Stand: 01.07.2026 • 11:18 Uhr

Hohe Energiekosten und wachsende Konkurrenz: Die Stahlindustrie ist in der Dauerkrise. Hinzu kommen neue US-Zölle auf europäischen Stahl. Trotzdem glänzten Stahlaktien zuletzt mit steigenden Kursen.

Stefan Wolff

Hohe Verluste, Personalabbau, weniger Aufträge – die deutsche Stahlindustrie sticht nicht gerade mit guten Nachrichten hervor. Ganz im Gegenteil durchläuft die Branche eine tiefe Krise. Europas Industrie braucht zwar sehr viel Stahl, doch kommt dieser mehr und mehr aus dem Ausland.

Warum, weiß Martin Brückner vom Rohstoffportal Matflix: “Schlichtweg, weil er billiger ist. Und schlichtweg, weil die Energie im Ausland billiger ist, vor allem in China. Das macht dann schnell mal 50 Prozent aus.”

Umbau zu grüner Produktionen kostet Geld

Das ist ein klares Argument für ausländischen Stahl, zumal die Unternehmen zusätzlich ein weiteres Projekt verfolgen: den Umbau hin zu grüner, also nachhaltiger Stahlerzeugung. Das macht die Produkte erst einmal teurer, also weniger wettbewerbsfähig. Sich andere Märkte zu suchen, erscheint da wenig sinnvoll, zumal einer der wichtigsten Abnehmer, die USA, erneut die Zollschrauben angezogen hat.

Je nach Warenkategorie fallen ab heute Zusatzzölle zwischen 15 und 50 Prozent an. Für die Unternehmen wird es nun noch schwerer, seriös zu kalkulieren. Denn bei der Maßnahme geht es nicht mehr nur um Stahl. “Sie richtet sich auch nicht mehr gegen den Metallanteil, sondern gegen den gesamten Warenwert”, sagt Ascan Iredi von der Plutos Vermögensverwaltung.

Unternehmen sind bereits schlanker geworden

Auch wenn die Europäische Union ebenfalls Zölle gegen billige Stahlimporte eingeführt hat, sind die US-Zölle ein herber Schlag für die Branche. Und trotzdem sind die Kurse der Stahlkocher an der Börse durchaus gefragt. Papiere von Salzgitter oder Thyssenkrupp legten in den vergangenen drei Monaten zweistellig zu. “Der Erfolg hat viele Väter”, sagt Iredi.

Zum einen gebe es die Diskussion um den verbilligten Industriestrom. Zum anderen seien die Kapazitäten angepasst worden. Und die Nachfrage ziehe wieder an, so der Kapitalmarktstratege. Die Unternehmen sind also schon schlanker geworden – auch auf Kosten von Beschäftigung. Außerdem orientieren sich viele Anbieter um und spezialisieren sich, zum Beispiel auf Rüstung.

Rüstung kann die Produktionsmenge nicht ausgleichen

Die Rettung sei das aber nicht, urteilt Matflix-Experte Brückner. “Mit diesen Spezialstählen kann man viel Geld verdienen, also das Fünf- bis Siebenfache im Vergleich zu 08/15-Autostählen.” Insofern könne sich das zwar auf der Ergebnisseite auswirken. “Von den Mengen her aber sicherlich nicht.”

Die Probleme bleiben demnach bestehen und die Stahlindustrie ist weiter eine Baustelle. Deshalb versucht zum Beispiel Thyssenkrupp seit einiger Zeit, das Stahlgeschäft ganz zu verkaufen – und damit ein Drittel des gesamten Umsatzes. Das ist allerdings verlustreich. “Natürlich ist das alles nicht befriedigend”, sagt Iredi. Doch die Börse neige gern dazu, nach jedem Strohhalm zu greifen.

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