Die Zentralafrikanische Republik gehört zu den ärmsten und gefährlichsten Ländern des Kontinents. Dennoch haben sich seit Beginn des Krieges im Sudan Zehntausende sudanesische Flüchtlinge hierher gerettet.
Radija Adam ist eine junge Sudanesin. Sie stammt aus Nyala, einer Stadt in Süd-Darfur, doch war vor dem Krieg in ihrer Heimat geflüchtet. Auf der Flucht wurde ihre Familie auseinandergerissen. Bis heute weiß sie nicht, wo ihre Mutter ist, ob sie noch lebt.
Die Einzige, die Radija Adam geblieben ist, ist ihre Tante. Mit ihr und ihrer Familie hat sie sich über die Grenze gerettet – ins Nachbarland Zentralafrikanische Republik. Das war vor fast zwei Jahren. Seitdem leben sie im Flüchtlingscamp Korsi in Birao. Die meisten der rund 26.000 sudanesischen Flüchtlinge hier sind Frauen und Kinder.
Radija Adam und ihre Verwandten leben zu zehnt in einem Haus, gebaut mithilfe von internationalen Geldern. Wo ihre Mutter ist, ob sie noch lebt, weiß sie nicht.
Ein Flüchtlingscamp wie eine Stadt
Korsi ist kein Flüchtlingslager mit Zelten und improvisierten Behausungen aus Plastikplanen. Es wirkt eher wie eine Kleinstadt mit Häusern und einem lebendigen Marktplatz.
Radija Adam und ihre Verwandten leben zu zehnt in einem Haus aus Stein – gebaut mithilfe von internationalen Geldern. Ein Zaun aus Ästen begrenzt das Grundstück zu den Nachbarn. Im Vorgarten gibt es eine kleine Feuerstelle zum Kochen.
Radija Adam sagt, sie fühle sich hier sicher. Doch die Lebensbedingungen im Flüchtlingscamp seien hart. Die 25-Jährige erzählt, dass sie sich mit Gelegenheitsjobs durchschlage. Sie arbeite auf dem Feld, verkaufe Kleinigkeiten auf dem Markt. Jeder Haushalt erhalte zwar einen gewissen Geldbetrag. Für ihren großen Verwandtschaftskreis seien das umgerechnet etwa 76 Euro pro Monat. Doch bei den steigenden Lebensmittelpreisen sei das zu wenig.
Doktor Lezin Ngonzo behandelt vor allem Mütter und Kleinkinder. Viele Geflüchtete seien mangelernährt, sagt er, vor allem Kinder.
Flüchtlinge leiden Hunger im Camp
“Das Essen reicht nicht aus. Sogar Trinkwasser fehlt. Wenn wir Frauen zum Wasserholen gehen, dann warten wir dort drei bis vier Stunden in einer Schlange, nur um einen 20-Liter-Wasserkanister zu bekommen”, kritisiert Radija Adam.
Ein Hauptgrund für Hunger und steigende Armut in dem Flüchtlingscamp sind die massiven Kürzungen internationaler Hilfsgelder. Mit schwerwiegenden Folgen für die Menschen vor Ort.
Das nimmt auch Doktor Lezin Ngonzo wahr. Er ist Arzt in einem Krankenhaus in Birao, in der Nähe des Flüchtlingslagers. Er behandelt vor allem Mütter und Kleinkinder. Ihm fällt auf, dass viele Geflüchtete mangelernährt sind, vor allem Flüchtlingskinder.
Seitdem die US-Entwicklungsbehörde USAID aufgelöst wurde, stünden nur noch etwa die Hälfte an Hilfsgeldern zur Verfügung, erklärt Marie Justine Mamba Ibingui vom UNFPA.
Mehr Schwangere und Mütter werden sterben
Hinzu kommt, dass Untersuchungen von Schwangeren und Entbindungen im Krankenhaus bislang kostenfrei waren. Die meisten Frauen würden nicht mehr ins Krankenhaus kommen, weil sie es sich nicht leisten könnten, sagt Ngonzo. “Ich gehe davon aus, dass in Zukunft mehr Schwangere und Mütter sterben werden. Wenn wir kaum mehr Geld zur Verfügung haben, um diese Frauen zu unterstützen, werden die Todeszahlen steigen.”
Marie Justine Mamba Ibingui spricht mit Frauen im Flüchtlingscamp. Sie arbeitet für den Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen, kurz UNFPA. 2024 standen der Organisation umgerechnet rund 10,6 Millionen Euro für Hilfsprogramme in der Zentralafrikanischen Republik zur Verfügung.
Nun sei es nur noch etwa die Hälfte. Gehälter von Ärzten, Krankenschwestern und Hebammen könnten nicht mehr gezahlt werden. Es fehlten Medikamente. Projekte seien bereits eingestellt worden.
Entwicklungshilfeorganisationen kämpfen mit massiv gekürzten Mitteln, auf Kosten von hilfsbedürftigen Menschen.
Keine Hilfe für vergewaltigte Frauen
Mamba Ibingui zeigt hinter sich. Noch im vergangenen Jahr habe hier ein großes Zelt gestanden, erzählt sie. Ein Zentrum, in dem traumatisierte Frauen psychologische Betreuung erhielten. Ein sicherer Ort für Hunderte Frauen im Flüchtlingslager, die im Krieg vergewaltigt wurden oder anderweitig Gewalt erfahren haben.
Finanziert wurde es hauptsächlich von der US-Entwicklungsbehörde USAID – mit umgerechnet rund 1,3 Millionen Euro pro Jahr für sechs Standorte in der Region. Doch USAID wurde aufgelöst, das Zelt abgebaut. Alles, was bleibt, ist ein staubiges Stück Land. Es sollte einen aufrütteln, etwas für diese Frauen zu tun, warnt die UNFPA-Mitarbeiterin. “Es gibt kaum mehr Hoffnung, es geht nur noch ums Überleben.” Mamba Ibingui sorgt sich um die Zukunft dieser Frauen und ihrer Kinder.
Arm trotz reicher Bodenschätze
Die Zentralafrikanische Republik ist ein Land mit vielen Binnenflüchtlingen. Von den knapp sechs Millionen Einwohnern sind etwa eine Million auf der Flucht. Denn das Land ist trotz seiner wertvollen Bodenschätze, wie Gold, Diamanten und Mineralien, eines der ärmsten Länder Afrikas.
Und: Die Zentralafrikanische Republik ist eines der gefährlichsten Länder auf dem Kontinent. Sie befindet sich seit 2013 im Dauerkonflikt. Damals übernahmen überwiegend muslimische Rebellen die Macht, setzten den früheren Präsidenten ab. Eine internationale Friedensmission konnte das Land nicht beruhigen.
Der derzeitige Präsident, Faustin-Archange Touadéra, ist seit etwa zehn Jahren an der Macht und hat gerade erst, drei Monate nach seiner umstrittenen Wiederwahl, seine dritte Amtszeit angetreten. Im Kampf gegen bewaffnete Milizen setzt er auf russische Söldner. Dabei geht es auch um die Kontrolle der Minen, in denen die wertvollen Rohstoffe abgebaut werden.
Immer wieder flammen Kämpfe auf, die Todesopfer zur Folge haben. Anschläge mit Sprengsätzen nehmen zu. Es gibt Straßenblockaden und Ausgangssperren. Das Team der ARD konnte sich nur durch Absicherung der Vereinten Nationen durch das Land bewegen. Vor allem in das gefährliche Gebiet im Nordosten, Richtung sudanesische Grenze.
Traumatisiert durch den Krieg
Radija Adam, die junge Sudanesin aus dem Flüchtlingscamp, ist vom Krieg traumatisiert. Wenn sie bewaffnete Kämpfer sieht, bekomme sie Angstattacken, erzählt sie. Im Krankenhaus habe man ihr Tabletten gegeben. Doch die Angst gehe nicht weg.
Radija Adam hat in ihrem Leben bereits vieles verloren. Nicht aber die Hoffnung, dass der Krieg im Sudan irgendwann enden wird. “Wir wollen, dass unser Land wieder friedlich ist, damit wir nach Hause zurückkehren können. Aber das geht jetzt noch nicht. Ich weiß nicht, was die Zukunft bringt”, sagt sie.
Solange in ihrer Heimat ein Krieg wütet, werden Radija Adam und ihre Verwandten im Nachbarland Zentralafrikanische Republik bleiben. Sie werden weiterhin ein Leben an der Grenze führen. Ein Leben zwar ohne Kämpfe, aber trotzdem in großer Unsicherheit.


