Italien: Bespitzelt von “Graphite” – aber von wem beauftragt?

Italien: Bespitzelt von “Graphite” – aber von wem beauftragt?


Europamagazin

Stand: 03.05.2026 • 16:17 Uhr

2025 erfuhr der italienische Journalist Cancellato, dass sein Handy mit einer Spionage-Software gehackt worden war. Der Fall ist immer noch nicht aufgeklärt – und verweist auf ein grundsätzliches Defizit in der EU.

Von Olga Chladkova, ARD Brüssel

Als Francesco Cancellato an jenem Nachmittag die Nachricht liest, glaubt er zunächst an einen schlechten Witz. “Ihr Telefon wurde mit militärischer Spyware gehackt”, informiert WhatsApp den italienischen Journalisten Ende Januar 2025 in einer Textnachricht.

Er habe zunächst gedacht, “das sei eine dieser typischen Betrugsnachrichten”, erzählt Cancellato rückblickend. Doch die Untersuchung der Datenspezialisten der Universität Toronto ergab, dass die Nachricht echt war. Sein Telefon war mit Spionagesoftware infiziert worden. Das bestätigt mittlerweile auch die italienische Staatsanwaltschaft. Doch bis heute weiß Cancellato nicht, wer ihn bespitzelt hat und warum.

Eine Reaktion auf eine brisante Recherche?

Cancellato ist Chefredakteur von Fanpage. Das Nachrichtenportal ist in Italien für seine investigativen Recherchen zu Korruption und organisierter Kriminalität bekannt.

Kurz zuvor hatte seine Redaktion eine explosive Undercover-Recherche veröffentlicht: Führende Mitglieder der Jugendorganisation von Giorgia Melonis Partei Fratelli d’Italia sympathisieren in dieser Reportage offen mit dem Faschismus. “Ich bin überzeugt, dass ich als Chefredakteur einer politisch exponierten Redaktion bespitzelt wurde. Und ich glaube, dass ein Großteil dieser Exposition auf diese Recherche zurückgeht, die in Italien wie in Europa enorme mediale und politische Wellen geschlagen hat”, sagt Cancellato.

Eigenständige Installation auf dem Handy

Die Software, die auf seinem Telefon gefunden wurde, heißt “Graphite”. Sie braucht keinen Klick, keine Phishing-Mail, keine Unachtsamkeit des Opfers. Sie installiert sich still. Sie liest alles mit – Nachrichten, Mails, Sprachmemos. Sie kann das Mikrofon und die Kamera einschalten und den Standort der Person feststellen.

Die Software stammt vom israelischen Konzern Paragon Solutions. Das Unternehmen ist mittlerweile in US-amerikanischen Händen und betont, seine Technologie nur an demokratische Staaten für den Einsatz gegen Terroristen und die organisierte Kriminalität zu verkaufen.

Cancellato war der Erste, der den Paragon-Überwachungsskandal an die Öffentlichkeit brachte. Doch er ist nicht allein. WhatsApp registrierte in 14 EU-Ländern Angriffe auf Journalisten und Vertreter der Zivilgesellschaft, auch Deutschland wird hierbei genannt.

Francesco Cancellato weiß bis heute nicht, wer ihn ausspioniert hat und hofft weiter auf Aufklärung.

Keine Hoffnung auf Aufklärung

In der aktuellen Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen (RSF) belegt Italien Platz 56 nach Rang 49 im Vorjahr – und liegt damit deutlich hinter dem Spitzenreiter Norwegen, aber auch hinter anderen Gründungsstaaten der EU wie den Niederlanden (Platz 2), Luxemburg (Platz 9), Deutschland (Platz 14), Belgien (Platz 16) und Frankreich (Platz 25).

RSF kritisiert dabei ausdrücklich politische Versuche, die Berichterstattung über Justizfälle einzuschränken, etwa durch die sogenannte legge bavaglio – (zu deutsch: Maulkorbgesetz), sowie die in Italien weit verbreiteten Einschüchterungsklagen gegen Journalisten.

Francesco Cancellato weiß bis heute nicht, wer sein Telefon gehackt hat. Die Hoffnung, dass die italienische Regierung ihn bei der Aufklärung unterstützen würde, hat er mittlerweile verloren. “Ich hatte den Eindruck: Entweder haben sie gar nicht gesucht – oder sie wissen, wer es war, und wollen es mir nicht sagen. Ihr einziges Ziel war es, sich selbst reinzuwaschen. Nicht, mir Gerechtigkeit zu verschaffen. Das ist ein Unterschied.”

Paragon erklärt, den Vertrag mit Italien beendet zu haben. Die Meloni-Regierung dementierte zunächst, später berichteten internationale Medien, der Vertrag sei ausgesetzt worden.

Die Auftraggeber regulieren sich selbst

Cancellatos Fall hat auch im Europäischen Parlament für Aufmerksamkeit gesorgt. “Der Fall in Italien ist sozusagen die alleroberste Spitze des Eisberges. Wir hatten diese ganzen Pegasus-Fälle davor, die in fünf, sechs Mitgliedstaaten stattfanden. Und das große Problem ist, dass wir den wirklichen Umfang überhaupt nicht kennen”, betont die Europaabgeordnete Hanna Neumann von den Grünen.

Denn die EU hat bis heute keine konkreten Maßnahmen zur Regulierung von Überwachungsfirmen ergriffen. Das Problem liegt laut Neumann in einer strukturellen Blockade: Die Mitgliedstaaten berufen sich auf nationale Sicherheit und regulieren sich selbst. Damit sind jene Regierungen, die Spyware missbräuchlich einsetzen, dieselben, die die Aufklärung verantworten sollen.

Die EU-Kommission, die über den European Media Freedom Act hinaus handeln müsste, scheut den Konflikt mit den Mitgliedstaaten, obwohl längst Handlungsbedarf besteht.

“Die Überwachungsskandale werden auch in der EU nicht abreißen, solange Staaten die Möglichkeit haben, invasive Überwachungssoftware heimlich einzukaufen und zu nutzen”, sagt RSF-Internetfreiheits-Referentin Helene Hahn. Der Schutz journalistischer Quellen sei ein Grundpfeiler des Journalismus und seit Inkrafttreten der Europäischen Verordnung zur Medienfreiheit in der EU besonders geschützt. “Zumindest auf dem Papier”, ergänzt sie.

Francesco Cancellato mahnt: “Wenn wir heute zulassen, dass ein Journalist bespitzelt wird, ohne mit der Wimper zu zucken – wer weiß, was wir morgen alles durchgehen lassen. Heute bin ich es. Morgen kann es jeden treffen.”

Europas Gesetz zum Schutz von Journalisten hat bislang nicht geholfen, das Abrutschen Italiens in der RSF-Rangliste der Pressefreiheit aufzuhalten. Und auch Cancellato hat in Europa bislang wenig Unterstützung für die Aufklärung seines Falls erhalten. Am Tag der Pressefreiheit ist Rang 56 für ihn keine abstrakte Zahl. Es sieht darin eine Warnung.

Diese und weitere Reportagen sehen Sie im Europamagazin – am Sonntag um 12.45 Uhr im Ersten.

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