholfreien Getränken, so genannten Proxy-Weinen.
Maike Delp hat ihr Sortiment um alkoholfreien Wein erweitert. Noch machen diese in der Vermarktung nur 1,5 bis 2 Prozent aus, sagt Simone Loose. Es sei allerdings ein stark wachsender Markt, der Chancen bietet. Viele Rebflächen werden in Deutschland dennoch verschwinden. Wie die Winzer ihre Weinberge dann sinnvoll nutzen können, wird die nächste Herausforderung.
