Das Gesundheitssystem steht unter Druck: Zu viele Arztbesuche, zu hohe Kosten, zu lange Wartezeiten. Das Primärarztsystem soll Entlastung schaffen. Patienten sollen erst zum Hausarzt und dann zum Facharzt.
Frank Hammermeister sitzt im Wartezimmer seines Orthopäden in Düsseldorf. Wieder Rückenschmerzen. Der Maschinenbau-Ingenieur im Ruhestand kennt das Problem schon vom vergangenen Jahr. “Ich bin Wiederholungstäter”, sagt der Anfang-60-Jährige. Er wusste diesmal sofort, wohin er musste – und ging deshalb direkt zum Facharzt, ohne vorher beim Hausarzt vorbeizuschauen.
Trotzdem hält er das sogenannte Primärarztsystem grundsätzlich für sinnvoll. “Der Hausarzt kann die richtigen Weichen stellen zur richtigen Zeit”, sagt Hammermeister. “Und ich glaube, in der Reihenfolge ist es richtig.”
Deutscher Ärztetag berät über Reformen
Die Diskussion über genau dieses Modell dürfte beim Deutschen Ärztetag in Hannover eine zentrale Rolle spielen. Dort beraten derzeit rund 250 Delegierte der 17 deutschen Ärztekammern über Reformen für ein Gesundheitssystem, das vielerorts an seine Grenzen stößt: lange Wartezeiten, überfüllte Praxen, steigende Kosten.
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) will deshalb ein Primärarztsystem einführen. Die Idee: Gesetzlich Versicherte sollen künftig in der Regel zuerst zum Hausarzt gehen. Dieser entscheidet dann, ob eine Überweisung zum Facharzt nötig ist – und soll im Bedarfsfall auch schneller Termine vermitteln.
“Wir haben eine Milliarde Arztbesuche in Deutschland”
Der Reformdruck ist groß. Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse berichteten 41 Prozent der Befragten in Niedersachsen von Problemen bei der Zusammenarbeit zwischen Arztpraxen, Kliniken und Pflegeeinrichtungen. Besonders häufig genannt: lange Wartezeiten zwischen Terminen, fehlende Ansprechpartner und unnötige Doppeluntersuchungen. Gleichzeitig unterstützen laut Umfrage 71 Prozent der Befragten ein Primärversorgungssystem.
Gesundheitsökonom Boris Augurzky sieht in der Reform vor allem eine Chance auf bessere Steuerung. “Wir haben eine Milliarde Arztbesuche in Deutschland”, sagt der Wissenschaftler von der Universität Duisburg-Essen. Viele Kontakte entstünden nur wegen Rezeptverlängerungen oder Doppeluntersuchungen. “Da sprechen wir schon bestimmt über zehn Prozent oder auch mehr Arztbesuche”, sagt Augurzky.
Andere Länder haben bereits Hausarztmodelle
Im internationalen Vergleich sei Deutschland ein Sonderfall. Länder wie Dänemark, die Niederlande oder Spanien hätten längst Hausarztmodelle – mit weniger Arztkontakten und weniger Krankenhausaufenthalten. Der Hausarzt könne Beschwerden vorsortieren und einfache Erkrankungen oft selbst behandeln. Fachärzte bekämen dadurch gezieltere Fälle.
Doch Augurzky warnt auch vor neuen Problemen. Ein schlecht organisiertes Primärarztsystem könne Patienten “mehrere Schleifen drehen lassen”, bevor sie beim Spezialisten ankommen. Gerade bei komplexen Erkrankungen dürfe keine Zeit verloren gehen. Entscheidend sei deshalb eine digitale Kommunikation: “Die ganze Basis für so ein Primärarztsystem ist die elektronische Patientenakte”, sagt Augurzky. Nur wenn Untersuchungsergebnisse und Befunde digital verfügbar seien, lasse sich Doppelarbeit vermeiden.
Primärarztsystem “keine endgültige Lösung”
Auch Hausarzt Arne Krüger hält das Modell für “hoch sinnvoll”. In seiner Praxis in Lünen werde es faktisch bereits gelebt. “Die Patienten kommen in 95 Prozent der Fälle zu uns”, sagt Krüger. Etwa die Hälfte könne er selbst behandeln, ohne Überweisung zum Facharzt. Dadurch würden Ressourcen frei. Routinekontrollen beim Facharzt seien nicht immer notwendig, meint der Mediziner. Viele Untersuchungen ließen sich auch hausärztlich begleiten.
Allerdings glaubt Krüger nicht an große Einsparungen. Hausarztpraxen seien selbst stark belastet, qualifiziertes Personal koste Geld. Das Primärarztsystem werde “keine endgültige Lösung” sein, sondern vor allem helfen, Abläufe stringenter zu organisieren.
Sorge vor Verzögerungen bei Diagnostik und Therapie
Skeptischer blickt Orthopäde Justus Kreye auf die Pläne. In seiner Praxis mit drei Ärzten werden pro Quartal rund 4.000 gesetzlich Versicherte behandelt. Wartezeiten von vier bis sechs Wochen seien nicht ungewöhnlich. Zwar könne der Hausarzt kleinere Fälle filtern. Doch Kreye fürchtet Verzögerungen bei Diagnostik und Therapie. “Es gibt viele offensichtliche Fälle, wo es Sinn macht, direkt zum Facharzt zu gehen”, sagt er – etwa bei Gelenkbeschwerden, Rückenschmerzen oder nach Operationen.
Vor allem aber stellt sich die Kapazitätsfrage: Können Hausarztpraxen die zusätzliche Steuerung überhaupt leisten? Schon jetzt suchen viele Patienten händeringend nach einem Hausarzt.
Für Patienten wie Frank Hammermeister bleibt dennoch die Hoffnung auf kürzere Wartezeiten. “Wenn die Anzahl von Besuchen bei den Fachärzten runtergeht durch eine entsprechende Vorarbeit des Hausarztes, dann sollten am Ende des Tages alle davon profitieren”, ist er überzeugt.



