Wenn junge Menschen mit Depressionen Hilfe bei KI suchen

Wenn junge Menschen mit Depressionen Hilfe bei KI suchen

Stand: 28.04.2026 • 19:31 Uhr

Viele junge Menschen wenden sich bei Depressionen an Künstliche Intelligenz. Eine aktuelle Befragung beleuchtet, wie Sprachmodelle wie ChatGPT als Hilfe genutzt werden – und welche Risiken bestehen.

Immer mehr junge Menschen sind von Depressionen betroffen. Doch oft dauert es lange, einen Therapieplatz zu bekommen. Viele junge Betroffene suchen dann Rat bei ChatGPT oder anderen Sprachmodellen.

Wie häufig die KIs bei psychischen Problemen genutzt werden und mit welchem Ergebnis, hat die Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention in einer großen Befragung unter 2.500 jungen Menschen zwischen 16 und 39 Jahren untersucht. Die Ergebnisse wurden jetzt vorgestellt.

Psycho-Coach Chatbot

In der Umfrage machten die Freiwilligen Angaben darüber, ob und wie sie mit KI-Chatbots über eigene psychische Probleme sprechen. Gut ein Fünftel der 2.500 Befragten hatte eine medizinische Depressionsdiagnose.

Die Befragung zeigt, wie verbreitet KI als Psycho-Coach schon ist: Unter den Teilnehmenden mit einer diagnostizierten Depression haben 69 Prozent bereits Chatbots für Gespräche über psychische Probleme genutzt. 35 Prozent haben mit der KI direkt über ihre Depression gesprochen. Wer gerade in einer depressiven Phase war, fragte die KI sogar noch häufiger um Rat. Auch in längeren Gesprächen, ähnlich wie mit einem Menschen.

Hier gibt es Hilfe bei einer Depression

Beim Verdacht auf eine Depression und als erste Anlaufstelle für Betroffene bieten die Telefonseelsorge und das Info-Telefon der Deutschen Depressionshilfe Unterstützung per Mail, Chat und Telefon. In akuten Krisen, Notfällen und bei Suizidgedanken sollte umgehend eine psychiatrische Klinik oder der Notarzt telefonisch unter der 112 kontaktiert werden. Auf dieser Seite kann nach Adressen Psychiatrischer Kliniken gesucht werden. Zusätzlich sollte in jedem Fall das Gespräch mit einem Arzt oder einer Ärztin beziehungsweise mit einer Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten gesucht werden. Der Hausarzt sowie Online-Plattformen können bei der Suche und Vermittlung helfen. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe stellt auch dieses kostenlose Online-Tool zur Verfügung.

Überwiegend positive Erfahrungen mit ChatGPT und Co.

Besonders überraschend sei die überwiegend positive Erfahrung der Teilnehmenden, sagt Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention. So gaben 75 Prozent der Teilnehmenden mit Depressionsdiagnose an, gestärkt aus den Unterhaltungen hervorgegangen zu sein. 65 Prozent hätten sogar “Nähe und Verbundenheit” gespürt. “Das ist ja doch sehr erstaunlich, wenn man mit einer Maschine kommuniziert”, meint Ulrich Hegerl. “Und auch dass das gar nicht oberflächlich war – 79 Prozent sagen, das war tiefgehend.”

Ergänzung, aber kein Ersatz für Therapie

Auch die 24-jährige Studentin Angelina nutzt schon länger ChatGPT, um mit ihrer Depression besser klarzukommen. Für sie ist die KI allerdings nur ein zusätzliches Hilfsmittel. Sie war vor der Nutzung des KI-Bots bereits in Therapie. Angelina nutzt die KI vor allem, um eigene Gedanken besser zu strukturieren. Bei schwierigeren Entscheidungen sei der Input des Chatbots wenig hilfreich, so ihre Erfahrung.

Das größte Risiko sieht sie darin, Freunde und Familie zu vernachlässigen. “Man sollte es mit Bedacht nutzen und auf keinen Fall das Umfeld vernachlässigen. Auch wenn das in der Depression super schwerfällt, sich an das Umfeld zu wenden.” Auch der Psychiater Ulrich Hegerl warnt vor dem leichtfertigen Einsatz bei Depressionen. “Manche Menschen sagen, ich muss, wenn ich diese Programme verwende, dann gar nicht mehr zum Arzt gehen und eine Diagnose stellen lassen. Andere sagen, es ist für mich ein Weg, um mir selbst zu helfen. Und bei dieser schweren Erkrankung Depression sehe ich das sehr kritisch.”

KI gibt keine Widerworte – Chance oder Risiko?

Obwohl viele junge Nutzerinnen und Nutzer von KI sich in der Befragung positiv äußerten, gab es auch negative Erfahrungen. 53 Prozent der Teilnehmenden berichteten davon, dass sie nach den KI-Kontakten häufiger an Selbstverletzung oder Suizid dachten. Trotzdem empfanden zwei Drittel der Teilnehmenden, die schon in Psychotherapie waren, den Austausch mit der KI als genauso gut oder sogar besser als mit ihren menschlichen Therapeuten.

Ein wichtiger Unterschied sei, dass die KI weniger Druck mache, so eine häufige Antwort – auch von Befragten ohne festgestellte Depression. Ein zwiespältiges Ergebnis, sagt Ulrich Hegerl. Denn bei einer Depression sei es fatal, wenn Therapeuten Druck aufbauen. Bei anderen psychischen Problemen sei das aber nicht der Fall. Dann sei, so Hegerl, “natürlich eine KI, die einem immer nur nach dem Mund redet und einen bestärkt in allem, was man tut, nicht geeignet, um Verhaltensänderungen zu induzieren”.

In der Psychotherapie arbeite man beispielsweise darauf hin, dass Patienten lernen, Selbstüberforderungen zu vermeiden. Zudem fordere man sie dazu auf, gewisse Dinge anders zu machen. Das könne allerdings auch einen gewissen Druck erzeugen. Die KI dagegen macht es ihren Nutzerinnen und Nutzern leicht, sie gibt kaum Widerworte.

Die 24-jährige Angelina meint, dass die ständige Verfügbarkeit von KI-Chatbots auch eine gefährliche Sogwirkung entfalten könne. Man beginne ein Gespräch, schreibe immer weiter und verliere sich dabei, ohne dass jemand auf der anderen Seite sei, der einen stoppe. Ihrer Meinung nach fehle die wichtige Rückmeldung, wann es genug sei und wann es Zeit wäre, sich abzulenken oder etwas Positives zu tun. Das Risiko, sich in Grübeleien zu verlieren, sei daher sehr hoch.

Weitere Studien nötig

Ulrich Hegerl von der Deutschen Depressionshilfe fordert dringend große Studien, damit sich Risiken und Nutzen von KI bei Depressionen besser abwägen lassen. Da derzeit noch belastbare Daten fehlen, fällt sein Fazit so aus:

“Man kann die KI nicht nutzen, um zu einer Diagnose zu kommen. Ich würde mich auch auf keinen Fall alleine darauf verlassen bei der Behandlung – dafür ist die Behandlung Depression viel zu schwer. Wir haben leitlinienbasierte Behandlungen, Antidepressiva, bestimmte Formen der Psychotherapie.” Es gebe Belege, dass die wirkten. Hegerl würde sich auf das verlassen, wo es Wirksamkeitsbelege gebe und wo man die Risiken kenne.

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