Die Stimmung im Berliner Regierungsviertel ist das eine, doch wie ist es eigentlich an der Parteibasis nach einem Jahr Schwarz-Rot? Ein Ortsbesuch bei CDU und SPD-Nachwuchs in Nürtingen und Tübingen.
Vor genau einem Jahr war der Nürtinger Ortsverband der CDU hin- und hergerissen, durchlebte ein Wechselbad der Gefühle. Niedergeschlagenheit, weil Friedrich Merz bei der Kanzlerwahl im Bundestag im ersten Wahlgang keine Mehrheit erreichte. Euphorie, als er es schließlich doch noch schaffte. Aber ein fader Beigeschmack blieb. “Das ist kein guter Start für die Koalition”, orakelte Thaddäus Kunzmann von der Nürtinger CDU schon damals. Heute steht er vor dem Nürtinger Rathaus und erinnert sich: “Ich hab mir damals gedacht: Wenn das schon am Anfang passiert, dann kann man sich ja überlegen, was dann passiert, wenn es konkret wird.”
Verlorenes Vertrauen
Konkret ist es inzwischen, Friedrich Merz ist seit einem Jahr Kanzler. Eine Zeit, die man wohlwollend als durchwachsen bezeichnen könnte. Bei der Bundestagswahl im Februar 2025 kam die Union mit Kanzlerkandidat Merz auf 28 Prozent der Wählerstimmen. Inzwischen sind die Zustimmungswerte für Merz massiv gesunken: Nur 21 Prozent der Bundesbürger sind laut ARD-DeutschlandTrend mit der Arbeit von Bundeskanzler Friedrich Merz zufrieden. Mit der Arbeit der Koalition sind sogar nur noch 15 Prozent der Menschen zufrieden.
“Das ist einfach Fakt”
Bei der Nürtinger CDU aber wollen sie sich ihren Kanzler nicht schlechtreden lassen. Sitzung der Gemeinderatsfraktion am Abend. Sieben Mitglieder sind gekommen. Alle stehen hinter dem Kanzler. “Mit den ‘kleinen Paschas’ hat er recht gehabt, mit dem ‘Stadtbild’ hat er recht gehabt, mit der Rentenversicherung hat er recht gehabt”, sagt Kunzmann. Merz habe nie behauptet, dass die Deutschen faul seien, aber Tatsache sei: Mit der Arbeitsleistung der Deutschen derzeit, werde man die sozialen Sicherungssysteme nicht zukunftsfest gestalten können. “Das ist einfach Fakt”, so der CDU-Kommunalpolitiker.
Und Parteifreund Andreas Deuschle springt ihm bei: “Mit manchen Aussagen wie zur Basisrente oder zum Stadtbild hat er schon recht. Da braucht man nicht drum herumreden.” Dass solche Aussagen bei manchen schlecht ankommen, dafür könne der Kanzler nichts, meint auch Florian Bopp: “Alle wollen Klartext, aber wenn die Worte dann gesprochen werden, dann ist man plötzlich befremdet.”
Regieren in schwierigen Zeiten
Hinzu komme, dass Merz große Reformen in extrem schwierigen Zeiten umsetzen müsse. Der Umbau des Gesundheitswesens, der Rentenversicherung, der Sozialsysteme, all das seien wichtige Themen – die den Menschen allerdings eine Menge abverlangten, dessen ist man sich auch in Nürtingen bewusst. Dass die Koalition in den Augen der Öffentlichkeit derzeit so schlecht dastehe, daran sei allein einer schuld: der Koalitionspartner. “Innenpolitisch ist Merz halt getrieben von der SPD, zu so einem linken Kurs, und das gefällt mir überhaupt nicht”, sagt CDU-Mann Deuschle.
Enttäuschung beim SPD-Nachwuchs
Bei der SPD sieht man das naturgemäß anders. Am Tübinger Neckarufer haben sich ein paar Mitglieder der Jusos versammelt, um über das vergangene Jahr zu sprechen – das für sie kein einfaches war. “Wir hatten große Hoffnungen und daran geglaubt, die großen Reformen angehen zu können”, sagt Carina Krez, eine Jurastudentin. “Es ist enttäuschend, wie wenig da rumgekommen ist.”
Enttäuschung herrscht beim Parteinachwuchs auch über den Umgangston in der Koalition – und den Vorwurf, die SPD sei wenig kompromissbereit: “Alles, was in dieser Koalition passiert, ist CDU-Politik”, so Diana Wertmann. “Es stimmt nicht, dass wir uns durchsetzen. Was zum Beispiel das Thema Einkommenssteuerreform angeht, blockiert ja die CDU.” Elias Grohmann pflichtet ihr bei: “Wir haben harte Kompromisse gemacht, die auch bei uns an der Basis nicht gut angekommen sind.”
Dass beide Parteien, CDU sowie SPD, nach einem Jahr Koalitionsarbeit in der Wählergunst verloren haben, sieht man hier als Warnsignal. “Man muss sich jetzt einfach mal ehrlich machen und sich einmal hinter verschlossenen Türen ruhig zueinander setzen und auf die Argumente der anderen hören, anstatt in den Medien billige Punkte zu machen”, meint Jannis Ahlert. Sonst spiele man mit der Zerstrittenheit zwischen SPD und CDU nur der AfD in die Hände.
Was wird aus der Brandmauer?
In Nürtingen beim CDU-Ortsverband sieht man das ähnlich – wenn auch mit einem Unterschied. Denn zumindest ein Mitglied sieht durchaus Alternativen zur SPD: “Die Leute haben die Schnauze voll”, sagt Andreas Deuschle, “und das spielt der AfD in die Karten. Und ich sage es ganz ehrlich, die Brandmauer muss irgendwann mal fallen und die CDU muss sich Gedanken machen, irgendwann mit der AfD zusammenzugehen. Es wird irgendwann so kommen. Wir können es nicht mehr verhindern.”
Eine Zusammenarbeit mit der AfD hatte Kanzler Merz immer wieder ausgeschlossen. Zumindest in Nürtingen stehen in diesem Punkt nicht alle hinter ihm.

