Libanon, Gaza, Iran: Israel kämpft an vielen Fronten und verteidigt sich mit einem der modernsten Raketenabwehrsysteme der Welt. Doch ein Experte warnt: Für “Iron Dome” und Co. könnte es bald keine Raketen mehr geben.
Immer wieder schlagen im Norden Israels Raketen ein. Seit mehreren Wochen führt das Land Krieg gegen Iran und die pro-iranische Hisbollah-Miliz im Libanon – auch in Gaza greift Israel trotz Waffenruhe weiter an. Die israelischen Luftverteidigungssysteme sind stark gefordert. Ob sie an ihre Grenzen gelangen, dazu gibt es unterschiedliche Einschätzungen.
Als Israels Außenminister Gideon Saar zuletzt die Einschlagstelle einer Rakete im Norden des Landes besuchte, wurde er von einem Reporter gefragt, ob Israel einen Engpass an Abwehrraketen habe. “Nein”, lautete Saars Antwort.
Experte Moshik Cohen kommt zu einem anderen Ergebnis. Es gebe einen Engpass beim “Arrow”-System, erklärte Cohen, der einer der führenden israelischen Rüstungsunternehmer und ein international anerkannter Experte für die Abwehr von Raketen ist. Weniger schwerwiegend sei die Lage beim “Iron Dome” oder “David’s Sling”.
“Deshalb setzen wir diese Systeme verstärkt gegen die Bedrohungen ein. ‘Arrow’ wird nur eingesetzt, wenn wir wirklich keine andere Wahl haben”, so Cohen. In einem Interview mit dem ARD-Studio Tel Aviv betonte er zwar, dass Israel eines der fortschrittlichsten Luftverteidigungssysteme der Welt habe. Doch der anhaltende Konflikt mit Iran und seinen Verbündeten habe das System an seine Grenzen gebracht.
Wir haben das Limit der bestehenden Raketenabwehr-Architektur erreicht.
Verteidigung logistische Herausforderung
Die einzelnen Systeme seien jeweils für bestimmte Ziele entwickelt worden. “Arrow” zum Beispiel für die ballistische Bedrohung, “David’s Sling” für Mittelstreckenbedrohungen und der “Iron Dome” für Kurzstreckenraketen. Aber die bestehenden Bedrohungen gingen nun darüber hinaus. “Wir haben es mit softwaregesteuerten Lenkwaffen zu tun. Sie sind viel schneller. Und sie treten schwarmartig auf. Diese Bedrohungen sind eine große Herausforderung”, so Cohen.
Er spricht von einem Wettrennen zwischen Angreifer und Verteidiger. Beide müssten sich extrem schnell auf neue Situationen einstellen. Israels Abwehrsysteme seien zwar technologisch mit die besten weltweit – aber logistisch und finanziell extrem aufwendig. So kostet Cohen zufolge die Herstellung einer einzigen “Arrow”-Abwehrrakete, die ballistische Raketen oft schon außerhalb der Erdatmosphäre abfängt, bis zu drei Millionen US-Dollar.
Pro Monat würden aktuell nicht mehr als ein Dutzend “Arrow”-Raketen hergestellt, berichten Experten. Systeme wie der “Iron Dome” oder “David’s Sling” sind zwar wesentlich günstiger, aber eben gegen die ballistische Bedrohung nur bedingt geeignet.
Vögel mit Raketen abgeschossen
Aber auch andere Herausforderungen machten der israelischen Raketenabwehr zu schaffen, so Cohen. Etwa der Einsatz von Streumunition. Und auch Drohnen, die deutlich langsamer sind als Raketen. Hier kam es zu Beginn des Krieges zu massiven Fehleinsätzen beim “Iron Dome”.
Zu Beginn des Krieges wurden mehr als 500 Raketen des ‘Iron Dome’ gegen Vögel abgefeuert. Gegen Vögel! Sie wurden mit Drohnen verwechselt. Wir haben Vögel mit Raketen abgeschossen.
“Raketen können Schutzschild immer durchbrechen”
Dass der israelische Schutzschild am Limit seiner Kapazitäten operiert, wird zwar von der Armee so nicht bestätigt. Allerdings haben Politik und Militär eine Reihe von Vorkehrungen getroffen, um die Abwehrsysteme zu verbessern. So wurde Ende März der Verteidigungsetat massiv erhöht. Zusätzlich zum allgemeinen Haushalt genehmigte der zuständige Ministerausschuss für Beschaffung vor wenigen Tagen einen Plan zur drastischen Beschleunigung der Produktion von Abfangraketen.
Das Militär setzt zunehmend auf eine strategische Priorisierung: Bei der Abwehr haben neben Wohngebieten militärische und staatliche Einrichtungen Vorrang. Und um Kosten und Kapazitäten einzusparen, wird immer häufiger das Abwehrsystem “David’s Sling” bei ballistischen Raketen eingesetzt.
Eine Entscheidung nicht ohne Risiko: Zuletzt gab es im Süden Israels in Wohngebieten zwei Treffer nach iranischem Beschuss. Das Abwehrsystem “David’s Sling” versagte hier bei ballistischen Raketen. Yehoshua Kalisky, Waffenexperte beim sicherheitspolitischen Think Tank INSS in Tel Aviv, machte allerdings deutlich, dass kein Abwehrsystem bei ballistischen Raketen zu 100 Prozent zuverlässig sei. “Einzelne Raketen können den Schutzschild immer durchbrechen”, so Kalisky.
Neue Generation von Abwehrsystemen in Arbeit
Während in Israel versucht wird, die Schwachstellen der bestehenden Raketenabwehr auszuschalten und die Systeme weiter zu verbessern, wird im Hintergrund schon an der nächsten Generation der Abwehrsysteme gearbeitet. Künstliche Intelligenz soll künftig das Gehirn der israelischen Raketenabwehr sein.
Die KI entscheidet autonom, welches System – also “Arrow” oder “David’s Sling” – ein Ziel bekämpfen soll, um die Wahrscheinlichkeit eines Treffers zu maximieren und gleichzeitig die Kosten pro Abschuss zu minimieren. Bei Schwarmangriffen stuft die KI-Ziele nach Gefährdungspotenzial ein und priorisiert entsprechend. Ziel ist eine Verteidigung, die so schnell reagiert, dass der Mensch lediglich noch eine überwachende Rolle einnimmt, während die Maschine die taktischen Entscheidungen in Sekundenbruchteilen trifft.


