Steigender Meeresspiegel: Venedig geht langsam unter

Steigender Meeresspiegel: Venedig geht langsam unter

Stand: 29.04.2026 • 07:21 Uhr

Der Klimawandel lässt den Meeresspiegel steigen. Zugleich sinkt der Boden unter Venedig ab. Forscher halten für möglich: Irgendwann muss die Lagunenstadt ins Landesinnere umziehen.

Venedig liegt nur knapp über dem Meeresspiegel, und der steigt. Schon heute liegt er rund 30 Zentimeter höher als noch vor 150 Jahren. Seit einigen Jahren schützt MOSE (Modulo Sperimentale Elettromeccanico) die Lagunenstadt vor Hochwasser. Dieses Sturmflutsperrwerk hat bewegliche Fluttore an den Öffnungen der Lagune, die sich bei Überflutungsgefahr schließen.

Hochwasserbarrieren reichen nicht aus

Mehr als sechs Milliarden Euro hat die Hochwassersperranlage in Venedig gekostet. Jedes Hochfahren und Absenken der Barrieren schlägt mit rund 200.000 Euro zu Buche. Noch viel höhere Kosten drohen jedoch, wenn diese Barrieren nicht mehr ausreichen. Szenarien für diesen Fall entwirft der Experte für Hochwasser-Prävention Piero Lionello von der Universität Salento. In einer neuen Studie für das Fachmagazin Scientific Reports warnt er: “Wir können Venedig noch eine Zeit lang schützen, ein paar Jahrzehnte, vielleicht etwas länger, aber nicht auf unbestimmte Zeit, wenn der Meeresspiegel weiter steigt.”

“Anstieg der Meeresspiegel im Auge behalten”

Die Meeresspiegel steigen weiter an, bestätigt Corinna Schrum, Ozeanografin am Helmholtz-Zentrum Hereon in Geesthacht. Wenn der Klimawandel weiter so rasch voranschreitet wie bisher, könnten sie auch an europäischen Küsten am Ende dieses Jahrhunderts bis zu einem Meter über dem jetzigen Pegelstand liegen. Die Forscherin, die sich mit Systemanalyse und Modellen in der Küstenforschung beschäftigt, plädiert für Wachsamkeit beim Thema Küstenschutz: “Wir müssen den Anstieg der Meeresspiegel im Auge behalten. Nicht nur, was in den Modellen in der Zukunft passiert, sondern wie es sich auf dem Pfad dahin entwickelt. Und wir müssen darauf vorbereitet sein.”

Venedig versinkt

Nicht nur vor Venedig steigt der Meeresspiegel. Überall auf der Welt sind Küstenregionen betroffen, zum Beispiel in Südostasien. Städte wie Venedig oder Jakarta, die Hauptstadt von Indonesien, haben aber nicht nur dieses Problem. Sie sinken zusätzlich ab. Die italienische Lagunenstadt Venedig steht auf zahlreichen Inseln, auf sumpfigem Untergrund aus Schlick und Sand. Jakarta wurde auf Schwemmland errichtet. Weil dem Boden zu viel Grundwasser entnommen wird, gibt er unter dem Gewicht der Gebäude nach.

Venedig ist in den vergangenen 100 Jahren um mehr als 20 Zentimeter abgesunken, nördliche Teile Jakartas sinken sogar um bis zu 25 Zentimeter pro Jahr. In Jakarta errichtete man in den 2000er-Jahren eine Betonmauer. Doch bald war klar, dass sie die Stadt in Zukunft nicht würde schützen können. Indonesiens Regierung setzt deshalb mittlerweile einen kühnen Plan um: Die Hauptstadt soll auf die Insel Borneo verlegt werden und den Namen Nusantara tragen. Ob das gelingt, ist noch fraglich. Aktuell stockt das Projekt, auch wenn schon Gebäude errichtet sind.

Muss Venedig umziehen?

Das Autorenteam der neuen Venedig-Studie hat berechnet, dass auch Venedig eventuell ein Umzug bevorsteht. Allerdings deutlich später als Jakarta. Bei einem Anstieg des Meeresspiegels von mehr als 4,5 Metern, mit dem die Forscher nach dem Jahr 2300 rechnen, könnte dieses Szenario tatsächlich notwendig werden.

Bis zum Ende des Jahrhunderts wird ein Meeresspiegelanstieg von etwa 40 bis 80 Zentimetern prognostiziert. Es könnten aber auch bis zu 180 Zentimeter sein, wenn der Ausstoß an Treibhausgasen nicht vermindert wird und die globale Temperatur um mehr als vier Grad Celsius ansteigt. Eine Verlegung Venedigs würde laut der Studie aktuell bis zu 100 Milliarden Euro kosten.

Moderne Technik gegen das Hochwasser

Wenn es um Hochwasserschutz auf hohem technischem Niveau geht, sind die Niederlande Vorbild. Das Land hat viel Erfahrung im Hochwasserschutz. Mehr als ein Viertel der Landesfläche liegt unter dem Meeresspiegel. Immer wieder mussten sich die Niederländer dem Meeresspiegelanstieg anpassen, mit Maßnahmen wie ständig weiterentwickelten Deichen und Deltawerken, Sandaufspülungen an der Küste und innovativem Wassermanagement (“Raum für den Fluss”). Bis zu einem Meeresspiegelanstieg von vier bis fünf Metern könnten sich die Niederlande entsprechend anpassen, sagt Wissenschaftlerin Corinna Schrum.

Deiche und Dämme: Gefahr für Venedigs Ökosystem

Noch kann Venedig mit technisch anspruchsvollen Maßnahmen der Hochwassergefahr entgegentreten. Laut der Studie ließe sich Venedig zum Beispiel durch ringförmige Deiche schützen, die das Stadtzentrum vom Rest der Lagune abtrennen. Kosten: bis zu 4,5 Milliarden Euro. Auch die Schließung der Lagune durch einen großen Damm (geschätzte Kosten von mehr als 30 Milliarden Euro) wäre eine mögliche Maßnahme – allerdings mit gravierenden Folgen für das Ökosystem. Denn nur durch den Austausch des Wassers zwischen Lagune und Meer können die Abwässer der Stadt ins Binnenmeer abfließen.

Zukunftsfähige Infrastruktur gegen Überflutung

Dem Worst-Case-Szenario, einer Verlegung Venedigs, will sich Ozeanografin Corinna Schrum nicht anschließen. Noch könne man nicht alle Faktoren der wirtschaftlichen, der technischen oder der Bevölkerungs-Entwicklung absehen: “Ich fand ermutigend an der Studie, dass es auf dem Weg bis zu einer Verlegung Venedigs noch viele Optionen gibt, die zwar nicht billig sind und ihre Vor- und Nachteile haben. Aber es gibt viel, was man tun kann, man muss nicht gleich alle Städte abreißen und auch Venedig nicht.” Entscheidender sei es, nachhaltige Stadtentwicklung voranzutreiben und zum Beispiel bei Küstenstädten vorausschauend Schleusen oder Entwässerungsanlagen zu bauen.

An der Lagunenstadt Venedig zeigt sich beispielhaft, dass Lebensraum, Ökosysteme und Kulturschätze auf dem Spiel stehen, wenn der Klimawandel weiter ungebremst seinen Lauf nimmt. Denn die Frage ist nicht mehr, ob der Meeresspiegel steigt, sondern wie gut Städte und Küstenregionen darauf vorbereitet sind.

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