Vor 25 Jahren wurde Süleyman Taşköprü vom NSU in Hamburg ermordet. Anders als in anderen Bundesländern gab es hier aber keinen parlamentarischen Untersuchungsausschuss. Für die Angehörigen bleiben drängende Fragen.
25 Jahre ist es inzwischen her, dass die neonazistische Terrorgruppe NSU Süleyman Taşköprü in seinem Gemüseladen in Hamburg-Altona erschoss. Familie Taşköprü fordert noch immer von der Stadt Hamburg einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss, um die bis heute offenen Fragen zu klären.
Der NSU tötete von 2000 bis 2007 neun Kleinunternehmer und eine Polizistin. Nach einem gescheiterten Banküberfall im November 2011 begingen Uwe Mundlos und Uwe Bönhardt in einem Wohnmobil Selbstmord. Ihre Komplizin Beate Zschäpe zündete die gemeinsame Wohnung an, um Beweismittel zu vernichten.
Kein Untersuchungsausschuss in Hamburg
Hamburg ist das einzige Bundesland, in dem sich eine Mehrheit der Parlamentarier seit Jahren gegen einen NSU-Untersuchungsausschuss ausspricht, um solche Fragen zu klären. Zwei Anträge der Partei Die Linke im Jahr 2015 und im Jahr 2023 wurden von einer Mehrheit der Parlamentarier abgelehnt. In allen anderen Bundesländern, in denen der NSU gemordet hat, wurden parlamentarische Untersuchungsausschüsse eingerichtet. Zusätzlich gab es zwei auf Bundesebene.
Im Juli dieses Jahres soll der Abschlussbericht des NSU-Untersuchungsausschusses in Mecklenburg-Vorpommern dem Landtag vorgelegt werden. Vorab bekannt: Die Parlamentarier machen zahlreiche Verbesserungsvorschläge. Unter anderem sehen sie Handlungsbedarf bei der Reaktion von Behörden auf rechte Strukturen und im Umgang mit Betroffenen.
Die Hamburgische Bürgerschaft wählt einen Sonderweg. Ein interdisziplinäres Team soll mit den damals Verantwortlichen in den Ermittlungsbehörden und den Angehörigen des Mordopfers sprechen und Akten sichten.
Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit (SPD) ist überzeugt von dem Ansatz der wissenschaftlichen Aufarbeitung. Es gehe darum, Pfade zu erkennen, die vielleicht eingeschlagen worden sind und die man in Zukunft besser nicht mehr gehe. Und auch darum, der Stadt Hamburg einen Spiegel vorzuhalten und die Augen aufzumachen, wenn es um rechte Gewalt gehe.
Rassistische Motivation über Jahre nicht erkannt
Seit einem Jahr läuft die Aufarbeitung. Doch es gibt einige Unterschiede zu einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss. Bei einem NSU-Untersuchungsausschuss finden Befragungen öffentlich statt, Behördenvertreter können vorgeladen werden und müssen unter Eid aussagen. Das ist bei einer wissenschaftlichen Aufarbeitung nicht der Fall.
In Hamburg erkannten die zuständigen Ermittlungsbehörden über Jahre nicht, dass hinter dem Mord an Süleyman Taşköprü ein rassistisches Motiv steckte. Stattdessen verdächtigten sie Familie Taşköprü. Das Verhalten der Polizei empfindet die Familie als rassistisch und respektlos. Immer wieder wurden Familienmitglieder verhört und auch observiert.
Dabei hatte der Vater von Süleyman Taşköprü kurz nach der Tat zwei Männer in der Nähe des Ladens gesehen. Schon in seiner ersten Vernehmung durch die Hamburger Polizei und in den folgenden Jahren immer wieder sagt er aus, die beiden Männer seien “eher blond” gewesen. Die Polizei geht diesem Hinweis nicht nach. Auch in den anderen Bundesländern wird eine rassistische Motivation der Täter über Jahre nicht erkannt. Dass der NSU nicht gestoppt wurde, gilt als eines der größten Behördenversagen in der Bundesrepublik.
Okan Taşköprü ist der Neffe des Ermordeten Süleyman Taşköprü. Am 27. Juni 2001, dem Tag der Tat, war er noch ein Baby. Es sei eine sehr belastende Situation gewesen, dass die Ermittler den Aussagen seines Großvaters über Jahre nicht nachgegangen seien. Erst nach der Selbstenttarnung des NSU, als Okan Taşköprü zehn Jahre alt ist, hören die falschen Verdächtigungen auf. Okan Taşköprü sagt, es sei so lange mit dem Finger auf seine Familie gezeigt worden, dass irgendwann Selbstzweifel entstanden und auch Unsicherheit in der Familie gewesen sei.
Noch keine Freigabe von Akten
Um zu erforschen, ob stereotype Annahmen in den Ermittlungsbehörden damals dazu führten, dass nicht erkannt wurde, dass die Tötung Süleyman Taşköprü Teil einer rechten Mordserie war, benötigt das beauftragte Wissenschaftsteam die Akten des Hamburger Landeskriminalamtes. Die Einsicht in die Akten sei für den Forschungsauftrag wesentlich, so das Forschungsteam auf Anfrage.
Der Generalbundesanwalt ist für die Freigabe der Akten verantwortlich. Eine Genehmigung wurde bislang nicht erteilt. Auf Nachfrage äußert sich der Generalbundesanwalt nicht zu den Gründen. Gegen die Entscheidung geht die Stadt Hamburg jetzt mit dem Forscherteam vor. Sie haben daher einen Antrag auf gerichtliche Entscheidung beim Oberlandesgericht Karlsruhe eingereicht.
Auch Bürgerschaftspräsidentin Veit ist wichtig, dass die Akten für die Aufarbeitung herausgegeben werden, damit das interdisziplinäre Team die offenen Fragen klären könne. Die wissenschaftliche Untersuchung sei wohl auch für Familie Taşköprü schonender als ein Untersuchungsausschuss, so ihre Einschätzung. Schließlich sei das Hauptinstrument eines Untersuchungsausschusses die Zeugenbefragung, und dann würden Familie Taşköprü womöglich auch Fragen von der Hamburger AfD-Fraktion gestellt.
Offene Fragen können Belastungen verstärken
Den Neffen des Ermordeten, Okan Taşköprü, überzeugt das nicht. Er und seine Familie fordern weiterhin eines der zentralen Aufklärungsinstrumente einer parlamentarischen Demokratie zu nutzten: den parlamentarischen Untersuchungsausschuss. Hamburg dürfe sich seiner Verantwortung nicht entziehen, fordert er. Die wissenschaftliche Aufarbeitung empfinde er als “Trostpreis”.
Jan Hildebrandt von der Opferberatung Rheinland begleitet Betroffene und deren Angehörige nach rechter Gewalt. Das Fehlen einer umfassenden Aufklärung trage dazu bei, dass sich kein Sicherheitsgefühl bei Angehörigen einstellen könne, so die Einschätzung des Traumafachberaters. Häufig würden sie sich große Sorgen machen, was rassistische Gewalt in Deutschland noch alles anrichten könne.
Er macht die Erfahrung, dass das Bedürfnis nach Aufklärung oft Teil der Traumabewältigung sei. Ungewissheit, offene Fragen und das Gefühl, nicht gehört zu werden, könnten Belastungen verstärken. Für manche Angehörige gehörten daher Gedenken und die Forderung nach Aufklärung untrennbar zusammen.
In Gedenken an Süleyman Taşköprü wird seine Familie zum 25. Todestag Essen an Bedürftige und Obdachlose verteilen.