Exklusiv

Stand: 08.07.2026 • 07:07 Uhr

Ein Whistleblower-Leak zeigt: Ein Netzwerk von rund 120 Online-Glücksspielseiten spricht gezielt deutsche Spieler an, und das ohne die notwendige Lizenz. Hinter dem Firmennetzwerk steht ein dubioser Geschäftsmann.

Von Arne Meyer-Fünffinger, Josef Streule, Maximilian Zierer, BR

“Wenn man gewohnt ist, dass man sich kaufen kann, was man möchte, und plötzlich reicht es nicht mehr für Lebensmittel, dann lässt einen das durchdrehen.” Der junge Mann, ein IT-Fachmann, der anonym bleiben möchte, sitzt in einer Suchtberatungsstelle in Bayern und erzählt eindringlich von seiner Spielsucht. Mit 18 habe er in Spielhallen angefangen, schnell landete er bei Online-Casinos. Er setzte zunächst Geld bei legalen Webseiten, die in Deutschland eine offizielle Lizenz der Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder (GGL) haben. Solche Anbieter nennt die GGL auf ihrer Whitelist, zum Beispiel Tipico und bwin.

Das meiste Geld verlor der Mann aber erst, nachdem er sich wegen seiner Sucht in Deutschland schon hatte sperren lassen. Er wich auf Casinos aus, die in Deutschland keine Lizenz haben. Seiten wie “Rabona” oder “Wazamba”. Auch Spielerschutz, Limits oder ein Impressum haben illegale Casino-Seiten meistens nicht.

Rund 120 unlizenzierte Online-Casinos

Recherchen des Bayerischen Rundfunks mit Investigate Europe und internationalen Partnermedien zeigen jetzt, wer offenbar von zahlreichen illegalen Online-Casinos profitiert, bei denen Spieler aus Deutschland und vielen anderen Ländern hunderte Millionen Euro verlieren: der in Zypern und Malta ansässige Glücksspielkonzern Soft2Bet mit seinem Gründer Uri Poliavich.

Auf seiner Webseite nennt Soft2Bet elf legale Glücksspiel-Marken, die in Ländern wie Dänemark, Schweden und Rumänien lizenziert und auch nur dort erreichbar sind. Interne Listen, die Investigate Europe zugespielt wurden, zeigen jedoch, dass das Unternehmen daneben für viele weitere Casino-Webseiten die Infrastruktur zur Verfügung stellt. Rund 120 davon sind auch von Deutschland aus erreichbar, ohne die erforderliche Lizenz zu haben. 37 Casino-Webseiten, darunter die Seiten “Wazamba” und “Rabona” werden als “interne Marke” geführt. So steht es in den Unterlagen, die auch dem BR vorliegen.

Aus diesen Unterlagen geht zudem hervor, dass Soft2Bet und verbundene Unternehmen von 2020 bis 2024 mehr als 600 Millionen Euro aus Geschäften mit illegalen Casinos erhalten haben. Tausende Seiten an Dokumenten zeigen, wie ein Netzwerk von Briefkastenfirmen und Zahlungsdienstleistern das Geld zu Soft2Bet leitet. Eine BR-Auswertung von Daten des Web-Analysedienstes Similarweb legt nahe, dass von Soft2Bet betreute unlizenzierte Casinos alleine im Mai 2026 insgesamt etwa acht Millionen Aufrufe aus Deutschland verzeichneten.

Anrufer drängen Spielsüchtige zum Weiterspielen

Nach Angaben des Bundessuchtbeauftragen leiden in Deutschland hochgerechnet etwa 1,3 Millionen Erwachsene “unter einer Störung durch Glücksspielen”. Zwar warnen Suchtexperten auch vor legalen Glücksspielangeboten, auf dem illegalen Markt würden Spielsüchtige aber häufig von sogenannten VIP-Beratern zum Weiterspielen animiert.

Mehrere Soft2Bet-Insider, mit denen das Reporterteam sprechen konnte, berichten: “Es war gängige Praxis, die Konten von Spielern wiederzueröffnen die sie wegen ihrer Sucht bereits geschlossen hatten. Man sendete ihnen SMS, E-Mails mit Boni und dann spielten sie wieder”, sagte eine für Marketing zuständige Person. Mehrere Insider berichteten von Telefongesprächen mit verzweifelten Spielern, die androhten, sich etwas anzutun. Spieler aus mehreren europäischen Ländern bestätigen dem Rechercheteam, am Telefon regelrecht bedrängt worden zu sein, weiterzuspielen.

Soft2Bet teilt auf Anfrage mit, man sei darauf fokussiert, verantwortungsvoll und in Übereinstimmung mit den jeweils geltenden rechtlichen und regulatorischen Vorgaben zu operieren und halte “robuste Compliance- und Governance-Prozesse” vor. Gleichzeitig drohte ein Anwalt im Namen von Soft2Bet mit rechtlichen Schritten.

Wohltaten aus illegalen Glücksspiel-Einnahmen?

Der Gründer von Soft2Bet, Uri Poliavich, Israeli mit ukrainischen Wurzeln, inszeniert sich als erfolgreicher Tech-Investor und Philanthrop. Die internen Dokumente zeigen, dass Poliavich allein im Jahr 2024 mehr als 100 Millionen Euro von Soft2Bet bekommen hat. Die Soft2Bet-Insider berichten außerdem von Luxuswagen und ausschweifenden Partys in Dubai für Angestellte.

2020 gründete Poliavich die Yael Foundation, eine Organisation, die nach eigenen Angaben jüdische Bildungseinrichtungen weltweit unterstützt. Auch mehrere Einrichtungen in Deutschland erhielten demnach Zahlungen der Stiftung, insbesondere Sonntagsschulen, die zur orthodoxen Chabad-Strömung gehören. Die Yael Foundation ließ auf Anfrage unbeantwortet, ob auch Einnahmen aus mutmaßlich illegalem Glücksspiel in Bildungsprojekte fließen. In einem Statement ist die Rede von einer “Welle anklagender Medien-Anfragen”. Sämtliche Aktivitäten der Stiftung in Zusammenarbeit mit Schulen weltweit erfolgten unter strikter Einhaltung der geltenden Gesetze und Vorschriften.

Mehrere jüdische Bildungseinrichtungen in Deutschland, die die Yael Foundation auf ihrer Webseite nennt, antworteten auf BR-Anfragen nicht. Lediglich eine Schule gibt an, von der Yael Foundation einen fünfstelligen Betrag erhalten zu haben.

In Deutschland ist für die Bekämpfung von illegalem Glücksspiel die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL) zuständig. Sie teilt dem BR auf Anfrage mit, man kenne Soft2Bet als “technischen Zwischenakteur”. Es lägen “keine gerichtsfesten Informationen” vor, dass die Soft2Bet Gruppe “unerlaubte Glücksspiele” in Deutschland betreibt oder daran partizipiert. In einer Pressemitteilung schreibt die GGL dann allerdings: “Neben Maßnahmen gegen Anbieter selbst rücken zunehmend auch beteiligte Dienstleister in den Fokus.” Im Kampf gegen illegale Angebote zieht die Behörde “eine generell positive Bilanz”.

Streeck: “Illegales Glücksspiel ist organisierte Kriminalität”

Der Suchtbeauftragte der Bundesregierung Hendrik Streeck (CDU) spricht beim illegalen Glücksspiel von Organisierter Kriminalität. Diese suche sich “die Geschäfte, in denen viel Geld zu verdienen ist, das Entdeckungsrisiko gering bleibt und die Strafen überschaubar sind. Illegales Glücksspiel erfüllt diese Bedingungen nahezu perfekt”, sagte Streeck dem BR.

Die GGL müsse ihre Aufgabe im Online-Markt wirksam erfüllen können, so Streeck: “Dafür braucht sie die notwendigen Instrumente und einen Rechtsrahmen, der mit einem internationalen, digitalen Glücksspielmarkt Schritt hält.”

Dieser Artikel ist Teil der “Soft2bet Files”, einer internationalen Recherche über die Glücksspielindustrie, die von Investigate Europe koordiniert wird. Mitarbeit: Maxence Peigné (Investigate Europe). Medienpartner des Projekts sind der Bayerische Rundfunk, France 2, Franceinfo.fr, The Irish Times, Il Fatto Quotidiano, Svenska Dagbladet, Shomrim, The Toronto Star, Le Soir, Profil, Publico.es, Publico.pt, Folha de S. Paulo, Reporters United, Ciren und die Times of Malta.

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