Die Farben knallen, das Design ausgefallen: Fußballtrikots sind aus der Modewelt nicht mehr wegzudenken. Auch die großen Sportartikelhersteller reiten auf der Nostalgiewelle. Woher kommt der Hype?
Vielleicht ist es dieses eine Bild, das die Retro-Trikots endgültig in den Mainstream katapultierte. Kim Kardashian ist auf einem Parkplatz abgelichtet, kurze Radlerhose, schwarze Sneaker, eine überdimensionale Sonnenbrille im Gesicht.
Doch der eigentliche Hingucker ist Kardashians Shirt: ein altes Trikot der AS Roma, mindestens zwei Nummern zu groß, in weinrot mit orangenen Akzenten. Das Heimtrikot der Saison 1997/98, der Spielzeit, in der ein gewisser 21-Jähriger namens Francesco Totti seinen Durchbruch bei der Roma feierte.
Das Roma-Trikot wird zum It-Piece
Das Bild löst einen Hype um Trikots des dreifachen italienischen Meisters aus. Insbesondere bei Menschen, die den Namen von Roma-Legende Francesco Totti wohl noch nie gehört haben. Durch die Bilder von Kim Kardashian steigen die Inserate für Roma-Trikots der Saison 1997/98 schlagartig. Besitzer des Shirts möchten vom Hype profitieren, Kardashians Fans wollen das Trikot tragen, ohne den Verein überhaupt zu kennen. In Deutschland etwa legt ein Fan für das Retro-Trikot seines Lieblingsvereins schon mal 225 Euro hin.
Natürlich ist Kim Kardashian nicht die erste, die sich im Vintage-Leibchen ablichten lässt und damit das Internet beeinflusst: Schon lang präsentieren sich Rap-Ikonen in Trikots oder erwähnen Basketballer und Fußballer in ihren Texten. Und das wiederum hat Auswirkungen auf ihre Fans und deren Outfits.
Doch dass der Trikot-Style im Mainstream ankommt, ist im Januar 2023 neu – und hat auch 2026 nichts von seiner Strahlkraft verloren.
Hauptsache, die Farben knallen
Ein Retro-Fußballtrikot kombiniert mit weiten Jeans und zeitlosen Sneakern: Was schon vor Kim Kardashians Auftritt im Roma-Trikot als eher nischiger Online-Trend startet, ist mittlerweile etablierter Streetwear-Look und aus der Modewelt nicht mehr wegzudenken. TikToker Brandon Huntley sagt den Modetrend im Jahr 2021 voraus und tauft ihn “Blokecore” – eine Zusammensetzung des englischen Wortes “bloke”, was so viel bedeutet wie “Kerl”, und dem Suffix “core”, Synonym für Trend oder Style.
Und es dauert nicht lang, bis der Trend um einen Dreh erweitert wird: Unter dem Hashtag “Blokette” werden Fußballtrikots mit Elementen des “coquette style” wie Rüschen, Schleifen und Spitze kombiniert.
Die neuen Namen bringen neuen Hype mit sich. Social Media wird mit Fotos und Videos geflutet, auf denen junge Menschen stolz ihre besten Funde präsentieren. Das Vereinswappen, Triumphe, Tränen und Traditionen spielen dabei eine untergeordnete Rolle – Hauptsache, die Farben knallen, das Design ist ausgefallen und es handelt sich idealerweise um ein Vintage-Stück.
Retro ist auch bei aktuellen Trikots angesagt
Mittlerweile reiten auch die großen Sportartikelhersteller auf der Nostalgiewelle. Es ist wohl kein Zufall, dass das diesjährige Leibchen der deutschen Männer-Nationalelf sehr an die Trikots der Neunzigerjahre erinnert. Die spitzzulaufenden schwarz-rot-goldenen Streifen auf der Brust zitieren bewusst den Look des Weltmeister-Trikots von 1990. Schon das grüne Auswärtshemd der EM 2012 war eine bewusste Hommage an die Europameister von 1972.
Schwarz-Rot-Gold auf der Brust: Das Trikot von Lothar Matthäus aus dem Jahr 1990 erinnert an …
… das aktuelle Design der deutschen Fußball-Nationalmannschaft.
Die Großereignisse sind ein wichtiger Markt für die Hersteller: Adidas, das 14 der 48 WM-Teams ausstattet, gab den Umsatz, der direkt mit dem Turnier in den USA, Mexiko und Kanada in Verbindung steht, mit einer Milliarde Euro an. Wie viel davon auf Trikots entfällt, nennt das Unternehmen nicht. Für die deutschen Fans steht der Preis aber fest: Ein Trikot für Erwachsene beginnt ab 100 Euro.
Das Trikot ist zum Verkaufsschlager und Modetrend geworden, aber für viele Fans bleibt es mehr als ein Kleidungsstück. Identifikation und Leidenschaft können in den Leibchen stecken – und natürlich Tradition. Umso größer ist die Verlockung, wenn sich diese in der Kleidung zeigt.
Der Retro-Bezug wird noch deutlicher, wenn man sich die peripheren Kollektionen der Ausstatter anschaut: Trikots von vergangenen Meisterschaften werden neu aufgelegt, klassische Vereinswappen wiederbelebt und Designs aus der Vergangenheit modern interpretiert. Auch Bundesliga-Vereine bringen in Sondertrikots Elemente aus vergangenen Spielzeiten ein und verkaufen Lifestylekollektionen im Retro-Stil.
Fußball-Accessoires – auch ganz ohne Fußball
Zurück zum “Blokecore”-Look, denn der geht inzwischen über Fußballtrikots hinaus, auch Vintage-Trainingsjacken und -Jogginghosen sind gerne gesehen. Streng genommen braucht es für den Fußballfan-Look nicht mal mehr den Fußball: Auch Musikerinnen und Musiker verkaufen mittlerweile Merchandise im Sport-Stil, mit Trikots zur Tour, fransigen Fanschals und teuren Trackpants.
Und wer dann in Sachen “Blokecore” noch immer nicht ausreichend ausgestattet ist, der wird notfalls auch an traditionell eher fußballfernen Orten fündig: in Museumsshops, Theatern oder Opernhäusern.
Vielleicht eine Idee, um die hiesige Kulturszene anzukurbeln: Einfach mal einen Museumsschal an Kim Kardashian schicken.

