Fast sieben Jahre nach dem Skandal um keimverseuchte Fleischwaren der hessischen Firma Wilke hat der Prozess gegen drei leitende Ex-Mitarbeiter vor dem Landgericht Kassel begonnen. Ihnen wird fahrlässige Tötung in elf Fällen vorgeworfen.
Rund 160 Ordner umfasst die Beweisakte. Der Umfang sei “raumfüllend”, sagt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft der hessenschau. In den Akten wird ein Lebensmittelskandal juristisch aufgearbeitet, der die Menschen nicht nur in Hessen, sondern weit darüber hinaus bewegt hat.
Was am 2. Oktober 2019 öffentlich wird, hat eine lange Vorgeschichte und ein politisches Nachbeben. Kontrollen werden verschärft, hunderte Jobs gehen verloren und im Herzen des kleinen Örtchens Twistetal-Berndorf (Waldeck-Frankenberg) steht noch immer die alte Wilke-Wurst-Fabrik wie ein Mahnmal.
Nun bekommt die Geschichte ein neues Kapitel. Die juristische Aufarbeitung geht in die entscheidende Phase.
Das Strafverfahren, das am Montag am Landgericht Kassel begonnen hat, richtet sich gegen drei Verantwortliche des längst geschlossenen Wilke-Betriebs: den heute 57 Jahre alten Geschäftsführer, seine 55-jährige Stellvertreterin und den 58-jährigen Produktionsleiter.
Die Vorwürfe: fahrlässige Tötung in elf Fällen, fahrlässige Körperverletzung in sieben Fällen, Betrug und Verstoß gegen das Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuch sowie versuchte gefährliche Körperverletzung durch Unterlassen.
“Köstliches aus dem Waldecker Land.” In der Region war Wilke ein großer Arbeitgeber und Gewerbesteuerzahler.
Die Angeklagten hätten von 2015 bis 2019 “unter katastrophalen hygienischen Bedingungen” keimbelastete Wurst produzieren lassen, führte die Staatsanwaltschaft zum Prozessauftakt aus.
Ihnen sei dabei klar gewesen, dass die Lebensmittel gesundheitsschädlich gewesen seien. Sie hätten es dennoch unterlassen, die Behörden zu informieren und die Waren zurückzurufen.
Elf Menschen sollen wegen Wilke-Wurst gestorben sein
Im Kern geht es um verseuchte Wurstwaren. Mit so genannten Listerien-Bakterien belastete Produkte sollen unter Verantwortung der Angeklagten in Umlauf gebracht worden sein. Bei elf Menschen im Alter zwischen 47 und 86 Jahren soll dadurch eine Listeriose ausgelöst worden sein, die tödlich endete. Keiner der Todesfälle ereignete sich in Hessen.
Sieben Menschen, darunter auch eine 31-jährige Frau und ein 76-jähriger Mann in Hessen, sollen zudem eine starke Infektion erlitten haben. Insgesamt wurden laut Staatsanwaltschaft Listerien bei 37 Menschen festgestellt.
RKI verfolgt Keim-Spur bis zur Wilke-Fabrik zurück
Schon Jahre vor den Todesfällen hatten Kontrollen Hygienemängel bei Wilke aufgezeigt. Im Jahr 2018 wurde aber eine neue Dimension erreicht: Das Robert-Koch-Institut (RKI) erkannte eine Erkrankungshäufung durch Listerien und identifizierte bei einer Genomsequenzierung ein bestimmtes Listerien-Cluster. Der Name: “Sigma 1”.
Bei der Rückverfolgung wurde laut Staatsanwaltschaft klar: Auffällig viele Patienten hielten sich vor ihrer Erkrankung stationär in Pflegeeinrichtungen oder Kliniken auf, die alle von einer Firma beliefert wurden: Wilke aus Berndorf.
Namentlich nannte die Staatsanwaltschaft das Unternehmen in einer Mitteilung zum Prozess jetzt jedoch nicht, sprach nur von einer Firma aus Waldeck-Frankenberg.
Verwesungsgeruch im Fahrstuhl
Produktproben vor Ort ergaben dann einen Treffer. Auch bei Wilke wurde “Sigma 1” gefunden. Später stellte sich heraus: Die Probleme bei Wilke waren längst nicht nur unter dem Mikroskop erkennbar. Nach Bekanntwerden des Skandals aufgetauchte Bilder aus den Produktionshallen zeigen verschimmelte Würste und unhygienische Zustände.
Listerien
Listerien sind Bakterien. Sie können kranken Menschen und Kindern erheblich zusetzen. In der Natur kommen die Keime häufig vor – und sie können in tierische und pflanzliche Produkte geraten. Listerien sind sehr widerstandsfähig. Sie überstehen sowohl Tiefgefrieren als auch Trocknen. Nur sehr wenige Menschen, die Listerien aufnehmen, erkranken auch an Listeriose. Bei gesunden Erwachsenen verläuft die Infektion laut Robert-Koch-Institut meist unauffällig. Gefährlich ist die Infektion aber für abwehrgeschwächte Menschen.
In dem Bericht einer Betriebskontrolle am 2. Oktober 2019 war die Rede von “idealen Bedingungen” für die Vermehrung und Verbreitung von Listerien. Und: “Der Betrieb im vorgefundenen Zustand bietet keine Gewähr für die Produktion sicherer Lebensmittel.” An anderer Stelle war von “Verwesungsgeruch” in einem Aufzug die Rede, in dem auch Wurst und Fleisch offen transportiert worden seien.
Schimmelige Wurst von Wilke aus Twistetal (Archivbild).
Außerdem besteht laut Anklage der Verdacht, dass der Betrieb regelmäßig Überproduktionen generiert habe, sodass Fleisch- und Wurstware verdorben sei. Teilweise soll verdorbene Ware sogar aufbereitet beziehungsweise alte Ware mit einem falschen Mindesthaltbarkeitsdatum in Verkehr gebracht worden sein.
Wirtschaftliche Gründe als Motiv
Der damalige Geschäftsführer und seine Stellvertreterin müssen sich zudem wegen vierfacher versuchter Körperverletzung durch Unterlassen verantworten. In drei Fällen sollen sie trotz eines positiven Salmonellenbefunds aus einer Eigenbeprobung keinen Warenrückruf veranlasst haben.
In einem weiteren Fall sollen die beiden von der Lebensmittelaufsicht eines anderen Bundeslandes über einen positiven Listerien-Befund informiert worden sein, aber nicht alles Erforderliche getan haben, um den vollständigen Rückruf der Ware zu gewährleisten.
Als Motiv für die Taten sieht die Staatsanwaltschaft auch wirtschaftliche Gründe. Die Angeklagten hätten nicht mehr verkaufsfähige Waren auf den Markt gebracht, “um dem Unternehmen entsprechende Einnahmen zu sichern”. Allen drei Beschuldigten wird vorgeworfen, Gesundheitsschäden von Konsumenten billigend in Kauf genommen zu haben.
Verfahren mit gigantischem Umfang
Das alles soll nun am Landgericht Kassel aufgearbeitet werden. Dass es erst jetzt – knapp sieben Jahre nach Bekanntwerden des Skandals – zum Prozess kommt, hängt laut Staatsanwaltschaft mit dem gigantischen Umfang zusammen.
Unter anderem erfordere die anspruchsvolle Rechtslage in diesem Fall eine sehr gewissenhafte Prüfung, “die mit einem durchschnittlichen Wirtschaftsstrafverfahren selbst erhöhten Umfangs und Schwierigkeitsgrades nicht annähernd vergleichbar ist”, heißt es von der Staatsanwaltschaft. Insbesondere das Lebensmittelrecht sei sehr komplex, der Fall enthalte auch europarechtliche Fragen.
Die Staatsanwaltschaft hat Ende 2022 Anklage erhoben – drei Jahre nach Bekanntwerden des Wilke-Skandals. Dass es danach nochmal fast vier Jahre gedauert hat, liegt daran, dass auch das Gericht sich erstmal einlesen musste. Zudem hat das Gericht die Eröffnung des Verfahrens in einem Teil der Anklagepunkte zum Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuch abgelehnt, was zu weiteren Verzögerungen geführt hat.
Anklageschrift umfasst 200 Seiten
Fakt ist: Ein Teil der ursprünglichen Anklagepunkte ist bereits verjährt. Dennoch gibt es genug Arbeit für das Gericht. Die Anklageschrift umfasst 200 Seiten. Über ein Dutzend Verhandlungstage sind derzeit am Landgericht Kassel vor der 2. Großen Strafkammer geplant.
Ein Knackpunkt im Prozess wird die Beweisführung für die Todesfälle sein. Sind wirklich Wilke-Listerien für den Tod von elf Menschen ursächlich? Kann der Weg der Keime von der Wurst-Fabrik in die Körper der Patienten wirklich nachgewiesen werden? Das soll auch mit Hilfe von Gutachtern bewiesen werden.
Wilke-Skandal offenbarte Schwächen im Kontrollsystem
Doch das ist nur der juristische Aspekt des Wilke Skandals. Die Verbraucherorganisation Foodwatch übte massive Kritik an den Verantwortlichen, stellte sogar Strafanzeige unter anderem gegen die damalige Verbraucherministerin Priska Hinz (Grüne) und den früheren Landrat Reinhard Kubat (SPD). Das Verfahren wurde aber laut Staatsanwaltschaft eingestellt.
Das 30.000 Quadratmeter große Wilke-Areal mitten in Berndorf liegt seit Jahren brach.
“Wir haben aus dem Wilke-Skandal weitreichende Konsequenzen gezogen”, sagte Hinz schon im Frühjahr 2020. Auf eine aktuelle Anfrage teilt das Verbraucherschutzministerium unter dem heutigen Minister Ingmar Jung (CDU) mit, es gebe ein neues Kontrollkonzept. Man habe auch beim Personal aufgestockt.
“Es gibt bei den Ämtern vor Ort heute deutlich mehr Mitarbeiter als noch 2019, die Zahl der Lebensmittelkontrolleure ist in diesem Zeitraum um 15 Prozent gestiegen”, so eine Sprecherin.
Industriebrache steht weiter mitten im Ort
Und dann ist da noch der kleine Ort Berndorf. Rund 200 Menschen waren bei Wilke tätig. Ein großer Arbeitgeber und Gewerbesteuerzahler ist durch die Schließung weggebrochen. Geblieben ist eine Industriebrache auf einem 30.000 Quadratmeter großen Areal mitten im Ortskern.
Es gibt ambitionierte Pläne für die Entwicklung des riesigen Geländes für Wohnraum und Gewerbeflächen. Die Gemeinde hat das Areal nach der Firmeninsolvenz erworben. Doch passiert ist noch nichts.
Investoren wollen Wilke-Areal entwickeln
Am 24. August soll über Pläne von zwei Investoren abgestimmt werden. Einer sieht einen Abriss des Hauptgebäudes vor, der andere plant eine Weiternutzung. Auch eine neue Grundschule soll am Rande des Wilke-Geländes entstehen.
“Die Gemeinde profitiert dann von den entsprechenden höheren Einwohnerzahlen. Und wenn Unternehmen gut arbeiten, würde auch die Gewerbesteuer sprudeln”, sagt Twistetals Bürgermeister Friedrich Vogel (parteilos) dem hr.
Jetzt beginnt aber erstmal der Prozess: mit 160 Ordnern Beweismitteln, 200 Seiten Anklageschrift und der Frage, wer verantwortlich ist für den Tod von elf Menschen. Mitte August soll ein Urteil fallen.
Von der Dorfmetzgerei zur Wurst-Fabrik
Im Jahr 1936 eröffnet Reinhard Wilke seine Dorfmetzgerei in Twistetal-Berndorf. Auf einer Freifläche vor der Metzgerei suhlten sich die Schweine im Schlamm, hieß es vor ein paar Jahren auf der Website von Wilke. Zuletzt war das Bild aber ein anderes. Auf 25.000 Quadratmetern Betriebsfläche wurden bis zur Schließung 300 Tonnen Wurstwaren produziert – pro Woche. Das Unternehmen hat nicht nur Wurst unter dem Namen Wilke verkauft, sondern vor allem zahlreiche Großkunden beliefert: das Großhandelsunternehmen Metro, Restaurants von Ikea, Cafeterien der Studentenwerke in Gießen und Marburg, Großküchen des Uni-Klinikums Gießen-Marburg. Wilke kam bei vielen auf die Teller, ohne dass die Menschen es wussten. Exportiert wurde in die ganze Welt.