“Safe House” von Afghanen aus Bundesaufnahmeprogramm durchsucht

“Safe House” von Afghanen aus Bundesaufnahmeprogramm durchsucht

Stand: 20.01.2026 12:36 Uhr

Sicherheitskräfte der Taliban haben ein “Safe House” in Kabul durchsucht – und 79 Afghanen über Stunden verhört. Sie sind Teil des Bundesaufnahmeprogramms der deutschen Regierung. Es ist ungewiss, was nun mit ihnen geschieht.

Peter Hornung, NDR

Sie kamen am späten Sonntagvormittag: eine Gruppe von Taliban, teilweise bewaffnet. Mit weißen Pick-ups fuhren sie vor dem Haus vor, in dem die Menschen untergebracht sind. Eigentlich war es ein “Safe House” – sicher war in diesem Moment allerdings nichts mehr. In dem Haus leben 79 Afghaninnen und Afghanen, die als gefährdet gelten.

Einige haben noch Aufnahmezusagen der deutschen Bundesregierung, anderen wurden sie vor einigen Wochen entzogen. Sie sind im Bundesaufnahmeprogramm, auf der sogenannten Überbrückungsliste. Eine Person ist eine ehemalige Ortskraft.

Stundenlange Verhöre

Die Taliban gingen durch das Gebäude, von Zimmer zu Zimmer, brachen Türen auf: Der reinste Terror, so schildern es Betroffene. Es folgten stundenlange Verhöre: Warum sie nach Deutschland wollten, wurden sie gefragt, was sie früher gemacht hätten in Afghanistan? Smartphones wurden eingesammelt, Text- und Sprachnachrichten kontrolliert. Es herrschten Angst und Panik. Auf einem Bild, das dem ARD-Studio Neu-Delhi geschickt wurde, sind Taliban zu sehen, wie sie den Hauseingang bewachen.

Die deutsche Initiative Kabul Luftbrücke unterstützt die Menschen seit Langem. Sie habe diesen Tag kommen sehen, sagt Sprecherin Eva Beyer: “Es war eigentlich allen klar, dass die Menschen nicht dauerhaft in Afghanistan versteckt werden können.” Es sei nur eine Frage der Zeit gewesen, wann etwas passiert. Trotzdem habe die Bundesregierung die Menschen fünf Monate lang wissentlich dieser Gefahr ausgesetzt und sie nicht in Sicherheit gebracht, kritisiert Beyer.

Ausreisen aus Pakistan gestoppt

Die 79 Menschen in dem Gästehaus in Kabul gehören zu einer Gruppe von knapp 250 Afghaninnen und Afghanen, die in den vergangenen Monaten von Pakistan nach Afghanistan abgeschoben wurden. Sie waren ursprünglich ins Nachbarland geflohen, weil ihnen versprochen wurde, nach Deutschland weiterreisen zu dürfen. Doch die neue Bundesregierung stoppte die Ausreisen vergangenes Jahr.

Fliegen konnten zumeist nur diejenigen, die erfolgreich vor deutschen Gerichten geklagt hatten. Die anderen waren in ständiger Gefahr, von der pakistanischen Polizei festgenommen und abgeschoben zu werden – und vielen ist genau das passiert. Die Bundesregierung bezahlt ihnen zwar noch die Unterkunft in Kabul und es gibt einen Dienstleister, der die Menschen betreut. Doch Schutz gibt es hier noch weniger als in Pakistan. Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Marcel Emmerich sieht die Bundesregierung in der Pflicht.

Es ist einfach ungeheuerlich, dass die Bundesregierung es so weit hat kommen lassen. Dass sie im letzten Sommer nach Afghanistan abgeschoben wurden, anstatt nach Deutschland in Sicherheit ausgeflogen worden sind. Alle Afghaninnen und Afghanen mit Aufnahmezusagen sollten endlich umgehend evakuiert werden.

Marcel Emmerich, Bündnis 90/Die Grünen

Deutschland müsse seiner Verantwortung gerecht werden und entsprechend die Leute endlich in Sicherheit bringen, so Emmerich.

Unterstützung – “soweit es möglich ist”

Der Bundesregierung sei bekannt, was in Kabul passiert sei, so das Auswärtige Amt in einer Antwort gestern Abend auf eine ARD-Anfrage. Man unterstützte die Betroffenen, heißt es, aber mit dem Zusatz: “soweit es möglich ist”.

“Die Bundesregierung steht mit dem beauftragten Dienstleister in engem Austausch über die aktuelle Lage vor Ort”, teilte das Auswärtige Amt mit. “Wir bitten um Verständnis, dass weitergehende Informationen mit Blick auf Sicherheitsaspekte nicht möglich sind.”

Wie es weitergeht, ist ungewiss

Im Gästehaus in Kabul weiß keiner, wie es nun weitergeht. Noch immer sind Taliban da, die die Menschen bewachen. Dabei ist unklar, zu welcher Behörde sie gehören. Der Sprecher des Taliban-Innenministeriums, Abdul Mateen Qani, hatte dem ARDStudio Neu-Delhi Sonntagnacht mitgeteilt, er wisse gar nichts von diesem Einsatz.

Vermutet wird, dass es sich um den Geheimdienst der Radikalislamisten handelt. Der hat eigene paramilitärische Einheiten und ist inzwischen allgegenwärtig im Staat der Taliban.

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