Erst seit März ist Matthias Hundt Berlins neuer Staatssekretär für Digitalisierung. Nun kommt das CDU-Mitglied aus Dresden in Erklärungsnot. Nach Recherchen von MDR INVESTIGATIV und rbb24 Recherche ermittelt die Staatsanwaltschaft zu seiner Vergangenheit und der seiner Unternehmen.
Erst seit März ist Matthias Hundt Berlins neuer Staatssekretär für Digitalisierung. Nun kommt das CDU-Mitglied aus Dresden in Erklärungsnot. Nach Recherchen von MDR INVESTIGATIV und rbb24 Recherche ermittelt die Staatsanwaltschaft zu seiner Vergangenheit und der seiner Unternehmen. Wie die Behörde MDR INVESTIGATIV und rbb24 Recherche bestätigte, gibt es “ein Ermittlungsverfahren wegen verschiedener Insolvenzstraftaten”. Insider, die das Verfahren kennen, sagen: Ursprünglich soll es dabei um nicht gezahlte Sozialversicherungsbeiträge gegangen sein. Mittlerweile werde aber auch wegen Verdachts der Insolvenzverschleppung ermittelt. Insgesamt soll es um knapp zwei Millionen Euro gehen.
Wie das Verfahren ausgeht, ist offen. Die Staatsanwaltschaft wollte mit Hinweis auf das laufende Verfahren keine weiteren Fragen beantworten. Hundts Anwalt erklärte, die Staatsanwaltschaft gäbe ihnen “auf Anfrage derzeit keinerlei Auskunft über einen etwaigen Tatvorwurf oder auch nur darüber, ob es Ermittlungen im Zusammenhang mit der Insolvenz der ‘SDC Sachsen Digital Consulting GmbH’ gibt”.
Finanzielle Schieflage bei Hundts Firmen
Gleich mehrere von Hundts Firmen kamen dabei in der Vergangenheit offenbar in erhebliche finanzielle Schieflage. Im Sommer 2025 traf es Hundts “SDC Sachsen Digital Consulting GmbH”. Ein Auftraggeber habe überraschend Insolvenz angemeldet, seine Firma damit angeblich 80 Prozent ihres Umsatzes verloren. “Ich musste die ‘SDC Sachsen Digital Consulting GmbH’ in Insolvenz schicken”, so Hundt.
Im Beschluss des Amtsgerichts Dresden klingt das allerdings ganz anders: Als “antragstellende Gläubigerin” stehen dort zwei Krankenkassen. Hat also nicht Hundt die Insolvenz auf den Weg gebracht hat, sondern die Krankenkassen? Das könnte bedeuten, dass Hundt womöglich über Monate hinweg keine Sozialabgaben gezahlt hat.
Die Kassen äußerten sich auf Anfrage nicht dazu. Hundts Anwalt antwortete zunächst, man sei sich lediglich über relativ geringe Beiträge uneinig gewesen. Mehrfache Nachfragen dazu blieben jedoch unbeantwortet, Belege legte Hundt nicht vor. Auch nicht für die Behauptung, er habe den Insolvenzantrag selbst gestellt. Diese Behauptung zog Hundts Anwalt nach Rückfragen schließlich wieder zurück.
Nur wenig später geriet eine weitere von Hundts Firmen in Probleme: Die “HuBroCo GmbH”. Die hatte Hundt 2019 zusammen mit seiner Frau gegründet. Auch diese Firma: Insolvent. Am 23. Januar 2026 lehnte das Dresdner Amtsgericht die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens “mangels Masse” ab. Vermutlich war also nicht einmal mehr genug Geld in der Firma, um wenigstens die voraussichtlichen Kosten des Insolvenzverfahrens zu decken.
Dritte Firma, ähnliches Bild: Die “Humboldt Capture Germany GmbH”. Erst 2023 gegründet, wollte das Unternehmen mit 3D-Scans von Gebäuden und Grundstücken Geld verdienen. Über seine “HuBroCo GmbH” war Matthias Hundt einer der beiden Gründer und anfangs Geschäftsführer der Firma. Inzwischen wurde auch bei diesem Unternehmen ein Insolvenzverfahren eingeleitet.
Man wundert sich über Hundts Ruf nach Berlin
All die Insolvenzen sind das eine. Ein ganz anderes Bild bekommt, wer sich Hundts Auftritt in sozialen Netzwerken anschaut. Dort kann zu dem Eindruck gelangen: Hier will sich jemand als Macher inszenieren, als erfolgreicher Unternehmer. Doch wer sich umhört, der vernimmt auch andere Stimmen.
Offiziell heißt es aus der Sächsischen Staatskanzlei nur, zu Hundt wolle man sich nicht äußern. Hinter den Kulissen aber wird schnell klar: Einen allzu guten Ruf scheint der dort nicht zu haben. Hundt sei “überall aufgetaucht”, habe sich mit Projektideen “geschmückt”, doch die habe man “aufgrund des Absenders einzuordnen” gewusst, heißt es aus regierungsnahen Kreisen. Eine “ernste Relevanz” habe Hundt für die Staatsregierung nie gehabt – vielmehr habe man sich über dessen Ruf nach Berlin “gewundert”.
Fragt man dort wiederum nach dem “Auswahlverfahren” für Berlins neuen Staatssekretär für Digitalisierung und “Chief Digital Officer” bekommt man bestenfalls spärliche Antworten. Der Regierende Bürgermeister sei mit mehreren Kandidaten im Austausch gewesen. Herrn Hundt kenne er seit einem Arbeitstreffen im August 2024 persönlich. “Über die Grenzen Dresdens hinaus bekannt” sei der, und bringe “mehrjährige Berufserfahrung” für die “weitere Digitalisierung und Modernisierung der Berliner Verwaltung” mit, heißt es fast schon überschwänglich aus der Berliner Senatskanzlei. Im Übrigen äußere man sich nicht zu einzelnen Personalangelegenheiten. Die Insolvenzverfahren, der Verdacht nicht abgeführter Sozialbeiträge: In der Berliner Senatskanzlei bis zur Anfrage von MDR und rbb nicht bekannt.
Staatsanwaltschaft lässt Polizei ermitteln
Mehr Interesse weckten Hundts frühere Geschäfte hingegen anderswo: In der Justiz. Sächsische Ermittler sehen in Hundts Fall offenbar Grund zur Annahme, dass nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein könnte.
Meldet in Sachsen eine Firma Insolvenz an entscheidet das zuständige Amtsgericht über die Eröffnung oder Ablehnung des Insolvenzverfahren. Über die Entscheidung informiert es routinemäßig auch die zuständige Staatsanwaltschaft. Die prüft dann, ob es einen “Anfangsverdacht” für eine Straftat gibt. Wenn ja, “leitet sie ein förmliches Ermittlungsverfahren ein”, so erklärt es die Staatsanwaltschaft Dresden auf Anfrage von MDR und rbb – und beauftragt die Polizei mit weiteren Ermittlungen.
Und genau das geschah bei der “SDC Sachsen Digital Consulting GmbH”. Also bei jener Firma, deren Geschäftsführer Matthias Hundt war.
Hundts Anwalt erklärt auf Anfrage von MDR und rbb dazu, derlei Ermittlungen könne man nicht bestätigen, man erhalte keinerlei Auskünfte von der Staatsanwaltschaft.
“Geschäftsverbindung gilt als riskant”
Dabei könnte das nicht der einzige Fall sein, der Hundt in Erklärungsnot bringt – und für den sich Ermittlungsbehörden und Insolvenzverwalter interessieren könnten.
Im September 2025 “aktiviert” Hundt eine ältere Firma wieder: Die “SDC Sachsen Digital Solutions GmbH”. In Unterlagen der Wirtschaftsauskunft Creditreform findet sich für die Firma eine Warnung: “Erhebliche Zielüberschreitungen” und “Eine Geschäftsverbindung gilt als riskant”. Geschäftspartner müssen gegenüber Creditreform angegeben haben, dass das Unternehmen, dessen Geschäftsführer der heutige Staatssekretär Hundt noch immer ist, Rechnungen nicht pünktlich bezahlt hat.
Hundt lässt seinen Anwalt dazu erklären, es habe keine Inkasso-Verfahren gegeben, der Eintrag würde überarbeitet. Das war Mitte April. Den Inkasso-Vermerk zur Firma “SDC Sachsen Digital Solutions” führt Creditreform bis Mitte Mai.
Und genau diese Firma stellte am 12. Dezember 2025 eine Rechnung an einen öffentlichen Aufraggeber, einen Landkreis in Norddeutschland.
SDC Consulting oder SDC Solutions?
Dabei hatte der ursprünglich einen Vertrag mit einer ganz anderen Firma, der “SDC Sachsen Digital Consulting” — und war bereit, die Rechnung dafür auch zu bezahlen. Doch die Kontonummer auf der Rechnung stimmte nicht überein: Denn die kam nicht von der inzwischen insolventen “SDC Consulting”, sondern von der wieder aktivierten “SDC Solutions“.
Hat die neue Firma die Geschäfte der alten übernommen und den Auftrag weitergeführt? Durfte das Geld von der insolventen Firma und damit vom Insolvenzverwalter weg zu einer anderen, nicht insolventen Firma umgelenkt werden? Fragt man bei Insolvenzanwälten nach, so heißt es, möglich wäre das – aber nur, wenn der Insolvenzverwalter einbezogen wurde und der Landkreis zugestimmt hat.
Dem Landkreis zufolge hat es eine solche Vereinbarung nie gegeben. Dass der Landkreis nicht informiert wurde bestätigt auch Hundts Presseanwalt: “Ein Auftragsübergang lag übrigens nicht vor.” Auf die Frage, ob der Insolvenzverwalter eingebunden war, heißt es: “Die Leistungserbringung durch die SDC Sachsen Digital Solutions geschah mit Genehmigung des Insolvenzverwalters.” Dieser habe “mündlich” zugestimmt. Belege dafür? Auch hier: Fehlanzeige.
Fragen auch zu Hundts Lebenslauf
Und damit stellt sich einmal mehr die Frage, wie seriös, zuverlässig und integer Berlins neuer Staatssekretär ist. Bei der Spurensuche nach Antworten findet man auch dessen Lebenslauf, abgestimmt mit ihm und veröffentlich im Internetauftritt des Landes Berlin. Darin für die Jahre 2019-2026 der Eintrag: “Dozent SRH Hochschule Berlin”.
An der Hochschule selbst kann man das so nicht bestätigen: Lediglich im Wintersemester 2019/2020 habe Hundt dort Lehraufträge gehabt – und die auch nicht in Berlin, sondern am Dresdner Campus. “Weitere darüber hinausgehende Tätigkeiten von Herrn Hundt an unserer Hochschule sind anhand der vorliegenden Unterlagen nicht belegbar”, so eine Sprecherin der Hochschule auf Anfrage von MDR und rbb.
Inzwischen ist der Lebenslauf geändert. Sein Mandant habe den “in wesentliche berufliche Großabschnitte unterteilt” und lediglich mitteilen wollen, dass er “innerhalb dieses Ausschnitts auch” als Dozent tätig gewesen sei. Er verstünde jedoch, dass das “leicht missverstanden werden kann”, so Hundts Anwalt.
Wie viele Menschen und Unternehmen vermeintlich noch auf Geld von Matthias Hundts Firmen warten und wie hoch die offenen Forderungen sind, ist bislang unklar. Es scheint um erhebliche Summen zu gehen.
Auf die ersten Fragen von MDR und rbb meldete sich der frisch gebackene Staatssekretär noch persönlich zurück. Inzwischen spricht für ihn sein Anwalt. Der teilte Ende April zunächst mit, den Fragen lägen eine „Reihe an Fehlannahmen” zugrunde „und zwar ausnahmslos bei all Ihren Fragen”. Wie es stattdessen gewesen sein soll? Ob es dafür Belege gibt? Darauf gibt es auch Wochen später überraschend oft keine klaren Antworten.