Analyse
Nach dem erfolgreichen Börsenstart von SpaceX könnten nun OpenAI und Anthropic folgen. Doch die Trump-Regierung wird zum Unsicherheitsfaktor für die KI-Branche – und das Kapital der Anleger ist begrenzt.
SpaceX ist an der Börse – und der Auftakt hätte kaum spektakulärer ausfallen können. Die Aktie des Raumfahrt-, Satelliten- und KI-Konzerns wurde am Freitag zu 135 Dollar ausgegeben, zum Handelsschluss kostete sie 160,95 Dollar. Damit legte das Papier am ersten Börsentag rund 19 Prozent zu.
Der Rekord-Börsengang spülte dem Konzern 75 Milliarden Dollar in die Kasse – und machte Gründer Elon Musk zum ersten Billionär der Welt. Laut dem US-Magazin Forbes verfügt der Tech-Unternehmer nun über ein Vermögen von 1,1 Billionen Dollar.
OpenAI und Anthropic – die nächsten Billionen-Börsengänge?
Doch nach dem erfolgreichen Debüt richtet sich der Blick bereits auf die nächsten Kandidaten. OpenAI und Anthropic, zwei der wichtigsten Entwickler Künstlicher Intelligenz, haben vertrauliche Unterlagen für einen Börsengang in den USA eingereicht – konkrete Termine stehen aber noch nicht fest.
OpenAI könnte laut Marktexperten eine Bewertung von bis zu einer Billion Dollar anstreben. Anthropic war bei seiner jüngsten Finanzierungsrunde mit 965 Milliarden Dollar bewertet worden.
KI-Infrastruktur verschlingt Milliarden
Hintergrund der Börsenpläne ist der rasant wachsende Kapitalbedarf der Branche. Längst geht es nicht mehr nur darum, wer das leistungsfähigste Sprachmodell entwickelt. Entscheidend werden zunehmend Chips, Stromversorgung und Rechenzentren.
“Die ganze KI-Branche tritt in eine neue Phase ein”, sagt Martin Geißler, KI- und Technologieexperte der Beratungsgesellschaft Argon, im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion. Auf den Modellwettbewerb folge nun ein Infrastrukturwettbewerb. “Und dieser Infrastrukturwettbewerb kostet sehr viel Geld.”
Auch Alphabet und Meta suchen frisches Kapital
Wie groß der Finanzierungsbedarf ist, zeigen auch die Pläne bereits an der Börse etablierter Technologiekonzerne. Die Google-Konzernmutter Alphabet hat Anfang des Monats eine Kapitalerhöhung über 80 Milliarden Dollar angekündigt – diese dürfte damit eine der größten aller Zeiten sein. Zudem gibt es am Markt Gerüchte über eine Kapitalerhöhung bei Meta – ebenfalls im zweistelligen Milliardenbereich.
Für die Unternehmen haben Börsengänge oder auch die Ausgabe neuer Aktien dabei einen entscheidenden Vorteil, erklärt Martin Lück von der Beratungsfirma Macro Monkey im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion: “Dann sinkt die Kreditaufnahme, also der Betrag, den sie sich leihen müssen, deutlich.” Dadurch könne sich das Kreditrating verbessern und die Zinsbelastung fallen. Unternehmen könnten so bei riesigen Investitionsprojekten deutlich an Finanzierungskosten sparen.
US-Regierung belastet Anthropics Börsenpläne
Doch kurz vor einem möglichen Börsengang gerät Anthropic erneut unter politischen Druck. Die US-Regierung wies das Unternehmen am Wochenende an, den Zugang zu seinen Spitzenmodellen Fable 5 und Mythos 5 für Ausländer zu sperren. Als Folge der Anweisung habe man kurzfristig den Zugang für alle kappen müssen, hieß es in einer Stellungnahme von Anthropic.
Der Eingriff der Regierung passt in die nur schwer berechenbare KI-Politik des US-Präsidenten Donald Trump: Dieser lockerte zunächst viele Vorgaben, setzte zuletzt aber wieder stärker auf staatliche Kontrolle.
Für Investoren erhöht dieser Kurswechsel die Unsicherheit zusätzlich, das regulatorische Risiko steigt: Staatliche Eingriffe könnten das internationale Geschäft bremsen und die Bewertung belasten. OpenAI dürfte den Fall genau beobachten – denn neue Beschränkungen für leistungsfähige KI-Modelle könnten auch dessen Bewertung und Börsenpläne belasten.
OpenAI und Anthropic im Börsen-Wettlauf
Für die beiden KI-Firmen kommt die staatliche Einmischung damit zur Unzeit, zumal jetzt auch der Faktor Zeit eine Rolle spielt. Schließlich gilt es, das derzeit günstige Börsenumfeld zu nutzen: Die Aktienmärkte stehen hoch, die Nachfrage nach KI-Titeln ist groß. “Das ist eine Phase, die sich nicht beliebig wiederholen lässt”, sagt Marktexperte Lück. “Also eine Phase, die man auch ausnutzen muss.”
Entsprechend wächst jetzt der Druck auf Anthropic und OpenAI, ihren Börsengang möglichst schnell auf den Weg zu bringen. “Mit SpaceX wird sich wahrscheinlich ein einmaliges Fenster für Kapitalmarktgänge von Tech-Unternehmen öffnen”, sagt Technologie-Experte Geißler. “Wer da als Erster durch die Tür geht, der wird natürlich am meisten davon profitieren.”
Mega-Börsengänge konkurrieren um Anlegergeld
Ein erfolgreicher Börsengang von Anthropic könnte deshalb OpenAI unter Zugzwang setzen – und umgekehrt. Denn Anlegerkapital ist nicht unbegrenzt verfügbar. Wenn zusätzlich auch noch etablierte Börsenkonzerne wie Meta, Alphabet und Co. den Kapitalmarkt anzapfen wollen, wird der Kampf ums Geld der Anleger immer härter.
Das Wettrennen um den nächsten Billionen-Börsengang und die nächste Mega-Kapitalerhöhung ist damit eröffnet. Wer zuerst kommt, kann die hohen Bewertungen und die aktuelle Kauflaune nutzen. Wer zu lange wartet, riskiert dagegen, dass ein Konkurrent einen großen Teil des verfügbaren Kapitals bindet, die KI-Begeisterung der Anleger wieder nachlässt – oder die erratische KI-Politik der Trump-Regierung zu neuen regulatorischen Hürden führt.


