Sorgt die organisierte Kriminalität dafür, dass Lebensmitteltransporte am wichtigsten Grenzübergang von Bulgarien zur Türkei nicht mehr auf schadhafte Ladung kontrolliert werden? Ein Insider hat nun ausgepackt.
Der 39-jährige Veterinärmediziner und ehemalige Direktor der staatlichen Lebensmittelkontrollbehörde, Angel Mawrowski, sorgt gerade in Bulgarien für Aufmerksamkeit. Er hat über die Machenschaften am Grenzübergang Kapitan Andreewo zur Türkei ausgepackt.
Das Ganze hat eine lange Vorgeschichte. Es begann im Jahr 2011, kurz nachdem die konservative GERB-Partei von Bojko Borissow die Macht übernommen hatte.
“Damals wurde die Grenze an eine Privatfirma vermietet. Es lief äußerst intransparent ab. Die Firma bekam einen Vertrag über zehn Jahre, für einen Spottpreis, und der Vertrag wurde bis ins Jahr 2031 verlängert”, erzählt Mawrowski. Er habe die Dokumente.
Für die Privatfirma habe unter anderem Razmig Chakaryan unterschrieben. Er gilt als Schlüsselfigur der organisierten Kriminalität in Bulgarien.
Prangert die Zustände an der Grenze zu Türkei an: Angel Mawrowski, der ehemalige Direktor der Lebensmittelkontrollbehörde.
Durchwinken und kassieren
Die organisierte Kriminalität kontrollierte also fortan die Grenze. Sie bestimmt, welche Lkw untersucht werden und welche nicht. Die Tendenz sei seitdem, ziemlich wenig zu kontrollieren und dafür viel Geld zu kassieren, erzählt Georgi Wassilew, ein bulgarischer Paprikahändler und Spediteur.
“Importeure aus der ganzen EU haben gemeldet, dass ihre Lkw mit Lebensmitteln aus der Türkei oder Syrien mit verschlossenen Ladeflächen in der EU angekommen sind. Sie hatten noch türkische Plomben dran. Ich selbst habe 30 türkische Plomben hier bei mir. Die habe ich von meinen Lkw gesammelt.“
Der Händler erzählt, dass er für alle seine Lkw Geld bezahlen müsse, zwischen 350 und 700 Euro pro Fahrzeug, und dass er dafür immer Dokumente bekomme, dass die Ladung im Labor an der bulgarischen Grenze kontrolliert worden sei, auf gefährliche Bakterien und Organismen, auf Schwermetalle, auf Pestizide.
“Nichts davon passiert. Die Dokumente sind gefälscht. Ungefähr ein Drittel meiner Lkw kommt unkontrolliert über die Grenze. Das Prinzip an der bulgarischen Grenze sieht so aus: Kohle – Stempel – Kohle – Stempel – Kohle – Stempel”, sagt Wassilew.
Drohungen gegen den Kontrolleur
Pro Tag passieren knapp 2.000 Lkw den Grenzübergang Kapitan Andreewo in Richtung Bulgarien. Das heißt: Pro Tag könnten die Kontrollen rund eine Millionen Euro einbringen. Ein lukratives Geschäft.
Ende 2021 stand das Geschäft kurze Zeit auf der Kippe, als Premierminister Kiril Petkow ins Amt kam, mit seiner Anti-Korruptionspartei “Wir setzen den Wandel fort”. Die neue Regierung setzte neue Leute ein, in der staatlichen Agentur für Lebensmittelsicherheit.
Angel Mawrowski, der Veterinärmediziner und Whistleblower, wurde Vizedirektor der Behörde. Er sollte die Lebensmittelkontrollen verstaatlichen und sauber machen. Bei seinen Einsätzen an der Grenze wurde er bedroht.
“Das Auto, mit dem ich mit meinem Team unterwegs war, wurde auf der Autobahn abgedrängt. Ich wurde durch Telefonanrufe bedroht und ich habe entsprechende Zettel am Fahrzeug gefunden”, erzählt Mawrowski.
Hin und Her durch Regierungswechsel
Die Regierung von Kirill Petkov wurde nach weniger als acht Monaten im Amt gestürzt. Mawrowski verlor seinen Job als Lebensmittelkontrolleur. Die Mafia hatte an der Grenze wieder das Sagen.
Als dann Jahre später, im Dezember 2025, die bulgarische Regierung zurücktrat, nach Massenprotesten gegen Korruption, gab es für Mawrowski ein erneutes Comeback. Die Übergangsregierung, von Interimspremier Andrej Gjurow, setzte ihn wieder in der staatlichen Agentur für Lebensmittelsicherheit ein, dieses Mal als Direktor.
Mawrowski sollte eine Bestandsaufnahme machen über die Kontrollen an der bulgarischen Grenze. Er organisierte selbst ordentliche Inspektionen an der Grenze und im Landesinneren und beschlagnahmte dabei Rekordmengen an schädlichen Lebensmitteln.
Innerhalb von zwei Monaten zog er mehr als 500 Tonnen Lebensmittel aus dem Verkehr und 1,3 Millionen Eier. Außerdem erstellte Mawrowski eine lange Liste an Mängeln und Manipulationsmöglichkeiten bei den Grenzkontrollen. Doch es nützte am Ende nichts.
Ein Versprechen und die Umsetzung
In Bulgarien regiert nun seit gut anderthalb Monaten der neue Premierminister Rumen Radew, der ehemalige Staatspräsident, mit seiner Mitte-Links-Partei “Progressives Bulgarien”. Er hat zwar versprochen, die Korruption in Bulgarien zu bekämpfen. Doch als seine Regierung die Arbeit aufnahm, wurde Mawrowski ziemlich schnell wieder aus seinem Amt entlassen.
Der zuständige Agrarminister wurde Plamen Abrowski, der viele Jahre im bulgarischen Parlament und auf verschiedenen Posten im Agrarministerium für das Thema Landwirtschaft und Lebensmittelkontrollen zuständig war, zu Zeiten als bei den Grenzkontrollen manipuliert wurde.
Abrowski hatte mit seiner früheren Partei, “Es gibt ein solches Volk”, die Koalition mit dem Anti-Korruptions-Regierungschef Kiril Petkov gesprengt.
“Deutlich mehr Expertise”
Abrowski beteuert nun, dass der bulgarische Staat für die Sicherheit der Verbraucher in der europäischen Union garantiere. Doch warum hat er dann Mawrowski supendiert? Warum arbeitet man weiter mit den umstrittenen privaten Grenzkontrolleuren zusammen und lässt sie weiter die Be- und Entladung der Lkw machen?
Der Argrarminister erklärt, es sei “völlig normal”, dass mit einer neuen Regierung auch ein neues Team kommt. Die neue Direktorin habe “deutlich mehr Expertise und Erfahrung”. An der Grenze betreibe nun die staatliche Lebensmittelkontrollbehörde das Labor. Die Forderung, dass dauerhaft Kontrolleure aus der EU zum Einsatz kommen, könne er nicht akzeptieren. “Das wäre ein Eingeständnis, dass Bulgarien seine Grenze nicht alleine schützen kann.”
Paprikahändler Wassilew sagt, dass es an der Grenze wieder so zugehe wie in den vergangenen 15 Jahren. Die neue Regierung scheint grundlegende Verbesserungen verhindern zu wollen. Offenbar profitieren immer noch zu viele wichtige Politiker vom Geschäft an der Grenze.
Hält die neuerliche Umstrukturierung der Grenzkontrollen für ganz normal: Agrarminister Abrowski
Landen belastete Produkte am Ende in den Supermärkten?
Was bedeutet das für den deutschen Verbraucher, wenn viel mit Pestiziden belastetes Obst und Gemüse in die EU durchgewunken wird? Annemarie Botzki von der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch in Berlin sagt, dass sich der Verbraucher nicht darauf verlassen könne, dass belastete Lebensmittel in den deutschen Supermärkten komplett herausgefiltert werden.
Es gebe zwar eine Liste von verdächtigen Produkten, die in Deutschland und in anderen EU-Ländern getestet werden. “Aber außer diesem bürokratischen Aufwand passiert oft zu wenig.” Bei belasteten Zitronen aus der Türkei werde zum Beispiel gesagt, die Verbraucher konsumierten ohnehin nicht so viele Zitronen, so dass die Gefahr nicht so groß sei.
Laut der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA sind etwas mehr als die Hälfte aller untersuchten Lebensmittel in der EU pestizidbelastet, davon rund 2,5 Prozent über dem Grenzwert.
Eine dauerhafter Verzehr von Pestiziden erhöht das Risiko für Krebserkrankungen, für Alzheimer und Parkinson und für Unfruchtbarkeit.
