Gefahr von Sanktionsumgehungen – Die Iran-Geschäfte einer Volksbank

Gefahr von Sanktionsumgehungen – Die Iran-Geschäfte einer Volksbank


exklusiv

Stand: 28.04.2026 • 18:11 Uhr

Eine Volksbank aus Niedersachsen hat mehrere Millionendeals mit Bezug zum Iran abgewickelt. Nach Report Mainz-Recherchen könnte es sich dabei um Scheingeschäfte für Ölexporte gehandelt haben. Hat die Bank nicht sorgfältig genug geprüft?

Von Heiner Hoffmann und Daniel Hoh, SWR

Wer nach Rinteln im südlichen Niedersachsen fährt, kann dort viel Historisches bewundern, unter anderem den zentralen Marktplatz mit seinen pittoresken Fachwerkhäusern. Auch die Volksbank in Schaumburg und Nienburg kann auf eine lange Tradition zurückblicken. Seit mehr als 150 Jahren versorgt sie die Region zuverlässig mit Geld, egal ob Privatkunde, Handwerker, Unternehmer. Aber half die Bank indirekt auch dem iranischen Regime?

Recherchen von Report Mainz lassen den Verdacht aufkommen, dass die kleine Volksbank große Geschäfte mit Bezug zum Iran gemacht hat. Das zeigen zahlreiche interne Unterlagen. Es geht um Deals in Millionenhöhe. Da ist zum Beispiel ein Geschäft aus dem Jahre 2024, das zunächst harmlos klingt: Der Export von Pistazien, bei dem die Volksbank den Zahlungsverkehr mit abwickelte. Doch mehrere Experten, mit denen Report Mainz gesprochen hat, schlagen nach Durchsicht der vorgelegten Dokumente Alarm.

Experten sehen Hinweise auf Scheingeschäfte

“Wenn man das gesamte Schema sieht, müsste man sofort das Geschäft stoppen, weil es eine klassische Verschleierungstaktik ist”, sagt Rebecca Schönenbach, die sich auf die Themen Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung spezialisiert hat und unter anderem Ermittlungsbehörden berät.

Ähnlich sieht es Viktor Winkler, Rechtsanwalt, Professor für Wirtschaftsrecht, der früher die Sanktionsabteilung der Commerzbank geleitet hat: “Die Struktur, die ich gesehen habe, würde durch keine Außenwirtschaftsprüfung durchgehen.”

Beide beziehen sich auf das Konstrukt, mit dem das Pistaziengeschäft durchgeführt wurde: Eine kleine, iranische Firma – erst wenige Wochen vor dem Deal gegründet – verkauft Pistazien an ein chinesisches Unternehmen. Die Ware wird aber laut Lieferschein nach Ägypten transportiert. Im Verkaufsprozess zwischengeschaltet sind zwei deutsche Firmen.

Komplizierter, auffälliger Geldfluss

Entsprechend kompliziert ist auch der Finanzfluss gewesen. Das Geld ging vom Konto einer chinesischen Bank zunächst an eine bekannte deutsche Großbank, von dort wurde es an die Volksbank in Schaumburg und Nienburg überwiesen, bevor es dann später schließlich bei einer Bank in Teheran landete.

“Also wenn man dann da vier, fünf Banken zwischenschaltet, ist es schon ein Alarmsignal”, sagt Rebecca Schönenbach. Solch eine Organisation und die Verteilung der Transaktionen würden “sehr, sehr häufig dann auch für Sanktionsumgehungen genutzt”, sagt Viktor Winkler.

Aussagen eines Insiders, den Report Mainz getroffen hat, legen nahe, was hinter dem Pistazien-Geschäft gesteckt haben könnte: Ölexporte des iranischen Regimes. “Das waren alles Scheingeschäfte. In Wirklichkeit haben die Firmen Gelder aus Ölgeschäften gewaschen und in das iranische Bankensystem zurückgeführt. Das waren keine Einzelfälle, es war ein ganzes System”, behauptet der Informant.

Generell warnt auch die Finanzaufsicht BaFin davor, dass Pistazien im Zusammenhang mit sanktionierten Öl- und Umgehungsgeschäften häufiger auftauchten.

Mehrere Iran-Geschäfte in Millionenhöhe

Report Mainz liegen Unterlagen zu einem zweiten angeblichen Pistaziengeschäft vor, genauso zu einem Deal mit brasilianischem Rohrzucker. Die Struktur ist jeweils ähnlich, auch der Geldfluss, in allen Fällen war die Volksbank in Schaumburg und Nienburg beteiligt. Insgesamt sollen mehrere Iran-Geschäfte in jeweils zweistelliger Millionenhöhe über das kleine Kreditinstitut aus Rinteln abgewickelt worden sein.

Auf Anfrage betont die Schaumburger Volksbank, dass für Geschäfte mit Iran-Bezug “kein grundsätzliches aufsichtsrechtliches Verbot” bestanden habe. Allerdings hätten die Geschäfte “über die Jahre hinweg stetig steigenden Prüf- und Überwachungsanforderungen” unterlegen. Hinweise auf mögliche Unstimmigkeiten würden “strukturiert und sorgfältig” geprüft. War die Überprüfung sorgfältig genug?

Merkwürdigkeiten in Dokumenten

In den internen Unterlagen tauchen etliche Ungereimtheiten auf. Im Lieferschein zu einem Pistaziengeschäft geben die beteiligten Firmen als Menge 50.000 Kilo an. Laut offizieller Statistik wurden im gesamten Jahr 2024 aber gerade einmal 8.000 Kilo Pistazien nach Ägypten exportiert.

Auch die Positionsdaten des Frachtschiffs passen nicht zu den Angaben in den Dokumenten: Am angegebenen Tag der Beladung war das Schiff gar nicht im Hafen, sondern auf See. Professionelle Pistazienhändler, mit denen Report Mainz gesprochen hat, sind zudem die hohen Kilopreise und eine hohe Menge an Pistazienkernen aufgefallen. Es liege nahe, dass die Unterlagen gefälscht worden seien.

Ein Berater, der am Geschäft beteiligt gewesen war, teilt schriftlich mit, dass auf Auffälligkeiten und Unstimmigkeiten wiederholt hingewiesen worden sei. Unklar bleibt, ob auch die Bank darüber informiert wurde. “Zu einzelnen Geschäftsbeziehungen, Transaktionen oder internen Bewertungen äußern wir uns nicht”, schreibt die Schaumburger Volksbank. Und sie ergänzt: Im Frühjahr 2025 habe der Vorstand beschlossen, sich vollständig aus Geschäften mit Iran-Bezug zurückzuziehen. Man habe eine Neubewertung der Risikosituation vorgenommen.

Für die Handlanger des Regimes in Teheran dürfte das keinen Unterschied machen, sie suchen sich längst neue Wege: Geldtransfers über Kryptowährungen. Die funktionieren auch ohne Volksbanken.

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