Spionageverdacht: Bahnhof für Militärtransporte mit Kamera ausgespäht?

Spionageverdacht: Bahnhof für Militärtransporte mit Kamera ausgespäht?


exklusiv

Stand: 28.04.2026 • 08:39 Uhr

Der Fund einer Kamera am Bahnhof in Minden beschäftigt die Behörden. Laut WDR und NDR besteht der Verdacht, dass damit militärische Transporte für Sabotageaktionen ausspioniert werden sollten. Bei einem Tatverdächtigen wurde durchsucht.

Von Manuel Bewarder WDR/NDR, Florian Flade und Ellen Waldeyer, WDR

An einem Mast in rund fünf Metern Höhe hing die kleine schwarze Kamera. Einem Mitarbeiter der Deutschen Bahn (DB) fiel das Gerät am Bahnhof von Minden in Nordrhein-Westfalen wohl eher zufällig auf. Es klebte zwar ein Aufkleber mit DB-Logo auf der Kamera – doch sie gehörte nicht der Bahn.

Nach Recherchen von WDR und NDR beschäftigt die kleine Kamera seit dem Fund am 29. September 2025 das nordrhein-westfälische Landeskriminalamt (LKA) und die Bundeswehr in erheblichem Maße. Die Ermittler vermuten, dass militärische Transporte und möglicherweise auch Waffenlieferungen an die Ukraine ausgespäht und vielleicht sogar Sabotagehandlungen gegen die Bundeswehr vorbereitet werden sollten.

Der Bahnhof in Minden ist wichtig für deutsche und britische Streitkräfte, und gilt als zentraler Verladebahnhof für den Schutz der NATO-Ostflanke.

Wohnung durchsucht

Am Dienstagmorgen rückten die Fahnder an: Im ostwestfälischen Detmold wurde die Wohnung eines Tatverdächtigen durchsucht. Das bestätigte die Staatsanwaltschaft Dortmund. Es handelt sich demnach um einen Litauer, der seit mehreren Jahren in Deutschland lebt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Mann wegen des Verdachts der Agententätigkeit zu Sabotagezwecken. Zu Details wollte man aus “ermittlungstaktischen Gründen” keine Angaben machen. Es gilt die Unschuldsvermutung.

In Sicherheitskreisen gilt der Fund der Kamera als schwerwiegend, weil es damit erstmals einen handfesten Hinweis auf die Ausspähung wichtiger militärischer Versorgungs- und Nachschubwege in Deutschland gibt. Schon länger warnen Sicherheitsbehörden und die Bundeswehr: Russland bereite sich auf eine mögliche kriegerische Eskalation gegen die NATO vor.

Während kurz nach dem Start des Angriffskrieges auf die Ukraine vor allem in osteuropäischen Ländern wie Polen russische Spionage-Aktionen entdeckt wurden, gibt es seit mehreren Monaten auch in Deutschland vermehrt Vorfälle und Festnahmen.

Wochenlange Observation

Im Fall der Kamera in Minden haben Ermittler nach Informationen von WDR und NDR wochenlang den Litauer observiert, sein Telefon abgehört und sogar eine Spähsoftware auf sein Smartphone installiert, um verschlüsselte Chats mitzulesen. Der Mann soll dabei zum Teil konspirativ agiert haben. Ermittler konnten offenbar mehr über sein Umfeld erfahren.

Mit der Durchsuchung hoffen sie jetzt, mehr Informationen zur heimlichen Installation der Kamera in Minden und den Hintergründen zu erfahren. Belege für den Auftraggeber konnten demnach bislang nicht gefunden werden. In Sicherheitskreisen geht man dem Verdacht nach, dass Russland dahinter stecken könnte.

Nach bisherigen Erkenntnissen des LKA soll der Litauer die Kamera der Firma Xega zunächst unbemerkt am Mindener Bahnhof angebracht haben. Das frei verkäufliche Gerät, das etwas mehr als 50 Euro kostet, verfügt über ein Solarpanel zur Stromversorgung und war nach Recherchen von WDR und NDR mit einer ausländischen SIM-Karte ausgestattet, sodass auch Live-Aufnahmen übertragen werden konnten.

Außerdem ist die Kamera nachtsichtfähig. Sie zeigte auf jenen Rangierbereich des Bahnhofs, wo unter anderem Bundeswehrtransporte abgewickelt werden. Auf der Kamera sollen Aufnahmen von abgestellten Zügen gespeichert gewesen sein.

Militärische Ziele im Fokus

Das Bundesministerium der Verteidigung verwies auf Nachfrage zum Kamerafund in Minden an die “zuständigen Ermittlungsbehörden”. Zur Bedeutung des Mindener Bahnhofs für die Logistik der Bundeswehr teilte ein Sprecher mit: “Bitte haben Sie Verständnis, dass aus Gründen der militärischen und operativen Sicherheit hier keine Angaben gemacht werden können.”

In Deutschland werden zunehmend militärische Ziele ausgespäht: Nicht nur Bundeswehrkasernen, Marinestützpunkte oder Flugplätze stehen laut Sicherheitsbehörden im Fokus russischer Geheimdienste, sondern auch zunehmend Infrastruktur wie Versorgungsstrecken und Transportwege.

Deutschland nimmt in den Planungen der NATO eine zentrale Rolle ein: als sogenannte “Drehscheibe” oder auch “Aufmarschgebiet”. Falls es zu einem Krieg zwischen Russland und dem Verteidigungsbündnis käme, würden NATO-Truppen aus unterschiedlichen Teilen Europas und Nordamerikas über Deutschland verlegt. Militärische Transporte liefen dann auf Schienen, Autobahnen und über Häfen in Richtung Osten.

Bahnhof Minden spielt wichtige Rolle

Der Bahnhof Minden spielt dabei eine wichtigen Rolle für deutsche und für britische Streitkräfte. In der nahegelegenen Herzog-von-Braunschweig-Kaserne ist das deutsch-britische Pionierbrückenbataillon 130 stationiert. Es handelt sich um eine hochspezialisierte Einheit, die als einzige in der NATO über das Schwimmbrückensystem M3 verfügt, mit dem Truppen innerhalb kurzer Zeit Flüsse überwinden können.

Verfassungsschutz und Militärischer Abschirmdienst (MAD) warnen schon länger, dass Moskau für Ausspähaktionen im Westen nicht nur auf professionelle Spione, sondern zunehmend auch auf angeworbene Spitzel und Saboteure ohne nachrichtendienstliche Erfahrung setzten.

Festnahmen in Polen in den vergangen Jahren

In Polen wurden bereits 2022 und 2023 mehrere Personen festgenommen, die offenbar von russischen Geheimdiensten angeworben worden waren, um militärische Ziele auszukundschaften und Sabotageakte zu verüben. Darunter waren auch 14 Männer, die von einem Gericht im polnischen Lublin verurteilt wurden, weil sie für Russland mit versteckten Kameras militärische Anlagen und Bahntransporte ausgespäht hatten.

Ebenso in Polen kam es Ende vergangenen Jahres zu einem Sprengstoffanschlag, bei dem Gleise einer Bahnstrecke zerstört wurden. Auf der Strecke waren auch Waffen für die Ukraine transportiert worden. Zwei verdächtige Männer sollen sich anschließend nach Belarus abgesetzt haben.

Bei den Attentaten wurde nach Recherchen von WDR und NDR kein selbst hergestellter Sprengstoff verwendet, sondern der unter anderem militärisch genutzte Plastiksprengstoff C4. Zudem wurde in der Nähe eines Tatortes offenbar eine Kamera entdeckt, ähnlich der, die am Mindener Bahnhof gefunden wurde. Die polnischen Behörden gehen davon aus, dass damit die Entgleisung eines Zuges gefilmt werden sollte. Möglicherweise zu Propagandazwecken.

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