Um billiges Kalbfleisch zu erzeugen, werden Tiere aus Deutschland in den Niederlanden gemästet und geschlachtet – unter Bedingungen, die nach deutschen Gesetzen tierschutzwidrig sind. Das hat gravierende Folgen.
In den Niederlanden werden Kälber unter Bedingungen gemästet, die in Deutschland verboten sind. Rund 700.000 Kälber werden in jedem Jahr aus Deutschland in das Nachbarland exportiert. Dort werden die Tiere gemästet und später auch geschlachtet.
Das Fleisch von 850.000 Kälbern kommt dann pro Jahr auf den deutschen Markt. Nach Recherchen des ARD-Wirtschaftsmagazin Plusminus umgeht die deutsche Land- und Fleischwirtschaft damit strengere deutsche Regeln, die für die Kälbermast hierzulande gelten und kann so in den Niederlanden preiswerter produzieren.
Für die deutsche Landwirtschaft insgesamt hat dies Konsequenzen. Die Zahl an Kälbermastbetrieben geht immer weiter zurück, viele Betriebe sind nicht mehr konkurrenzfähig und geben auf.
Kälber sind “Überschuss” der Milchindustrie
Die Plusminus-Recherchen beginnen im Westerwald bei einem klassischen Milchviehbetrieb. Es ist der Hof von Jules Vermont. Der Niederländer hat sich vor mehreren Jahrzehnten dort angesiedelt und hat inzwischen eine Kuhherde von rund 270 Tieren. Er lebt vor allem vom Milchverkauf. Aktuell liegen die Preise etwas unter den Gestehungskosten. Er zahle drauf, erzählt er.
Wie alle Milchviehbetriebe hat er ein grundlegendes Problem: Damit seine Kühe Milch geben, müssen sie jedes Jahr ein Kalb zur Welt bringen. Die weiblichen Nachkommen behält er, um seine Herde zu vergrößern. Da er keine eigene Mast betreibe, könne er mit den männlichen Kälbchen nichts anfangen, sagt er.
Sobald es geht, verkauft Vermont sie daher. Seine Bullenkälber seien an diesem Morgen in die Niederlande verkauft worden. Er habe dafür je nach Tier zwischen 100 und 250 Euro bekommen. Rentabel sei das nicht: Allein dass er die Kälber laut Gesetz 28 Tage behalten müsse, führe zu Futterkosten von 140 Euro. Dazu kämen Ausgaben für den Tierarzt, seine eigene Arbeitsleistung dürfe er gar nicht rechnen.
Wie seine Kälber werden in großen Lkw permanent Tausende von deutschen Kälbern in die Niederlande transportiert – 700.000 jedes Jahr. Warum ausgerechnet in das kleine Land im Nordwesten?
Riesenställe mit bis zu 3.000 Kälbern
Recherchen ergeben, dass dort Kälbermast in industriellem Maßstab betrieben wird. In Riesenställen werden bis zu 3.000 Tiere gemästet. Plusminus spricht mit der niederländischen Tierschützerin Lesley Moffat von der Gruppe Eyes on Animals in der Nähe von Eindhoven. Sie dokumentiert seit Jahren die Haltungsbedingungen in niederländischen Kälberställen.
Sie zeigt selbstgedrehte Aufnahmen aus den Ställen und verweist darauf, dass die Tiere dort auf Betonspaltenböden gehalten würden. In Deutschland sei diese Form der Haltung seit Ende 2023 untersagt. Es sei das Ziel der Mäster, möglichst “weißes” Kalbfleisch zu erzeugen. Deshalb würden die Jungtiere vor allem sogenannte Milchaustauscher zu trinken bekommen, Nahrungsergänzungsmittel, die als Ersatz für Kuhmilch dienen. Raufutter, also Stroh, Heu und Getreide hingegen bekommen sie nur ganz wenig.
Erschreckende Haltungsbedingungen bei der Mast
Die Aufnahmen zeigen Kälber, die in engen Gitterboxen stehen. Die Kälber können die benachbarten Tiere zwar sehen, jedoch nicht berühren. Die Boxen sind so eng, dass die Kälber sich auch nicht umdrehen können. Eine Einstreu gibt es nicht. Urin und Kot läuft durch die Spalten im Boden in ein Auffanggefäß. In der Halle stinke es fürchterlich, erzählt die Tierschützerin.
Auch später, wenn die Tiere in Gruppen gehalten werden müssen, stünden sie wieder auf diesem Boden ohne Einstreu. Die Aufnahmen zeigen Kälber, die in ihren eigenen Exkrementen liegen. Sie verweist darauf, dass in den Niederlanden rund 1,5 Millionen Tiere in jedem Jahr unter diesen Bedingungen gemästet würden.
Das Land ist zu einer regelrechten Kälberdrehscheibe geworden und mittlerweile der größte Kalbfleischproduzent in der EU. Kälber aus den baltischen Ländern kommen hierher, aber auch aus Polen, Irland, Belgien. Der größte Exporteur ist Deutschland.
Kälbermast in einer rechtlichen Grauzone
Die Kälbermast bewegt sich in einer rechtlichen Grauzone. Zwar gibt es eine EU-Richtlinie, die besagt, dass Kälber einer artgerechten Umgebung bedürfen. “Rinder leben in Herden; aus diesen Gründen sollten Kälber in Gruppen gehalten werden”, heißt es dort. Über die Beschaffenheit des Stallbodens oder Einstreu steht in dieser Richtlinie jedoch nichts. Für die Details ist der nationale Gesetzgeber zuständig.
Barbara Felde, Verwaltungsrichterin und stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Juristischen Gesellschaft für Tierschutzrecht, ordnet ein: “Die Niederlande bewegen sich ganz am unteren Rand dieser Mindestanforderungen, setzen also die Richtlinie im Prinzip eins zu eins um, ohne groß ins Detail zu gehen.” Wie Kälberhaltung im Nachbarland praktiziert wird – das wäre in Deutschland nicht erlaubt, so die Expertin.
Auswirkungen auf die deutsche Landwirtschaft
Die Folge: Die Kälbermast und damit auch die Schlachtungen gehen hierzulande seit Jahren zurück. Von mehr als 400.000 im Jahr 2000 auf 262.000 im vergangenen Jahr. Ein Rückgang um 35 Prozent.
Dass die Betriebe sich dort, trotz gemeinsamen EU-Rechts, nicht an dem Maße an Regeln halten müssten wie in Deutschland, führe zu einer Marktverschiebung, bei der deutsche Landwirte und das Tierwohl auf der Strecke blieben, kritisiert Wirtschaftswissenschaftler Thomas Roeb von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg.
Hinzu komme, so Roeb, dass Deutschland damit auch gar keine Kontrolle mehr über die Mastbedingungen im Nachbarland habe.
Mehr Antibiotika in niederländischem Fleisch
Die fehlende Kontrolle wirkt sich auch auf die Qualität aus. Fakt ist: Um als Endprodukt sogenanntes weißes Kalbfleisch zu erhalten, müssen die Tiere eisenarm, also mit wenig Raufutter, ernährt werden. Hinzu komme, so Lesley Moffat von Eyes on Animals, dass den Kälbern sehr intensiv Antibiotika verabreicht würden. Sie erhielten fünfmal mehr Antibiotika als die Kühe.
Da die Kälber aus vielen europäischen Ländern stammten, seien sie krankheitsanfällig und würden sich auch gegenseitig anstecken. Im Grunde würde “der Verbraucher letztlich Fleisch von kranken und traurigen Tieren essen”. In Deutschland erhielten die Kälber mehr Raufutter. Das Fleisch sei daher etwas dunkler in der Färbung, eher rosa als weiß, koste aber pro Kilo im Laden am Ende rund zehn Euro mehr.
Deutsche Mäster fordern vor diesem Hintergrund gleiche Standards für alle. Sie appellieren an die Politik, die Regeln EU-weit anzugleichen. Aus Berlin ist dazu bislang nichts zu hören.

