Während schweres Gerät Trümmer räumt, ist die Zahl der Todesopfer in Venezuela auf 3342 gestiegen. Es fehlt an Medikamenten und Psychologen – und die Menschen fürchten sich davor, in ihre Häuser zurückzugehen.
In Palos Grandes, einem besonders schwer getroffenen Stadtteil in Venezuelas Hauptstadt Caracas, steht der Hauswart eines mehrstöckigen Wohnhauses vor der Haustür. “Señor Julio”, wie er von den Bewohnern genannt wird, deutet auf eine gelbe Plakette an der Fassade.
Das Schild signalisiert, dass das Gebäude betreten werden darf. Sobald einige Reparaturen durchgeführt seien, sei das Haus wieder uneingeschränkt zugänglich, sagt Señor Julio. Nur wenige Blocks weiter bietet sich ein anderes Bild: Ein 14-stöckiger Hochhauskomplex namens “Petunia” ist komplett eingestürzt.
Die gelbe Plakette an einem Gebäude in Venezuela zeigt, dass der Bau geprüft wurde und betreten werden darf.
Hotel bietet Opfern kostenlos Zimmer an
Aus Angst vor Nachbeben meiden viele Menschen ihre Wohnungen. Derzeit hielten sich nur noch acht von 35 Familien in dem Gebäude auf, berichtet der Hauswart. Auch er selbst sorge sich: “Ich kann zwar nachts schlafen, aber wenn es nur die kleinste Vibration gibt, dann schrecke ich auf.”
Ein anderer Bewohner, der im Erdgeschoss lebt, möchte seinen beiden drei und fünf Jahre alten Kindern die Situation nicht länger zumuten. Die Wände seiner Wohnung seien stark beschädigt und voller Risse. Die Familie ist vorübergehend in einem nahegelegenen Hotel untergekommen, dessen Besitzer Betroffenen kostenlos Zimmer anbietet. Nach dem Beben erlebe er ein völlig neues Venezuela, berichtet der Mann: Es herrsche ein starkes Gemeinschaftsgefühl, das er so vorher nicht gekannt habe.
Massive Kritik am Krisenmanagement
“Solidarität gab es sicher auch schon vorher, aber jetzt hat sie sich noch multipliziert”, so der Bewohner. “Irgendwann wird jedoch der Zeitpunkt kommen, an dem wir Fragen an die Regierung stellen und sie Rechenschaft ablegen muss.”
Die Kritik an der Interimsregierung unter Delcy Rodríguez nimmt in diesen Tagen massiv zu. Vor einer repressiven Reaktion der Behörden scheint kaum noch jemand Angst zu haben. “Diese Tragödie hat einmal mehr gezeigt, dass wir keine Regierung haben”, konstatiert der Hauswart nüchtern.
Angst und Desinformation prägen den Alltag
Um der Lage Herr zu werden, bildet die Hochschule für Ingenieure Freiwillige aus, die in den betroffenen Regionen von Tür zu Tür gehen. Der Koordinator Philippe Ruíz leitet täglich 400 dieser Fachkräfte an, um Gebäude auf ihre Statik zu überprüfen. Dabei stoßen sie auf Probleme: Viele Bürger meldeten Schäden aus Angst nicht.
“Gestern habe ich von Betroffenen gehört, die zwar Schäden haben, aber ihr Haus nicht verlassen wollen”, erklärt der Ingenieur. In solchen Fällen versuche das Team, die Menschen an sichere Orte zu bringen. Auf der anderen Seite gebe es jedoch auch Personen, die aus unbegründeter Angst auf der Straße schliefen. Desinformation verstärke diese Panik zusätzlich. Offiziellen Angaben zufolge stürzten durch die Erdbeben 190 Gebäude ein, weitere 856 wurden stark beschädigt. Die Zahl der Todesopfer ist auf 3342 gestiegen.
Nach wie vor übernachten zahlreiche Menschen in Zelten auf Bürgersteigen und in Parks. Laut offiziellen Regierungsangaben wurden mittlerweile rund 11.000 Menschen in 79 neu errichteten Notunterkünften untergebracht.
Mit schwerem Gerät gegen die Schuttberge
In der besonders schwer betroffenen Küstenregion des Bundesstaats La Guaira tragen Bagger und schweres Gerät inzwischen die Schuttberge ab. Für die Angehörigen der Vermissten ist dieser Anblick kaum zu ertragen: Mit dem Einsatz der schweren Maschinen sinkt die Wahrscheinlichkeit, noch Überlebende zu retten, gegen null.
Nur wenige Straßen weiter bietet sich ein Bild, das auf viele Betroffene zynisch wirkt: Dort ist das Militär im Einsatz, um Bürgersteige zu fegen, trockenes Laub zu entfernen und Unkraut auf dem Mittelstreifen zu zupfen.
Ein Bagger beseitigt Trümmer in Catia la Mar, Venezuela. Mit dem Einsatz der schweren Maschinen sinkt die Wahrscheinlichkeit, noch Überlebende zu retten, gegen null.
Notversorgung bei McDonald’s
Die Tür einer lokalen McDonald’s-Filiale steht sperrangelweit offen. Rettungskräfte mit Helmen gehen ein und aus. Statt Big Mac und Pommes werden hier nun jedoch lebenswichtige Medikamente ausgegeben. Auf der Softeistheke stapeln sich Schachteln mit Schmerzmitteln. Das Unternehmen hat die Filiale den freiwilligen Hilfskräften zur Verfügung gestellt.
Der Psychologe Daniel Fernández kümmert sich vor Ort um die traumatisierten Erdbebenopfer. Nach den akuten Rettungsaktionen sei die psychologische Betreuung jetzt essenziell, betont er: “Wir versuchen hier auch, akuten Suiziden vorzubeugen.” Soweit es möglich sei, versuche das Team, die Menschen zu stabilisieren. Fast alle, die Hilfe suchten, hätten ihre komplette Familie, ihr Haus oder ihre Wohnung verloren.
Die Überlebenden stehen vor dem Nichts. Fernández appelliert daher an die internationale Gemeinschaft: Es würden dringend Spenden für Medikamente – vor allem Psychopharmaka – sowie Finanzmittel für ein festes, dauerhaftes Team aus Psychologen benötigt. Die zu bewältigenden Probleme seien immens. Laut Schätzungen der Vereinten Nationen gelten nach wie vor bis zu 50.000 Menschen als vermisst. Das tatsächliche Ausmaß der Katastrophe lässt sich bisher nur erahnen.