Memes, Videos und Tweets: Irans Propagandakrieg im Netz

Memes, Videos und Tweets: Irans Propagandakrieg im Netz

Stand: 28.04.2026 • 15:42 Uhr

Das iranische Regime und seine Anhänger setzen in ihrer Kriegsführung auf die Macht von viralem Content in den Sozialen Medien – mit Erfolg. Das liegt auch daran, dass die Inhalte nicht nur von Anhängern des Regimes geteilt werden.

Von Nabila Abdel Aziz, BR

Im knallbunten Sakko und 80er-Jahre-Frisur steht US-Präsident Donald Trump am Keyboard und trällert “Blockade, Blockade” zur Melodie des Hits “Voyage, Voyage”. Die “Blockade” um die es geht, ist einerseits die der Straße von Hormus durch den Iran. Andererseits die Blockade iranischer Häfen durch Trump.

Das Video ist KI-generiert. In diesem Fall aber nicht von Trump, der selbst gerne KI-Videos und Fotos von sich postet. Das Video wurde vielfach geteilt, darunter auch von der iranischen Botschaft in Südafrika. Auf dem Social-Media-Kanal X hat sie fast 200.000 Follower. Das ist für einen Botschafts-Account beachtlich.

Die Botschaft hat mit ihren Posts in den sozialen Medien immer wieder für Aufmerksamkeit gesorgt. Denn das iranische Regime und seine Unterstützerinnen und Unterstützer tragen ihren Kampf nicht mehr nur mit Drohnen und Raketen aus. Es ist längst auch ein Krieg der Memes, Videos und Tweets geworden.

Das vierte “Schlachtfeld”: Die sozialen Medien

Am 14. April postete wieder der Instagram Kanal der iranischen Botschaft in Südafrika ein Bild mit diesem Text: “3 Fronten des Widerstands: das Schlachtfeld (Soldaten), die Straßen (Menschen), Verhandlungen (Diplomaten). Lass mich eine vierte hinzufügen: die Sozialen Medien.”

Tareq Sydiq ist Konfliktforscher an der Universität Marburg und hat sich mit der iranischen Medien-Diplomatie beschäftigt: “Iran bespielt einmal die klassische Staatsideologie, die sich eher als David gegen Goliath, gegen den US-und israelisch geführten Westen präsentiert.” Gleichzeitig positioniere es sich als mutiger Kämpfer des globalen Südens gegen den US-Imperialismus, analysiert Sydiq.

Die Hiebe gegen die USA und Israel sind nicht nur bei Unterstützern der islamischen Republik Iran anschlussfähig. Sie erreichen global Menschen, die die israelische und US-amerikanische Kriegsführung kritisch sehen.

Propaganda mithilfe von Popkultur

Der Schlüssel zum Erfolg der iranischen Propaganda sei ihre Flexibilität, so der Konfliktforscher. Die Propaganda spreche unterschiedliche Gruppen zielgerecht an: “Da werden US-Diskurse, auch der amerikanische Wahlkampf von Donald Trump aufgegriffen und thematisiert. Es geht um Versprechen, die gemacht wurden: Trump als Friedenspräsident zum Beispiel, der jetzt Kriege führt und die Niederlage, die jetzt den USA zugefügt wird.”

In den Sozialen Medien finden sich Memes mit Schauspielern der Kultserie “Friends”, Lego-Videos, in denen Trump mit langer Pinocchio-Nase gezeigt wird. Und Rap-Songs, die über KI-Videos gelegt werden.

Auf einem Post ist Trump als windeltragendes Baby abgebildet, der ein Videospiel auf einem übergroßen Bildschirm spielt. Darauf sind Kriegsschiffe zu sehen und der Text “Die Straße von Hormus”. Darüber steht: “Kein Spiel, kiddo”. Immer wieder geht es um die Epstein-Files oder Fälle rassistischer Gewalt in den USA, wie den Mord an George Floyd.

Mit den Popkultur-Referenzen stellt sich Iran gezielt positiv und nahbar dar. Die Wirklichkeit eines misogynen, fundamentalistischen Regimes tritt in den Hintergrund.

Propaganda, die nicht als Propaganda erkennbar ist

Iran ist nicht der einzige Player, der die Sozialen Medien mit Propaganda flutet. Auch Israel und die USA tun das, selbst der Präsident ist aktiver Teilnehmer in diesem virtuellen Ping-Pong-Spiel. Am 17. April postete Trump zum Beispiel, es sei ein “großartiger und brillanter Tag für die Welt” – wahrscheinlich, weil am Tag zuvor Israel und die Hisbollah eine Waffenruhe vereinbart hatten.

Die Strategie der iranischen Seite ist dagegen, derartige Posts von Trump ins Lächerliche zu ziehen. Die iranische Botschaft in Zimbabwe verlinkte seinen Post und schrieb “Mach dein Handy aus, entspann dich, keine Posts mehr und blocke Bibi [Spitzname des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu] für eine Woche.”

“Propaganda funktioniert oft gut, wenn sie nicht als Propaganda erkennbar ist, sondern irgendwie einen Zeitgeist bedient, unterhaltsam ist und dann von anderen Leuten erstmal vielleicht ironisch geteilt wird”, erklärt Sydiq den oft lockeren Ton des iranischen Contents. So werde verschleiert, dass sich um Propaganda handele.

Der Iran-Krieg als Geschäftsmodell in den sozialen Medien

Der Iran besitze eine breite Medienindustrie, die vom Regime mit vielen Mitteln ausgestattet sei. Es gebe Trollfarmen, die Inhalte immer weiterverbreiteten. Kanäle wie “Explosive Media”, die am laufenden Band Videos in Lego-Optik produzieren, geben laut einer BBC-Recherche zu, vom iranischen Regime dafür bezahlt zu werden.

Hinter der digitalen Kriegsführung steht aber nicht nur das iranische Regime. Auch andere Akteure wollen von der Viralität dieser Inhalte profitieren. Das Video von Trump, in dem er “Blockade, Blockade” singt, stammt ursprünglich nicht von einem iranischen Account, sondern von einem Berliner YouTuber und Autor: Willy Kramer, der unter seinem Pseudonym “Snicklink” aktuell 248.000 Abonnenten auf YouTube hat. Auf seiner Webseite verkauft er Merch zu seinem Trump-Song: Sweatshirts, T-Shirts und Tassen. Er hat den Iran-Krieg als Geschäftsmodell erkannt.

Memes für die Welt, Internetsperre für Iraner

Auf Menschen wie Willy Kramer zählt das iranische Regime, so der Konfliktforscher Sydiq: “Wenn ich aber so einen Kaskadeneffekt auslösen kann, dass Leute das von selbst teilen, dann habe ich eine andere Reichweite, die ich erzielen kann. Und eine andere Wirksamkeit, um meine Inhalte zu präsentieren.” Eine Taktik, die auch Rechtsextreme, oder die russische und chinesische Propaganda-Maschinerie verfolgen.

Memes und lustige Videos gibt es jedoch nicht für Iranerinnen und Iraner selbst. Da ist das Misstrauen in die eigene Bevölkerung doch zu groß. Während die Welt mit Propaganda-Posts überzogen wird, bleibt das Internet im Iran fast vollständig lahmgelegt.

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