Vorwürfe der Ausbeutung in der deutschen Fleischindustrie

Vorwürfe der Ausbeutung in der deutschen Fleischindustrie


exklusiv

Stand: 21.04.2026 • 10:18 Uhr

Für die deutsche Fleischindustrie werden zunehmend Arbeitskräfte aus sogenannten Drittstaaten angeworben – gegen hohe Vermittlungsgebühren. Hoch verschuldet leben und arbeiten sie dann unter prekären Bedingungen, wie Monitor-Recherchen zeigen.

Von Julius Baumeister und Luc Oeppert, WDR

Es sind meistens junge Männer aus Drittstaaten wie Indien und Vietnam, die nach Deutschland kommen. Der deutsche Lohn lockt die Menschen aus Ländern, in denen sie nur einen Bruchteil verdienen.

Doch der Traum von Europa wird für etliche Menschen aus Drittstaaten zur Falle: Sie geraten offenbar in ausbeuterische Verhältnisse und starke Abhängigkeit. Sie kommen mit Visa für Fachkräfte oder Saisonarbeiter und bezahlen für ihren Job in Deutschland vier- bis fünfstellige Summen an Vermittlungsgebühren – Schulden, die sie teils jahrelang in Deutschland abarbeiten müssen.

Recherchen des ARD-Politikmagazins Monitor zeigen, wie Vermittlungsagenturen für die deutsche Fleischindustrie ständig billige Arbeitskräfte nach Europa locken – und sogar vor Ort in Asien mitverdienen.

Hohe Gebühren: Was wusste Westfleisch?

“Meine Familie hat ihr ganzes Gold verkauft”, berichtet ein junger Mann gegenüber Monitor. Er kam erst im vergangenen Jahr aus dem indischen Bundesstaat Kerala für einen Job bei Westfleisch nach Deutschland. Kein Einzelfall – etliche Arbeiter von Westfleisch berichten von hohen Gebühren, darunter Männer aus Vietnam: “Nach unserer Hochzeit hatten meine Frau und ich noch etwas Geld übrig. Den Rest habe ich mir dann von Nachbarn, Verwandten und Geschwistern geliehen”, erzählt einer der Männer.

Westfleisch zeigt sich auf Monitor-Anfrage schockiert. “Wir missbilligen dieses Vorgehen ausdrücklich und stehen als Arbeitgeber für unsere Mitarbeitenden ein”, heißt es. Das Unternehmen selbst räumt ein, dass Gebühren von bis zu 15.000 Euro an Vermittlungsagenturen bezahlt wurden. Die verlangten Summen widersprächen dem eigenen Werteverständnis “zutiefst”.

Die Menschenrechtsexpertin Mimi Vu von der Organisation “Raise Partners” aus Vietnam nimmt die handelnden Konzerne indes in die Pflicht: “Die Unternehmen tragen die Verantwortung, sicherzustellen und zu überwachen, dass die Arbeiter, die sie einstellen und die ihnen von Agenturen vermittelt wurden, im Rekrutierungsprozess nicht ausgebeutet werden. Es braucht Rechenschaftspflicht, es braucht Verantwortung. Und das gilt für jede Art von Rekrutierung, besonders wenn es um Arbeitskräfte aus dem Ausland geht.”

Als Fachkraft eingereist – als Hilfskraft bezahlt

Wie aber funktioniert die Personalvermittlung und wie viel wissen die Unternehmen tatsächlich? Für das Fachkräfte-Visum müssen die Arbeiter irgendeine akademische Qualifikation nachweisen – und können dann in Deutschland als Fleischer arbeiten, einem Ausbildungsberuf. Aus Lohnabrechnungen, die Monitor einsehen konnte – geht jedoch hervor, dass sie nur als Produktionshelfer bezahlt werden. Westfleisch erwidert auf Anfrage, alle gesetzlichen Vorschriften einzuhalten.

Monitor-Reportern ist es zudem gelungen, wochenlang “undercover” Kontakt zu einer Personalvermittlung aufzubauen, die für Deutschlands Fleischkonzerne Arbeitskräfte vermittelt hat: der GG&C GmbH aus Süddeutschland. In der Vergangenheit hat diese für die Firma Westfleisch mehr als 100 Menschen aus Drittstaaten vermittelt.

Im Gespräch mit den verdeckten Reportern spricht die Geschäftsführerin davon, dass man die Arbeiter aus Drittstaaten jederzeit kündigen könne – auch nach der Probezeit. Die Reporter wurden auch mit einem Rabatt gelockt: Für drei vermittelte Arbeiter müsse man nur zweimal die Vermittlungsgebühr von 2.000 Euro bezahlen: Der dritte Mitarbeiter sei kostenlos.

Auf Anfrage distanziert sich die GG&C GmbH ausdrücklich von überhöhten oder intransparenten Gebühren, man setze sich für faire Bedingungen ein. Doch das Unternehmen räumt ein, dass lokale Partner für bestimmte Dienstleistungen vor Ort Aufwandsentschädigungen berechnen. Westfleisch teilt auf Anfrage mit, die Zusammenarbeit mit der GG&C GmbH mittlerweile beendet zu haben.

Zu den Kunden dieser Agentur gehörten nach Monitor-Recherchen auch andere Unternehmen der Fleischbranche, bis hin zum Branchenriesen “Tönnies”, heute “Premium Food Group”. Das Unternehmen teilt mit, die Zusammenarbeit mit der GG&C GmbH inzwischen beendet zu haben: “Solche Praktiken sind für uns inakzeptabel.” Die Rekrutierung von Arbeitskräften erfolge “ausschließlich rechtskonform”. Darüber hinaus gibt der Tönnies-Konzern an, nach wie vor alle rekrutierten Arbeitnehmer aus Indien zu beschäftigen.

Kündigung bei Krankheit?

Für die Arbeiter aber bleibt die Lage oft schwierig. So berichten andere indische Arbeiter darüber, von Westfleisch im Krankheitsfall in der Probezeit entlassen worden zu sein. Weil der Arbeitgeber in diesem System häufig auch die Wohnung stellt und die Miete direkt vom Gehalt einbehält, hätten sie auch die Schlafplätze räumen müssen. Westfleisch schreibt dazu auf Anfrage, dass in der Vergangenheit “in Einzelfällen (…) die Zusammenarbeit mit Mitarbeitenden beendet” worden sei. Man wolle nun ein “finanzielles Unterstützungspaket für besonders betroffene Mitarbeitende aufsetzen”.

Doch Monitor-Recherchen zeigen: In Vietnam hat Westfleisch selbst Vermittlungsgebühren von Mitarbeitern kassiert. Auf Anfrage bestätigt Westfleisch, zeitweise Vermittlungspauschalen erhoben zu haben. Man sei damit dem – in Vietnam gängigen und rechtskonformen Modell – gefolgt. Diese hätten eine “angemessene und vertretbare Höhe” gehabt und unter anderem einen Sprachkurs beinhaltet.

Die Abhängigkeit der Arbeitnehmer und der Druck, der auf ihnen lastet, erreiche mit Menschen aus Drittstaaten ein neues Level, sagt Peter Kossen. Der Pfarrer aus Lengerich setzt sich seit Jahren für betroffene Arbeiter in der Fleischindustrie ein: “Da haben Familien Kredite aufgenommen und ihren jungen Menschen losgeschickt. Man kann das Projekt nicht einfach abbrechen. Sonst geht man zurück und hat gar nichts gewonnen – nur Schulden angehäuft.”

Minister Laumann: Verstoß gegen die Würde des Menschen

Bereits in der Vergangenheit war die Fleischindustrie wegen der Ausbeutung ihrer Arbeiter und der Personalvermittlung mit Hilfe von Subunternehmen in die Schlagzeilen geraten. Damals versprach man Besserung.

Die Politik reagierte mit einer verschärften Gesetzgebung und verbot etwa sogenannte Werkverträge in der Branche, wonach Arbeitnehmer nicht direkt bei den Fleischkonzernen, sondern bei Subunternehmen angestellt worden waren. Dass Konzerne die Verantwortung abwälzen, sollte endgültig beendet werden. NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) beschrieb die Zustände in der Fleischindustrie damals als “die organisierte Verantwortungslosigkeit”.

Auf Nachfrage sieht Laumann heute keinen Grund für Änderungen der rechtlichen Rahmenbedingungen. “Werden die Beschäftigten nach ihrer Einreise nicht (…) in einer qualifizierten Beschäftigung eingesetzt oder bezahlt, stellt das einen rechtlichen Verstoß dar.” Die Arbeit vieler Vermittlungsagenturen sieht Laumann indes kritisch: “Vermittlungsagenturen tragen eine große Verantwortung bei der Anwerbung internationaler Fachkräfte. Wenn Menschen aus dem Ausland zu uns kommen, um hier zu arbeiten, muss das fair und transparent ablaufen”, so Laumann.

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